Wo heute Restaurants mit Außengastro locken, quälten sich einst Autos durch die enge Calwer Straße. Foto: Dayss

Als „Glanzpunkt für Stuttgart“ hat OB Manfred Rommel 1978 die Calwer Passage zur Eröffnung gerühmt. Nun hat der Abriss begonnen. Wir erinnern an alte Kämpfe rund um die Calwer Straße.

Stuttgart - Die glasüberwölbte und filigrane Ladenpassage, die auf einem edlen Marmorboden fußt, sollte ein bissle große Welt nach Stuttgart bringen. Aus Kübeln goss es, als im August 1978 die Bürgerschaft die nagelneue Calwer Passage sowie die sanierte und damit gerettete Calwer Straße mit einem Eröffnungsfest gefeiert hat. Angesichts des starken Sommerregens wurden die Reden in die damalige Fußgängerunterführung (in den heutigen S-Bahnhof Stadtmitte) verlegt. Glücklich waren trotzdem alle.

OB Manfred Rommel sah Stuttgart glänzen, und Lothar Späth lobte als neuer Ministerpräsident „die formidable Privatinitiative“ – Bauherr war die Allgemeine Rentenanstalt. Stuttgarts Glasgalerie nach Luxus-Vorbildern in Mailand, London und Paris sei „eine winzige Insel in einem trostlosen Stadtbrei“, schrieb ein Architekturkritiker.

Bis 1956 fuhr sogar noch die Straßenbahn durch die enge Calwer Straße

Im 15. Jahrhundert war dieses Viertel als „obere und reiche Vorstadt“ angelegt worden. In den 1970ern quälten sich Autos durch die enge Calwer Straße, deren Häuser zum Teil marode und dringend sanierungsbedürftig waren. Einige Giebelhäuser hatten Krieg und Nachkriegswirrnisse überstanden. Dem vereinten Kampf von Denkmalschützern, engagierten Bürgern und nicht zuletzt den Appellen unserer Zeitung war es zu verdanken, dass sich in der Allgemeinen Rentenanstalt ein Unternehmen fand, das bereit war, 55 Millionen Mark zu investieren und die historische Substanz zu retten. Andere Hauseigentümer zogen mit. Die Architekten Kammerer, Belz und Partner, Gewinner des Wettbewerbs, setzten auf Harmonie von alt und neu. Einige Häuser wurden renoviert, andere abgerissen. Man rekonstruierte Fassaden oder entwarf sie neu. Wo bis 1978 Autos im Stau standen, bis die Calwer Straße zur Fußgängerzone wurde, sitzen heute die Menschen im Sommer draußen – das Quartier hat sich zu einem kulinarischen Treffpunkt mit südländischem Flair entwickelt. Kaum zu glauben, dass hier noch bis 1956 die Straßenbahn fuhr.

Seit 2013 steht die Calwer Passage unter Denkmalschutz

Unter dem Glasdach der Ladenzeile ging es in ihrer mehr als 40-jährigen Geschichte auf und ab. Die Geschäftsleute der einst feinen Flaniermeile fühlten sich von der City zunehmend abgehängt. Wechsel, Leerstände und nachlassende Kundenströme wirkten sich negativ auf die Attraktivität des Gebäudeensembles aus. Im Jahr 2013 wurde die Calwer Passage unter Denkmalschutz gestellt. Investor Ferdinand Piëch hat sie von der Württembergische Lebensversicherung, der letzten Eigentümerin, trotzdem gekauft. Im November 2014 öffnete er die frühere Luxus-Adresse für alternative Läden nach dem Pop-up-Prinzip. Das Ende war abzusehen. Es sollten dreieinhalb Jahre werden, bis das beliebte, zunächst nur für das Weihnachtsgeschäft geplante Fluxus aufhören musste. In der etwas anderen Einkaufsmall hatte sich ein munteres Nachtleben abgespielt.

Jetzt hat das nächste Kapitel in der Geschichte der Calwer Passage begonnen. Investor Ferdinand Piëch will bis 2021 einen neuen Gebäudekomplex für Büros, Einzelhandel, Café und Wohnungen fertigstellen. Die denkmalgeschützte Glaspassage bleibt samt Marmorboden unverändert. Damit beim Abriss, der begonnen hat, sowie beim Neubau dem Kulturdenkmal nichts passiert, wird er mit Schutzbauten aus Holz sehr aufwendig abgesichert. Kann die Stadt in zwei Jahren erneut einen „Glanzpunkt“ feiern?

Diskutieren Sie mit unter : facebook.com/Album.Stuttgart. Zu unserer Serie sind drei Bücher erschienen, zuletzt „ Das Beste aus dem Stuttgart-Album“ im Sutton-Verlag.
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