Ziemlich kahl: So sah der Eichenhain aus, als Manfred Werner (81) noch ein Kind war. Foto: privat/Werner

Anwohner ärgern sich bis heute, die Stadtverwaltung indes jubelt: Durch die massiven Rodungen im Eichenhain in Stuttgart-Sillenbuch erholen sich Tiere und Pflanzen auf dem geschützten Magerrasen. Auch Manfred Werner freut sich. Denn er kennt den Park seit frühester Kindheit.

Sillenbuch - Die Kleinhohenheimer Wiesen sind mit Frost überzogen, der Atem vor den Nasenspitzen von Lilly und Manfred Werner kondensiert, doch die Eheleute genießen den morgendlichen Marsch. Bewegung tut gut, außerdem erfreut sich das Paar am Blick hinüber zum Eichenhain. Und daran, dass es den Eichenhain überhaupt wieder sehen kann. „Der war total zugewachsen“, sagt Manfred Werner. Brombeeren und Schlehen, zählt seine Frau auf. Vor etwas mehr als einem Jahr sind Bäume und Gestrüpp im großen Stil abgeholzt worden, auch dieser Tage sind die Waldarbeiter wieder da.

Bei etlichen Anwohnern hatten die Eingriffe Ende 2017 große Empörung ausgelöst. Zu massiv, hieß es, unnötig, einige unterstellten Geldmacherei mit dem Holz. Manche verliehen ihrem Missfallen mit Grablichtern Ausdruck. Dass jetzt wieder geschafft wird, macht die Stimmung wohl nicht besser. Manfred Werner indes gefallen der jetzige Anblick und die gelichteten Baumreihen „gut, da der Eichenhain in sein Ursprungsaussehen versetzt wurde“.

Der Eichenhain war sein Spielplatz

Er muss es wissen. Der heute 81-Jährige ist auf der Domäne Kleinhohenheim aufgewachsen, hatte als Sohn eines Melkers den Park bis zum 23. Lebensjahr stets im Blick. „Das war mein Spielplatz. Und mein Kampfplatz gegen die Riedenberger Buben“, sagt er lächelnd. Die Erinnerungen des Seniors an seine Jugend scheinen noch frisch: An den Viehweg Richtung Domäne, der so matschig war, dass man zwei Schuhpaare brauchte, „die dreckigen haben wir dort, wo die Straße anfing, in der Hecke versteckt“. An den einen Luftschutzbunker von dreien im Eichenhain, in den die Familie einmal, am 23. Februar 1945, geflüchtet war – als Pforzheim in Schutt und Asche gelegt worden war. Ans Ski- und Schlittenfahren, das allzu oft jäh im Bach geendet war. Oder eben an die Natur, wie sie früher war. Lilly Werner, die ihren Manfred kennengelernt hatten, als sie ins Mädchenwohnheim in der Nachbarschaft gezogen war, erzählt vom Enzian, von Orchideen und „Silberdisteln wie auf der Alb“. „Die waren irgendwann weg“, sagt ihr Mann.

Die Werners hoffen, dass sie diese Schönheiten bald wiedersehen. Bei der Stadt jedenfalls ist man zuversichtlich. Zu Beginn der neuen Einschlag-Periodehat sie Erfolgsmeldungen verbreitet. An den Eingängen zum Naturschutzgebiet wird darauf hingewiesen, dass sich der im Eichhain einzigartige Magerrasen durch mehr Sonne langsam erhole. Seltene Pflanzen seien wieder gesichtet worden, ebenso der Große Heidegrashüpfer. „Wir freuen uns“, sagt Lilly Werner. 50 Jahre sei nichts gemacht worden. Dementsprechend drastisch sei der Kahlschlag ausgefallen. Das habe auf den einen oder anderen vielleicht martialisch gewirkt. Manche Kritik findet er aber überzogen. Über „Spuren wie von Panzern“, die manche gesehen haben wollen, seien die Werners nicht gestolpert, auch hätten sie kein Chaos beobachtet, „die Baumstämme waren sauber aufgereiht“, sagt Manfred Werner.

Das Gelände diente dem Hausvieh

Tatsächlich ist der Eichenhain eine menschengemachte Kulturlandschaft, kein Wald, hat der verstorbene Sillenbucher Ortshistoriker Hans-Georg Müller in seinem letzten Buch „Im Wandel der Zeit“ festgehalten. „Das Gelände wurde angelegt als Hutewald oder Huteweide mit dem Ziel, eine Weidefläche für Hausvieh zu erhalten. Aus diesem Grund wurden hier vor allem Bäume gepflanzt, die Viehfutter produzierten“, schreibt er. Viele der Bäume seien bis zu 300 Jahre alt. Erst 1958 sei der Eichenhain unter Naturschutz gestellt worden. Auch Hans-Georg Müller mahnt in seinem Buch, dass das „besondere Ökosystem einer Heide mit Halbtrockenrasen“, das einst durch die intensive Beweidung im Gleichgewicht gehalten worden war, nun durch den Menschen erhalten werden müsse – trotz Kritik. Die Werners, die heute in Hoffeld leben, sehen es genauso. „Ich hoffe, dass die Stadt dranbleibt und dass eventuell ein Schäfer kommt“, sagt Manfred Werner.

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