Kleine Häuschen, schöne Gärten: die Anwohner lieben ihre Siedlung. Foto: Georg Linsenmann

Das Eiernest im Stuttgarter Süden ist in einer Fernseh-Doku Beispiel für sozialen Wohnungsbau in der Weimarer Republik.

S-Süd - Wohnen im Südwesten“ heißt das 90-Minuten-Stück des Südwestrundfunks (SWR). Keine Frage, dass dafür die historische Eiernest-Siedlung pittoreske Bilder liefern kann! Gleichwohl dient das unter Denkmalschutz stehende Ensemble aus 176 Häusern laut SWR-Frau Daniela Kress nicht der bloßen Illustrierung. Der Grund, sich filmisch mit dem Eiernest zu befassen, sei ein anderer gewesen: „Dass Wohnen immer teurer wird, dass es bei vielen Menschen einen Großteil des Einkommens verschlingt.“

Die Frage sei, „wie es dazu kommen konnte“. Bei der Antwortsuche wählt der Film eine Hundert-Jahre-Perspektive, mit dem Eiernest am Ausgangspunkt: „Ob es ausreichend bezahlbaren Wohnraum gibt, hat immer auch damit zu tun, ob sich der Staat dafür einsetzt, dass es Wohnungen zu zivilen Preisen gibt“, sagt Kress. Der Film von Judith Voelker begebe sich „auf Spurensuche in der Geschichte“ – und findet mit dem Eiernest, das 1926 im Rahmen eines Notstandsprogrammes in städtischer Regie hochgezogen wurde, ein historisch prägnantes Beispiel für staatlich geförderten, kommunalen Wohnungsbau.

Ein paar Beauty-Shoots

Wie aber hat sich die Kölner Regisseurin bei ihrer Erstbegegnung dem Eiernest genähert? Von außen nach innen: „Wir sind zunächst in der Gegend herumgelaufen und haben ein paar Beauty-Shoots gemacht“, erzählt Voelker. Die Schöne wurde also mal wieder von ihrer schönsten Seite eingefangen. Mit Postkartenmotiven, an einem schönen Spätsommertag. Danach sei das Team mit der Kamera „langsam durch die Siedlung gefahren“, habe zudem mit Hilfe einer Drohne einen Blick auf die Siedlung geworfen: „Damit man das Eiernest, mit dem Wald im Rücken, in seinem Bezug und im Vergleich zur Stadt erkennen kann“, erklärt Voelker.

Den Rest des Tages war die dreiköpfige Crew dann bei Gunter Reich, durfte sich im Haus um- und bei der Gemüse- und Kartoffelernte im Hintergarten zuschauen. Reich, tief im achten Lebensjahrzehnt stehend, ist ein gefragter Mann in Sachen Eiernest, immer wieder. Er hat sein ganzes Leben hier verbracht, ist ein Füllhorn an „Eiernest-Geschichten: „Neun Stunden waren sie hier, alles wollten sie wissen. Und alles haben sie original bekommen!“ erzählt Reich, der auch viele Jahre im Mieterbeirat der SWSG war und sich einst gegen den Verkauf der Häuser durch die städtische Wohn- und Siedlungsgesellschaft gestemmt hatte: „Ich fand es immer wichtig, wie hier die Stadt einmal gegen Wohnungsnot angegangen war.“ Auch sonst hat er sich für „sein Eiernest“ engagiert: „Ich wollte immer, dass es in seiner historischen Gestalt erhalten bleibt. Heute gibt es wieder Wildwuchs, aber das Denkmalamt ist eine zahnlose Behörde“, ärgert sich Reich, stellt mit Blick auf den Film dann aber dies in den Vordergrund: „Ich freue mich, dass das einst als asoziale Arme-Leute-Siedlung diffamierte Eiernest heute in seinem sozialen Wert und Charakter erkannt und so dargestellt wird.“

Sozialprojekt aus der Weimarer Republik

Christina Kühn ist 2009 aus West zugezogen: „Es ist ein Traum,“, sagt sie, „man ist in fünf Minuten im Wald und in der Stadt.“ Klar, 60 Quadratmeter für zwei Personen sei „Ansporn für intelligentes, puristisches Einrichten“. Dafür habe man aber „einen schönen Garten“. Und im übrigen „nur ganz wenig Verkehr“. Die Lebensqualität sei unvergleichlich: „Im Westen habe ich aufs nächste Haus gesehen, hier habe ich Weitblick.“ Nicht minder wichtig ist ihr „die gute soziale Durchmischung. Jedes Alter jede soziale Schicht. Das hat hier eine gute Balance und trägt zur kommunikativen Atmosphäre bei.“

Für Voelker war der Eiernest-Besuch „angenehm und eindrücklich“: „Mit ein bisschen Vorstellungsvermögen kann man sich hineindenken, wie Wohnen in einem solchen Sozialprojekt aus der Weimarer Republik sich dargestellt hat. Es muss sehr beengt gewesen sein. Zwei Familien auf 60 Quadratmetern. Wo haben die sich gestapelt? Fließendes Wasser nur in der Küche, wo die Kochstelle auch die einzige Heizung war. Das ist natürlich sehr weit weg von heutigen Standards, war aber doch ein Lösung gegen Wohnungsnot.“ Insofern sei das Eiernest „ein relevantes Beispiel, wie der Staat etwas gegen diese Not getan hat“. Voelker fügt hinzu: „Das wäre heute auch wieder vonnöten.“

„Wie der Südwesten wohnte“ wird am Sonntag, 25. Februar, um 20:15 Uhr im SWR Fernsehen gezeigt.

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