Stuttgart-Album Waldheime – eine Stuttgarter Spezialität mit bewegter Geschichte

Von Carolin Klinger 

Die Idee der Waldheime fand in Stuttgart durch die Arbeiterbewegung ihren Ursprung. Arbeiterkinder sollten sich am Stadtrand beim unbeschwerten Spielen im Grünen erholen. Unser Stuttgart-Album erinnert an die Anfänge.

Stuttgart - Wer als Kind eines der Stuttgarter Waldheime besucht hat, den werden wohl zahlreiche schöne Erinnerungen daran begleiten: Etwa an den Geruch von gesüßtem Tee und Kakao, der nach dem Frühstück noch durch den Essenssaal zog. Oder an Freundschaftsbänder, die von kleinen Kinderhänden eifrig geflochten wurden. Anderen kommen womöglich sofort Bilder von Kinderscharen in den Kopf, die über die Wiese tollen oder sie hören noch das gedämpfte Kichern und Tuscheln in der Mittagsruhe. Jeder, der schließlich zum Kreis der Waldheim-Betreuer gehörte, wird sich natürlich auch an feucht-fröhliche Feiern am Abend erinnern. „Die Fußballvergleiche zwischen Degerlocher und Möhringer Waldheim waren legendär“, erinnert sich ein Leser auf unserer Facebookseite. Von „Nachtwanderungen, selbst gebastelten Schiffen aus Kork für die Bachwanderungen und großen Schüsseln mit Cornflakes“ weiß eine weitere Leserin zu berichten.

Waldheimzeit in den Sommerferien – das bedeutet auch heute noch Freizeitspaß, der hauptsächlich im Freien stattfindet, fernab von Fernsehbildschirmen oder Computern. Die rund 8000 Stuttgarter Kinder, die in den 31 Waldheimen der Stadt einen Teil ihrer Sommerferien verbringen, werden morgens mit dem Bus eingesammelt und starten in den Tag mit einem gemeinsamen Frühstück, der am Abend mit dem Abendessen endet.

Waldheime sind in Stuttgart aus der Arbeiterbewegung entstanden

Waldheime sind eine echte Stuttgarter Spezialität, die auf eine lange Tradition zurückblickt. Die Landeshauptstadt war eine Keimzelle der Sozialdemokratie und Arbeiterbewegung. Aus dieser heraus entstand im Jahr 1908 die Idee für ein Waldheim. In einer Zeit, in der die Luft im Kessel so dick war, dass das Atmen schwer fiel, die Stuttgarter in beengten Wohnungen lebten und von einem gesetzlichen Achtstundentag bei einem Taglohn von 3,50 Mark noch keine Rede war, hatte der Heslacher SPD-Vorsitzende Karl Oster die Idee der Naherholung am Stadtrand. Er wollte den hart arbeitenden Familien die Möglichkeit zur Freizeitgestaltung im Grünen geben, die nicht zu teuer ist.

Das erste dieser in Gemeinschaftsarbeit finanzierten, erstellten und geleiteten offenen Häuser mit Wald- und Grünflächen wurde 1908 in Heslach eröffnet. 1909 folgte Sillenbuch, das nach seiner Gründerin Clara Zetkin benannt wurde, 1910 Gaisburg, 1911 das Waldheim Zuffenhausen, 1912 Wangen und im selben Jahr Hedelfingen. In der frischen Waldluft konnten sich die Arbeiterkinder in den „Sommer-Ferienkolonien“ von Unterernährung und Krankheiten erholen. Waldheime bedeuteten schon damals für die Kinder ein kleines Stückchen Freiheit und Unbeschwertheit.

Das Dritte Reich brachte das vorläufige Ende für die Waldheime

Doch die positive Entwicklung wurde mit dem Ersten Weltkrieg jäh unterbrochen, der auch eine Spaltung der Arbeiterbewegung mit sich brachte. Der Alltag in den Stuttgarter Waldheimen war nicht mehr von Gemeinschaft, sondern von politischen Streitigkeiten geprägt. Mit dem Dritten Reich kam das vorläufige Ende für viele Waldheime, die zu dieser Zeit schon größtenteils von den Kirchen betrieben wurden. Die Gebäude wurden enteignet, viele Waldheimer-Mitarbeiter verhaftet, eingesperrt oder ermordet.

Doch die Idee der Waldheime war nicht endgültig gestorben, sondern lebte in den Jahren nach dem Krieg wieder auf. Zwar kostete es einige Anstrengungen, die oft zerstörten Gelände wieder herzurichten oder neue zu finden, doch auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten entwickelten sich die Waldheime wieder zu einem wichtigen Bestandteil der Stadt.

Bis heute geht es darum, möglichst vielen Kindern aller sozialen Schichten preiswerte Ferienfreizeiten anzubieten. Und obwohl sich den Kindern mittlerweile ein Überangebot an Freizeitmöglichkeiten bietet, sind es die einfachen Bastelarbeiten und Spiele, die gemeinsamen Mahlzeiten und Erlebnisse in den Waldheimen, die auch heute noch für unvergessliche Erinnerungen sorgen.

Diskutieren Sie mit unter: www.facebook.com/Album.Stuttgart. Zu unserer Serie ist kürzlich das Buch „Das Beste aus dem Stuttgart-Album“ im Sutton-Verlag erschienen.

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