Der Angeklagte hat gleich am ersten Prozesstag ein Geständnis abgelegt. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Weil er den Fahrpreis nicht bezahlen wollte, hat ein Mann einen Taxifahrer mit einem Messer bedroht. Jetzt steht der Mann vor Gericht.

Stuttgart - Der Mann könnte der Traum jedes Integrationsbeauftragten sein. Eigentlich. Doch jetzt sitzt der 35-Jährige auf der Anklagebank vor der 19. Strafkammer des Landgerichts und sieht einer mehrjährigen Gefängnisstrafe entgegen – und das wegen 18,40 Euro.

Es ist die Nacht auf den 12. März dieses Jahres. Der Mann hat in der Innenstadt mehrere hochprozentige Getränke und laut eigener Aussage zwei bis drei Nasen Kokain zu sich genommen. Dann kommt er auf die Idee, seine Freundin in Heumaden zu besuchen. Er fährt mit der Stadtbahn nach Degerloch, weiter kommt er nicht. Deshalb geht er zum Taxistand. Dort trifft er auf eine junge Frau, die ebenfalls ein Taxi nehmen will. Er sagt, sie könne mitfahren, er bezahle. An der Bockelstraße in Heumaden lässt der Mann den Chauffeur stoppen. „Ich habe kein Geld, aber ein Messer“, so der Fahrgast. Er kramt ein Klappmesser aus seiner Hosentasche und hält es dem Fahrer hin. Dann gehen er und die Frau von dannen. Die Frau kommt allerdings gleich zurück und sagt zu dem ­Taxifahrer, sie habe Angst wegen des Messers. Der Täter wird kurze Zeit später festgenommen.

Dem Mann blühen mehrere Jahre Gefängnis

Oberstaatsanwalt Matthias Schweitzer wirft dem 35-Jährigen schwere räuberische Erpressung vor. Da er das Messer als Drohmittel eingesetzt haben soll, blühen ihm fünf Jahre Gefängnis. Ob es dabei bleibt, ist unklar. Denn der Angeklagte hat etliche Vorstrafen und steht unter Bewährung.

Bei der Polizei hatte der Angeklagte noch behauptet, er habe zwar den Fahrpreis nicht bezahlt, habe aber kein Messer eingesetzt. Jetzt legt der Mandant von Strafverteidiger Markus Okolisan ein umfassendes Geständnis ab, nachdem ihm der Vorsitzende Richter Norbert Winkelmann ins Gewissen geredet hatte. „Mit Blödsinnsdarstellungen schaden Sie sich“, so der Richter. Das Geständnis des Mannes beinhaltet jetzt das Messer.

Der Werdegang des durchaus eloquenten Burschen könnte eine Erfolgsgeschichte sein. Er ist in der russischen Föderation geboren, kam aber 1993 ohne Sprachkenntnisse mit Bruder und Mutter nach Deutschland, wo er wegen seiner Abstammung die deutsche Staatsbürgerschaft bekam. Er schaffte die Realschule und danach sogar die Fachhochschulreife. In Stuttgart beendete er ein Architekturstudium mit dem Bachelor, arbeitete als Bauzeichner in Schorndorf und als angestellter Architekt in Stuttgart. „Das war mein berufliches Highlight“, sagt er. Ein Bilderbuch-Einwanderer.

Drogen schon mit 14 Jahren

Wenn da nicht der Alkohol und die Drogen wären. Schon im Alter von 14 Jahren rauchte er Cannabis, ehe er seine Drogenkarriere mit Speed, Kokain und Heroin fortsetzte. Immer wieder geriet er in Schlägereien, mehrmals landete er im Gefängnis. Zuletzt lebte er von Hartz IV und schlief in einer Notunterkunft. Jetzt will er unbedingt eine Therapie machen, was Richter Winkelmann für dringend erforderlich hält. „Sonst können wir bei Ihnen eine Drehtür einbauen“, so der Richter. Soll heißen, wenn sich nichts ändert, taucht der Mann immer wieder vor Gericht auf. Der Prozess wird fortgesetzt.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: