Neue Chefin: Christina Haak in der Dürnitz im Alten Schloss Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Museen können eine Beitrag leisten gegen Wut und den Niedergang der Diskussionskultur – meint Christina Haak. Wie will sie das tun?

Wenn es um all die Fürsten und Herrscher geht, um die Eberhards mit und ohne Bart, um Carl, Ludwig oder Friedrich Eugen, müsste Christina Haak erst mal nachschlagen. Von der Geschichte Württembergs habe sie zwar „ein Grundwissen“, aber in die Details muss sie sich noch einarbeiten. Deshalb hängen zwar noch längst nicht alle Bilder an der Wand und hallt es auch noch in der neuen Wohnung von Christina Haak – aber auf dem Nachttisch, erzählt sie, liege bereits dicke Lektüre „über die Bauernkriege“.

 

Es war Zeit für einen Neubeginn

Viel zu tun für Christina Haak. Seit 1. September ist sie offiziell die Direktorin des Landesmuseums Württemberg. Sie kommt aus Berlin, wo sie an den Staatlichen Museen stellvertretende Generaldirektorin war. Die in Berlin verbreiteten Vorurteile gegenüber den Schwaben haben sie nicht beeindruckt. „Ich war 13 Jahre in Berlin, und es war der Zeitpunkt für etwas Neues“, erzählt Christina Haak. Trotz Fachkräftemangel im Museumsbetrieb gibt es nicht so häufig attraktive Direktorenposten wie der im Landesmuseum Württemberg. Dafür hat die 57-jährige Kunsthistorikerin gern ihr Bündel geschnürt. „Ich bin neugierig auf Neues.“

Fast 200 Mitarbeitende und diverse Dependancen

In jüngerer Zeit ging es eher ruhig zu im Alten Schloss, Haaks Vorgängerin Astrid Pellengahr leitete das Landesmuseum geräuschlos – und verabschiedete sich nach drei Jahren auch schon wieder. Die ersten Tage von Christina Haak bestehen dagegen aus „viel reden und aufnehmen“ und dem Bemühen, dabei „nicht nervös zu werden“. 189 Mitarbeitende hat das Landesmuseum, zu dem aber nicht nur das Alte Schloss gehört, sondern auch das Kindermuseum, das Schloss Waldenbuch und das Dominikanermuseum in Rottweil. Und dann wären da auch noch die Mode- und Keramikausstellungen in Ludwigsburg, in denen derzeit nicht alles optimal laufe. „Aber ich bin ja nicht in Pension gegangen oder hergekommen, um mich auszuruhen“, sagt Christina Haak – und man merkt, sie hat Lust, anzupacken.

Dauerausstellungen sollen lebendiger werden

So weiß sie schon sehr genau, wo sie als Erstes intervenieren will: in den Dauerausstellungen, den sogenannten Schausammlungen. „Wir haben sicher viele ,hidden Champions’“, meint Haak, und diese verborgenen Schätze, die irgendwo im Depot lagern, will sie ans Tageslicht befördern – damit das Publikum häufiger kommt. „Es müssen nicht immer große Sonderausstellungen sein“, sagt sie – sie will auch mit „kleinen Interventionen“ Leben in die Dauerpräsentationen bringen, „um den Menschen zu vermitteln: Hier geschieht etwas“.

Wenn Christian Haak über Museen spricht, spricht sie immer auch vom Publikum – aus Überzeugung. „Wir arbeiten ja nicht für uns, wir arbeiten für die Gesellschaft“, sagt sie. Deshalb will sie sich mehr mit den verschiedenen Perspektiven und Besuchergruppen beschäftigen – „um zu wissen, was sie erwarten und wie wir sie erreichen“.

Geschichte mit Blick in die Zukunft betrachten

Was aber ist es, was die Menschen interessieren könnte an Faustkeilen der Neandertaler oder mittelalterlichen Perlenketten? Welche Relevanz hat das kostbare Service von Herzog Carl Eugen noch für die heutige Zeit? Vielleicht nicht so viel, wenn man „Geschichte im Rückspiegel betrachtet“, wie Haak es nennt. Sie dagegen will, dass das Landesmuseum „Geschichte vom Fahrersitz aus betrachtet – nach vorne“. Anders gesagt: „Die Menschen dürfen und sollten merken, was die Dinge mit ihnen zu tun haben.“

Und deshalb freut sie sich auf „500 Jahre Bauernkrieg“, auch wenn die Große Landesausstellung natürlich vor ihrer Zeit konzipiert wurde. Das historische Jubiläum wird auf mehrere Standorte in Baden-Württemberg verteilt sein, im Alten Schloss will man „die Revolution ins Hier und jetzt bringen“, sagt Haak. In einer Zeit, in der es weltweit Revolutionen gebe, „viel Wut unterwegs ist und die Diskussionskultur den Bach runtergeht, kann ein Museum eine wesentliche Rolle spielen“.

Rückkehr in den Museumsalltag

Wenn man Christina Haak so reden hört, merkt man schnell, dass sie im Landesmuseum Dinge gestalten will – und Lust hat, auch wieder ganz konkret mit einer „tollen Sammlung“ zu arbeiten. In Berlin sei sie weit weg gewesen von dieser Art Museumspraxis und viel mit Management, Digitalisierung und „übergreifenden Querschnittsthemen“ befasst. Ausstellungen kuratieren wird sie vermutlich trotzdem nicht, „aber wenn die Kollegen in den Sammlungen mich an der einen oder anderen Stelle mitmachen lassen, hätte ich großen Spaß daran“.

Frischer Wind im Landesmuseum

Person
Christina Haak kommt aus Niedersachsen und hat in Braunschweig und Münster Kunstgeschichte studiert. Bevor sie an die Staatlichen Museen zu Berlin ging, war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main und bei der Museumslandschaft Hessen Kassel für Projektmanagement, Kommunikation und IT verantwortlich.

Ausblick
Am 14. Oktober wird im Alten Schloss in Stuttgart die Sonderschau „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler eröffnet. Die Jubiläumsausstellung zu „500 Jahre Bauernkrieg“ wird ein Jahr später beginnen – um Oktober 2024. adr