Mischlingshündin Lara war neugierig und lebhaft. Foto: privat

Ein Hund ist am Bahndamm entlaufen. Der Fund seiner abgetrennten Pfote legt nahe, dass er schwer verletzt ist. Bei der dramatischen Suche fühlt sich die Halterin von der Bahn alleingelassen.

Stuttgart - Ihre große Neugierde und ihr ausgeprägter Jagdtrieb wurden Lara zum Verhängnis. „Sie war eine Mischlingshündin, in ihr steckte wahrscheinlich ein bisschen Beagle, etwas Collie und dann noch Terrier – sie war so süß und lebhaft“, sagt Danuta Schady. Die etwa eineinhalbjährige Lara, die bis vor acht Monaten ein Straßenhund in Italien war und eigentlich noch in einer Pflegestelle in Feuerbach untergebracht war, lebte seit vier Monaten zur Probe bei Danuta Schady und deren Freund. „Wir wollten sie zu uns holen“, sagt die 35-Jährige.

Doch dazu kam es nicht mehr. Denn am Dienstag, 13. August, als Danuta Schady mit Lara morgens im Gebiet Galgenäcker in Bad Cannstatt spazieren ging, riss die Hündin sich am dortigen Beachvolleyballfeld nahe dem Bahndamm los. „Sie machte sich vom Geschirr frei und war weg“, sagt Schady. Sie suchte das gesamte Gebiet ab, wartete und rief nach der Hündin – ohne Erfolg. Also verständigte sie die Polizei sowie das Tierheim.

Die Polizei habe ihr bei Telefonaten morgens, mittags und abends versichert, dass keine Wildunfälle von der Bahn gemeldet worden wären. Am nächsten Tag, Mittwoch vergangener Woche, ging Schady vormittags ein paar Stunden arbeiten, dann aber fuhr sie nach Hause, druckte Vermisstenplakate mit einem Foto von Lara und hängte diese überall in der Umgebung auf.

Am Abend kurz vor 20 Uhr erhielt sie einen Anruf. Ein Mann meldete sich auf ihre Plakate hin. Er habe einen grausigen Fund gemacht: In der Nähe des Beachvolleyballplatzes habe er die abgetrennte Pfote eines Hundes gefunden. „Es war dann tatsächlich die von Lara“, sagt Schady. Wie die Pfote dorthin kam, ist unklar. Vermutlich hat sie ein Wildtier von den Gleisen aus zum Beachvolleyballplatz geschleppt.

Gleisfeld betreten ist gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr

Sofort wurde die Polizei informiert – lag doch der Verdacht nahe, dass Lara entweder verletzt oder tot im Gleisbereich auf der Strecke zwischen Sommerrain und Nürnberger Straße zu finden sei. Die Bundespolizei wollte erst am nächsten Morgen die Strecke absuchen – aufgrund der späten Stunde, erklärt Caro Thiele, Pressesprecherin der Inspektion Stuttgart.

Die Beamten machten Schady noch darauf aufmerksam, dass es ein gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr sei, das Gleisfeld selbst zu betreten. „Welche andere Möglichkeit hatte ich aber als Hundebesitzerin in dieser Situation? Ich musste mich strafbar machen und selbst in Gefahr bringen“, sagt Schady, die der Gedanke an das vielleicht nicht tote, sondern verletzte und leidende Tier beutelte. So war sie verbotenerweise mit einigen Helfern von der anderen Streckenseite aus an die Gleisfläche herangekommen, da dort keine so hohe Böschung ist. Kurz nach 3 Uhr in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag entdeckten sie Laras Kadaver auf den Gleisen.

In diesem Moment wurden die Sucher von der Landespolizei Baden-Württemberg überrascht. Diese wollten Schady erst von den Gleisen verweisen, nachdem diese ihnen aber den toten Hund zeigte, sperrten sie die Strecke doch noch kurzzeitig. Schady konnte mit der toten Lara nach Hause gehen – und mit der Frage, ob und wie die Ordnungswidrigkeit geahndet werde. „Wegen der verzweifelten Lage der Frau werden wir davon absehen, der Sache weiter nachzugehen“, sagt Pressesprecherin Thiele.

„Lara war nicht so klein, und ihr Körper war bis auf die abgetrennte Pfote unversehrt“

„Wir haben Lara einäschern lassen – und der Mann, der den Hund feuerbestattet hat, sagte, die Verwesung sei schon weit fortgeschritten“, sagt Schady. Sie hofft deshalb, dass Lara gleich tot war und nicht lange leiden musste. Doch sie fragt sich auch, warum der Lokführer, der Lara angefahren hat, den Unfall nicht gemeldet hat. Und warum auch kein anderer Bahnführer den verletzten oder toten Hund, der sichtbar zwei Tage lang auf den Gleisen lag, gemeldet hat. „Lara war nicht so klein, und ihr Körper war bis auf die abgetrennte Pfote unversehrt“, sagt Schady.

„Grundsätzlich ist jeder gesetzlich verpflichtet, Wildunfälle zu melden – egal ob sie auf der Straße oder auf der Schiene passieren“, sagt Gerald Petri vom Ordnungsamt Stuttgart. „Das ist schon deswegen wichtig, weil das Tier ja auch noch leben kann und erlöst werden muss.“ Die Polizei gebe die Meldung weiter an den für dieses Gebiet zuständigen Jagdausübungsberechtigten, der das Tier im Zweifel mit einem Fangschuss töte.

Eine Sprecherin der Deutschen Bahn Mobility in Stuttgart erklärt, dass die Lokführer Wildunfälle meist aber gar nicht bemerken würden – und auch nachkommenden Zugführern würde ein angefahrenes oder totes Tier auf den Gleisen kaum auffallen. Wenn ein Wildtierunfall gemeldet würde, könne ein Notfallmanager im Zweifel mit einem Förster die Gleise absuchen. Gesperrt würden diese deshalb aber noch lange nicht: „Wir können nicht wegen jeder Sache die Gleise sperren“, so die Sprecherin.

Danuta Schady bleibt mit dem Gefühl zurück, dass ein Hund „nur als eine Sache betrachtet wird“. Ihr drängt sich der Verdacht auf, dass Lokführer totes Wild gar nicht bemerken wollen – und auch keinen toten Hund.

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