Der Lockdown hilft einem dabei, eine Reise in die eigene Vergangenheit anzutreten. Das fortschreitende Alter spielt dabei auch eine Rolle, glaubt unser Kolumnist Peter Stolterfoht.
Stuttgart - Ein gerade selbst erfundenes Sprichwort lautet: Alt werden heißt, dass Haare an Stellen wachsen, wo sie nicht hingehören, und verschwinden, wo sie bleiben sollten. Und noch eins hinterher: Je älter du wirst, desto mehr Bedeutung bekommt die Vergangenheit. Wir sollten hier wohl besser das zweite Sprichwort genauer unter die Lupe nehmen.
In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass der Lockdown die Wirkung eines nostalgischen Gefühlsverstärkers hat. Weil man zum Glück ja immer noch in die eigene Vergangenheit reisen kann. Ausgangpunkt eines solchen gedanklichen Trips zurück ist häufig diese eine Kugel Eis. Und wenn man dann noch jemand findet für eine rückwärtsgewandte Unterhaltung entwickelt sich automatisch ein knallharter Unterbietungswettbewerb, was den Preis betrifft. In meinem Fall sind 20 Pfennig die Kugel eine echte Ansage. So viel kostete sie Anfang, Mitte der 70er-Jahre in Heslach, in der Café Konditorei Schurr. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist so einiges. Dass es das Schurr immer noch gibt, dass es sich über die vielen Jahre geradezu heldenhaft innenarchitektonischen Moden verschließt. Es sieht im Verkaufsbereich und im Gastraum immer noch so aus wie bei der Eröffnung 1955. Und es schmeckt auch alles so gut wie früher. Zum Beispiel das Eis. Wer kommt in einer normalen Eisdiele darauf, die Sorten Zitrone und Erdbeere zu bestellen. Im Schurr ist es ein Muss – Geschmacksfeuerwerk, sozusagen.
Treue Begleiter aus Kindheitstagen
Wie kommt man eigentlich auf die Idee, im tiefsten Winter über Eiskugeln nachzudenken. Alt werden heißt auch, nicht immer passende Zusammenhänge herzustellen. Und vergesslich zu werden. Wo waren wir stehen geblieben? Genau, im Café Schurr. Von dort sind es nur wenige Meter auf der Böblinger Straße rüber zum Schreibwaren Simmendinger. Wie sah doch gleich der erste dort gekaufte Schulranzen aus? Innen nicht so toll, nachdem das Vesper darin verschimmelte, weil die beim Hausmeister der Lerchenrainschule gekauften Schaumzuckerwaffeln (mit Schoko an beiden Enden) deutlich besser schmeckten als mit Käse belegtes Vollkornbrot.
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Neben Café Schurr und Schreibwaren Simmendinger ist der Hut Vogel der dritte treue Einzelhandelsbegleiter einer Heslacher Kindheit und Jugend. Hier wurde nicht nur die erste Krawatte gekauft, sondern mit Hilfe der Verkäuferin auch gleich gebunden. Diesen Knoten vergisst man nie, genauso wie das Eis und den Schulranzen. Deshalb an alle Schurrs, Simendingers und Hut Vogels dieser Stadt: Durchhalten und weitermachen!