Viele Schaulustige haben vor 90 Jahren die Ankunft des ersten Straßenbahnwagens in Rohr gefeiert. Foto: Christoph Kutzer

Am 20. Oktober 1928 – vor 90 Jahren – ist Rohr an das Stuttgarter Straßenbahnnetz angeschlossen worden. Die Schienen sind verschwunden. Renate Franz hält die Erinnerung wach.

Rohr - Ein Meer von Menschen, mit Hüten, Mützen und Zylindern festlich herausgeputzt, säumt die Straßenbahnschienenweiche an der Schönbuchstraße in Rohr, dort wo heute die Rohrer Buchhandlung residiert. Stolz präsentiert Renate Franz die Aufnahme vom 20. Oktober 1928, die vom lebhaften Interesse der Anwohner an der Eröffnung der damals neuen Endhaltestelle der Linie 1 zeugt.

Bis sie ab 1986 abgebaut wurde, verkehrte sie zwischen Fellbach und dem Stadtteil am Rande des Glemswaldes. „Der Anschluss von Rohr ans Stuttgarter Straßenbahnnetz bedeutete nicht nur eine Erleichterung für die Einwohner, die zur Arbeit in die Innenstadt fahren mussten“, erklärt die geschichtsbegeisterte 75-Jährige. „Der Schienenstrang schuf auch die Voraussetzungen für einen grundlegenden Wandel.“

Das Arbeiterdorf Rohr hat sich verändert

Zwischen 1925 und 1932 zogen 600 Neubürger in den Südwesten der Landeshauptstadt. Viele von ihnen verließen den Stuttgarter Kessel. Besonders westlich der Steigstraße, wo bis dahin Grünflächen und Baumbestand dominierten, wurde emsig gebaut. „Das hatte sicher auch mit der neuen Verkehrsanbindung zu tun“, überlegt Renate Franz. „In jedem Fall veränderte sich das einstige Arbeiterdorf Rohr, das von den ortsansässigen Gastronomen auch als Luftkurort samt eigenem, ehrenamtlich betriebenen Freibad beworben wurde, in diesen Jahren entscheidend.“

Einer der Gastwirte ist im Zusammenhang mit der Straßenbahnerweiterung vor 90 Jahren besonders erwähnenswert: Friedrich Belke. Der ursprüngliche Inhaber des Lokals Kanonenbäck, das seinen Namen der Tatsache verdankt, dass Belke sowohl gelernter Bäcker als auch stolzer Richtkanonier war, baute anlässlich der Eröffnungsfeier eigens einen neuen Saal an sein Lokal an, damit die angereisten Honoratioren standesgemäß feiern konnten.

SSB stellt auf Ein-Richtungs-Betrieb um

Insgesamt stieß die Verkehrsanbindung bei den Rohrer Bürgern auf ein vorwiegend positives Echo. Rückblickend lässt sie sich auch als erster Schritt zur Angliederung an Vaihingen deuten, die aus finanziellen Gründen unausweichlich wurde und im Jahre 1936 erfolgte. Knapp zwei Jahrzehnte später wurde die Weiche an der Endstation zu einer Wendeschleife um den Rohrer See umgebaut. Die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) hatten neue Wagen eingeführt, die für Ein-Richtungs-Betrieb vorgesehen waren, um den Betrieb reibungsloser zu gestalten. Außerdem entstand so mehr Raum für den Autoverkehr.

Renate Franz, die erst 1966 von Heidenheim nach Rohr zog, hat die Geschichte des Stadtteils anhand von mehr als 70 historischen Fotografien aufgearbeitet, die heute, ergänzt um Kommentare, im Vereinshaus Alte Rohrer Schule zu sehen sind. Sie zeugen von einer Zeit, als im Winter noch Pferdeschlitten neben der Straßenbahn hielten. „Geschichte hat mich immer interessiert“, erklärt das Mitglied des Rohrer Gesangsvereins. Sie fügt augenzwinkernd hinzu: „Herauszufinden, was sich hinter einer alten Aufnahme verbirgt, reizt mich mehr, als zuhause Staub zu wischen.“

Die S-Bahn wurde allgemein als Fortschritt angesehen

Das Kapitel Straßenbahn in Rohr ist längst abgeschlossen. 1986 wurde die Strecke abgebaut. „Durch die Aufwertung des Haltepunktes Rohr mit Einführung der S-Bahn nach Böblingen und deren dichteren Takt entstand ein vollwertiger Ersatz“, erklärt Hans-Joachim Knupfer von der Pressestelle der SSB. „An der Straßenbahn zwischen Vaihingen und Rohr gab es nur wenig zusätzliche Haltestellen. Durch die zusätzlichen S-Bahn-Linien S 2 und S 3 ist der Takt für Rohr seit 1989 dann weiter verdichtet worden“, sagt Hans-Joachim Knupfer.

Renate Franz ergänzt: „Ich kann mich nicht erinnern, dass es Proteste gegeben hat, als die Strecke der Linie 1 auf die Achse Vaihingen – Fellbach verkürzt wurde. Die S-Bahn, die eine schnellere Route in die Stuttgarter Innenstadt bot, wurde allgemein als Fortschritt angesehen und begrüßt.“

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