Heike Bauer fährt nicht gerne Bus. Nach dem Erlebnis mit ihrer Mutter in der Linie 65 ist diese Abneigung noch größer geworden. Foto: Julia Bosch

Weil ein Busfahrer der Linie 65 so schnell und ruppig gefahren ist, wurde eine 77-Jährige in Stuttgart-Sillenbuch zum Mittelgang geschleudert und ist gestürzt. Die Tochter der gestürzten Frau ist fassungslos. Was sagt die SSB zu dem Vorfall?

Sillenbuch - Die Fassungslosigkeit ist Heike Bauer immer noch anzumerken. Obwohl das Erlebnis bereits ein paar Tage her ist, wird die Stimme der 56-jährigen Sillenbucherin brüchig, wenn sie von dem Vorfall im Bus erzählt. Eigentlich sollte es ein schöner Abend werden: Ihr Mann, Gerald Bauer, feierte seinen 60. Geburtstag in einem Restaurant in Hedelfingen. Dafür war die ganze Familie angereist, inklusive ihrer 77-jährigen Mutter, die im Frankenland in Bayern lebt. Die Verwandtschaft entschloss sich, mit dem 65er-Bus nach Hedelfingen zu fahren. Die Hinfahrt klappte noch gut, die Rückfahrt weniger.

Um 23.23 Uhr stieg die Feiergesellschaft in den Bus. „Er kam pünktlich, der Fahrer musste also keine Verzögerung aufholen oder Ähnliches“, sagt Gerald Bauer. Trotzdem sei er die Kurven von Hedelfingen hinauf nach Sillenbuch viel zu rasant gefahren. Heike Bauer ergänzt: „Er hat extrem stark beschleunigt und genauso stark abgebremst. In den Kurven wurden nicht nur die älteren, sondern auch die jungen Fahrgäste stark zur Seite gedrückt.“ Ihr Mann beschreibt es so: „Der Fahrer gehört auf die Rennstrecke, nicht in den öffentlichen Nahverkehr.“

Busfahrer sagt: „Das kommt Ihnen nur so vor“

An der Haltestelle „Bockelstraße“ in Heumaden ist dann passiert, was vorherzusehen war: Zwei Personen von der Geburtstagsgesellschaft mussten aussteigen. „Da eine Person neben meiner Mutter am Fenster saß, musste meine Mutter aufstehen, um sie durchzulassen. In diesem Moment hat der Fahrer so stark beschleunigt, dass sich meine Mutter nicht mehr festhalten konnte und rückwärts im Gang bis zur Bustür geschleudert wurde, zu Boden stürzte und liegen blieb.“ Der Enkelsohn half der 77-Jährigen auf, die Familie war geschockt. „Der Fahrer muss gesehen und gehört haben, was da passiert ist, und ist trotzdem im gleichen Stil weitergefahren.“

Daraufhin meldete sich eine Frau im Bus zu Wort: „Sie rief dem Fahrer zu, ob er das eigentlich mit Absicht mache und dass er viel zu rücksichtslos und ruppig fahre“, erzählt Heike Bauer. „Daraufhin entgegnete dieser, dass das uns nur so vorkomme.“ Dann hielt sich auch Heike Bauer nicht mehr zurück: „Ich rief ihm zu, dass es uns nicht nur so vorkomme und deshalb meine Mutter ja auch gestürzt ist. Seine Antwort macht mich bis heute fassungslos: ‚Sie soll während der Fahrt sitzen bleiben und nicht aufstehen. Dann fällt sie auch nicht.’“

SSB will sich alle Seiten anhören

Heike Bauer bezeichnet den Vorfall als unterlassene Hilfeleistung: „Es ist nicht zu glauben, dass der Fahrer sich nicht darum gekümmert hat, wie es meiner Mutter geht, ob sie sich verletzt hat oder ob Hilfe geholt werden muss.“ Nachdem die Familie in Sillenbuch aus dem Bus ausgestiegen war, stellten sie fest, dass sich die 77-Jährige durch den Sturz ein großes Hämatom am Ellenbogen zugezogen hatte und das Gelenk angeschwollen war. „Wir dachten erst, dass sie sich etwas gebrochen hat. Im Nachhinein wundere ich mich, dass ich nicht sofort einen Arzt gerufen habe.“ Als die 77-Jährige am Tag darauf zum Arzt ging, stellte dieser fest, dass zwar nichts gebrochen sei, aber der Bluterguss noch eine Weile bleiben würde. „Meine Mutter hatte noch mehrere Wochen lang Schmerzen.“

Am Tag nach dem Vorfall hat die Sillenbucherin den Vorfall aufgeschrieben, eine Mail an die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) geschickt und um eine Rückmeldung gebeten. Bis heute kam keine Antwort. Auch gegenüber unserer Zeitung hält sich die Pressesprecherin der SSB, Birte Schaper, bedeckt: „Zu dem konkreten Fall sagen wir nichts. Aber die Nachricht von Frau Bauer ist angekommen, und wir beschäftigten uns damit.“ Generell würde die SSB Kritik von Fahrgästen an Bus- oder Bahnfahrern sehr ernst nehmen. „Aber wir hören uns alle Seiten an“, betont sie.

Lieber erst dann aufstehen, wenn der Bus zum Stehen kommt

Birte Schaper gibt noch ein paar allgemeine Hinweise: Fahrgäste müssten sich zu jeder Zeit sicher festhalten. Auch während des Aufstehens müsste man darauf achten, dass man sicher steht. „Falls das nicht möglich ist, sollte man erst dann aufstehen, wenn der Bus zum Stehen kommt.“ Benötigt ein Fahrgast medizinische Hilfe, könne der Fahrer dies nicht immer sofort feststellen, da er ja fahre. „Aber sobald er steht, kann er die Leitstelle kontaktieren. Oder ein anderer Fahrgast ruft mit dem Handy einen Arzt.“

Dass sich die SSB unterdessen bis heute nicht bei Heike Bauer gemeldet hat, frustriert diese: „Mir signalisiert dieses Verhalten, dass meine Kritik nicht sehr ernsthaft behandelt wurde, beziehungsweise die SSB offenbar nicht interessiert.“ Mittlerweile habe sie von noch einem weiteren Fall in Sillenbuch gehört, bei dem der Fahrer ebenfalls zu schnell angefahren sei und jemand gestürzt sei. Falls es sich dabei um den gleichen Fahrer gehandelt hat, kann immerhin davon ausgegangen werden, dass mit diesem nun ein Gespräch geführt wird.

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