Kaltental wird von der Böblinger Straße in zwei Teile getrennt. Foto: Alexandra Kratz

Zwei Berge prägen die Landschaft und das Leben in Stuttgart-Kaltental. Nun haben Bürger diskutiert, wie sie sich besser vernetzen können. Wichtig scheint vor allem Kommunikation und der Abschied von alten Werten.

Kaltental - Auf den Tischen im Gemeindezentrum St. Antonius liegen zwischen Fingerfood und Sekt bunte Stifte. „Heute dürfen Sie auf den Tisch schreiben und malen – halten sie ihre Gedanken fest“, motiviert die Gemeindereferentin Angelika Anselm. Im Saal verteilt stehen fünf Gruppentische, an denen an diesem Donnerstagabend um die zwanzig Kaltentaler Platz genommen haben.

„Ich wohne an der Engelboldstraße“, stellt sich eine Frau vor. „Ach ja, wie nett, da habe ich auch mal gewohnt“, erwidert eine andere. Man kommt schnell ins Gespräch, manchen kennen sich, manche nicht. Was alle vereint: Sie wollen herausfinden, wie Nachbarschaft in Kaltental gestaltet werden kann. Eingeladen haben dazu die evangelische und die katholische Kirchengemeinde unter der Überschrift „Gute Nachbarschaft im Quartier“.

Experten geben den Kaltentalern Tipps

Mit dabei sind zwei echte Experten: Stephan Sigloch und Mimi Böckmann sind Teil der Initiative Lebenswert in Reutlingen. Seit fünf Jahren gestalten sie, zusammen mit engagierten Bürgern, das Zusammenleben in ihrer Gemeinde. „Das wichtigste Motto ist: Alles kann, nichts muss“, sagt Pfarrer Stephan Sigloch. Er bezieht das auf eine Situation, die man auch in Kaltental gut kennt. Es finden sich immer weniger freiwillige Helfer, um Feste oder Gebetsabende zu organisieren. „Das ist aber gar nicht schlimm, denn das Ehrenamt verändert sich einfach. Deswegen muss man auch mal sagen, ein Projekt läuft nicht mehr, dann lassen wir es.“

Germurmel im Saal. Eine Tradition aufgeben? Wie zum Beispiel das Anna-Scheufele-Fest? Auch hier finden sich immer weniger Helfer. „Es ist wichtig, dass die Menschen das tun, was sie wollen. Dann finden sich auch genügend Helfer, die mit dabei sind.“ Daraufhin folgt zustimmendes Nicken. Das klingt einleuchtend.

Das Problem ist, Engagierte zu finden

Auch die lange Liste mit den vielseitigen Projekten und Gruppen, die Mimi Böckmann vorstellt, klingt toll. Doch lässt sich das so umsetzen? Ein Bürger sieht das kritisch. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass morgen 100 Leute vor meiner Tür stehen, die sich engagieren wollen. Wie bekommen wir diese Menschen?“

Das ist die Frage des Abends. Wie erreicht man die Kaltentaler, die sich einbringen wollen, in das Leben auf und zwischen den Bergen? Mimi Böckmann gibt dazu einen Anstoß: „Veranstalten sie einen Abend, bei dem jeder aufschreiben kann, was er gerne machen würde. Diese Zettel werden an eine Wand gehängt und sortiert. So findet jeder gleich zwei oder drei andere, mit dem gleichen Interesse.“

Eine eigene Internetseite für Kaltental?

Außerdem kommen alle zu der Erkenntnis: Wir haben schon viel im Quartier. Vom Spanischkurs bis zum Bolzplatz. „Aber die Menschen wissen nicht, dass sie mit ihren Kindern zum Kicken können. Das müssen wir ändern“, sagt Angelika Anselm.

Bessere Kommunikation im Ort und einen Treffpunkt schaffen. In diesem Punkten sind sich alle an den Tischen einig. Ideen dazu gibt es viele. Ein Mail-Verteiler wird vorgeschlagen, eine eigene Internetseite für Kaltental oder vielleicht doch wieder ein klassischer Rundbrief. Außerdem soll der Anna-Scheufele-Platz mehr genutzt werden. „Man trifft sich ja sonst nicht mehr, um ins Gespräch zu kommen.“ Zustimmendes Nicken im Saal.

Gute Nachbarschaft braucht Zeit

Und wer nimmt es in die Hand? Eine Antwort lässt sich nicht finden. Was der Abend aber zeigt, Kaltental hat Potenzial. „Wir hatten heute Abend nicht das Ziel, mit ihnen neue Projekte zu gründen. Viel wichtiger ist, sie haben sich getroffen, geredet und sich ausgetauscht. Und vielleicht treffen sie sich nächste Woche beim Einkaufen. Das ist ja auch schon etwas“, sagt Stephan Sigloch.

Gute Nachbarschaft brauche eben auch Zeit. „Wir selber haben für unser Projekt mehr als fünf Jahre gebraucht, bis es jetzt so läuft wie es läuft“, erklärt Mimi Böckmann. „Deswegen lassen sie ihre bisherigen Ideen wachsen, und ziehen sie nicht daran, um zu schauen, ob sie ein Ergebnis liefern. Lassen sie die Menschen und ihre Ideen gedeihen. Dann wird auch etwas Rundes daraus.“

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