Der Wettbewerb für ein Interimstheater am Nordbahnhof ist entschieden. a+r Architekten aus Stuttgart und NL Architects aus Amsterdam überzeugen mit ihrer Konzentration auf den Quartiersgedanken.
Seit mehr als 30 Jahren wird über die Generalsanierung des Stuttgarter Opernhauses und die Erweiterung des Staatstheater-Areals debattiert. Seit Dienstag ist das viel und gerne diskutierte Projekt einen wichtigen Schritt weiter: Im europaweiten Wettbewerb für den erforderlichen Interimsstandort setzte sich der gemeinsame Entwurf von a+r Architekten (Stuttgart) und NL Architects (Amsterdam) durch.
„Mehrheitliche Entscheidung“
Entstehen wird die Ausweichspielstätte in unmittelbarer Nachbarschaft der Wagenhallen im Nordbahnhof-Areal. Und dort fand am Dienstag auch die Präsentation des Ergebnisses statt. Jens Wittfoht, freier Architekt in Stuttgart, nutzte als Vorsitzender der Jury, die mit Finanzstaatssekretärin Gisela Splett (Grüne), Kunststaatssekretär Arne Braun (Grüne) und Stuttgarts Erstem Bürgermeister Fabian Mayer (CDU) auch politisch prominent besetzte Runde, für ein Plädoyer für derartige Wettbewerbe. Und tatsächlich kann man bis hin zur „mehrheitlichen Entscheidung“ für den Siegerentwurf das Ringen im 29-köpfigen Juryfeld auch einen Tag nach der zwölfstündigen Sitzung am Montag noch spüren.
Man ahnt die Spannung, die immer neue Abwägung. Wie attraktiv kann ein Theaterbau sein, der doch nach zehn Jahren Nutzung möglichst in Gänze wieder abgebaut, eingepackt und anderer Stelle gegen Mietzahlung oder Ankauf wieder aufgebaut werden soll? Und welche Rolle kann das im Projekt mit angedachte Wohnen spielen, wenn doch zunächst ein Paukenschlag für Oper und Ballett erfolgen soll?
Gemeinsam besser
a+r Architekten, national vor allem in komplexen Schulbauten präsent, sind für ressourcensparende Planungen bekannt. Eher zurückhaltend im Auftritt, überzeugend aber in der Entfaltung nach innen und überraschend immer wieder in der Antwort, wie scheinbare Gegensätze nicht nur versöhnt werden können, sondern sich gegenseitig befeuern.
War es nun die konzeptionelle Risikofreude von NL Architects oder doch die Logik modularer Bauweise von a+r, die den Ausschlag gab? „Wir konnten es nur zusammen schaffen“ – da ist sich Alexander Lange, Geschäftsführer von a+r Architekten, sicher.
Theaterbau aus Holz
Eine Materialentscheidung dürfte mit den Ausschlag in der Jury gegeben haben: Der Siegerentwurf identifiziert Hinterbühne und das Vorderhaus mit Bühne, Orchestergraben, Publikumssaal mit 1200 Sitzplätzen sowie einem – natürlich – vielfach nutzbaren Foyer durch Holz. Während Werkstätten, Proberäume, Verwaltung und anderes für die Theaternutzung in ein modular nutzbares Stahlskelett nahezu eingeschoben werden, ist ein Drittel des Gesamtbaukörpers ganz klar als (wieder verwendbarer) Theaterraum markiert.
Doch nicht nur dies macht den auf den ersten Blick eher zurückhaltenden Siegerentwurf spektakulär. Mehr noch überzeugt, dass a+r Architekten und NL Architects die in der auf dem C1-Areal des Verkehrs- und Infrastrukturprojekts Stuttgart 21 erhofften „Maker City“ angelegte Verbindung von Wohnen und Arbeit bereits jetzt einlösen.
Wohnen auf dem Dach
Während andere Büros das Wohnen zumeist in geschlossenen Bauvolumen vorsehen, steigen die Gewinner aus Stuttgart und Amsterdam der Kunst (beziehungsweise deren Funktionsräumen) förmlich aufs Dach und inszenieren auf der dritten Etage eine kleinteilige Gebäudestruktur mit zentralem Verteilerplatz. Von „dörflichem Wohnen“ spricht Alexander Lange gar. Nicht hoch genug zu bewerten ist diese Geste für alle weitere C1-Planung: Wenn Kleinteiligkeit hier möglich ist, muss sie im gesamten Areal möglich sein. Bei Fabian Mayer zumindest ist am Dienstag die Erleichterung kaum zu überhören: „Die strukturelle Offenheit dieser Architektur“, sagt Stuttgarts auch für die Kultur zuständiger Erster Bürgermeister, „ist also bereits Vorbotin eines zukunftsorientierten Miteinanders und Pionierin urbanen Wirkens in einem der progressivsten Quartiere Stuttgarts, der ‚Maker City‘.“
„Ein echtes ,Großes Haus’“
Auch das „ich glaube, dass wir eine nachhaltige und wirtschaftliche Lösung für dieses komplexe Bauprojekt gefunden haben“ von Finanzstaatssekretärin Splett zeigt ein Aufatmen. Und schon auf dem Sprung, über die Sichtbarkeit der Zukunft eine neue Bürgerschaftskampagne für das Gesamtprojekt Sanierung und Erweiterung der Staatstheater starten zu können, sagte Kunststaatssekretär Braun: „Das wird ein echtes ‚Großes Haus‘ für die Zeit, in der es Ballett und Oper beheimatet. Neben einem faszinierenden Stadtentwicklungsprojekt eröffnet sich eine wunderbare Chance für Kultur und Publikum, neue Räume zu erobern.“