Stuttgart-Album über den Young People Club Heiße Kellerpartys in den 1960ern

Von Uwe Bogen 

Rock everybody! Im Keller eines vom Krieg zerstörten Hauses tanzten junge Leute und tranken den „Blonden Engel“, Sinalco mit Eierlikör. In den 1960ern führte der Young People Club in der Neckarstraße mitten rein in ein neues Lebensgefühl.

Stuttgart - Steil führten die Stufen hinab in die Welt des Hüftschwungs und der ondulierten Hochfrisuren. Die Kriegsbomben hatten vom Haus in der Neckarstraße 77 nicht viel übrig gelassen – die Unterwelt aber hatte es in sich! Für den 15. Juni 1960 lud Hans-Joachim Sauerbrey, wie ein Werbeflugblatt beweist, zur „Neueröffnung“ in „Stuttgarts ersten konzessionierten Young People Club“ mit „exklusivem Barbetrieb“ ein. Es gab Siechen-Bier aus Nürnberg.

Wie sich die damaligen Besucher noch gern heute erzählen, hatte der junge Sauerbrey, von Rock ’n’ Roll angetrieben, vielleicht nicht ganz zufällig eine Liaison mit der Tochter des Hausbesitzers begonnen. Der Eigentümer wollte erst nicht. Dann aber stellte er den jungen Leuten doch seinen Keller zur Verfügung, einen ehemaligen Luftschutzraum. Erst einmal musste dieser vom Schutt der Kriegszerstörung befreit werden. Als endlich alles fertig war und die bis heute bei den Gästen unvergessenen Nächte folgten, war die Beziehung des Wirts und der Vermietertochter rasch vorbei.

Um Mitternacht musste Schlusss sein

Längst sind die Gebäudereste abgerissen, unter denen die wohl heißesten Partys im Stuttgart der 1960er gefeiert worden sind. Rock ’n’ Roll war der Sound der Rebellion. Der Kellertreff befand sich unweit des Neckartors, wo heute die höchsten Feinstaubwerte der Nation gemessen werden. Schon damals mussten hier die Lungen tapfer sein.

Im Young People Club ist heftig geraucht worden. Es gab kein Fenster. So stickig war’s, dass es heute die Ordnungsbehörde zur sofortigen Schließung veranlassen würde. Notausgänge fehlten. „Wäre Feuer ausgebrochen, wir wären alle verbrannt“, sagt Günther Schach, der damals mit Anfang 20 an der Theke „sehr gern“ gearbeitet hat – ohne Ruhetag. Jeden Tag habe er sich darauf gefreut, Gäste an der Bar zu treffen, die zugleich Freunde waren. „Es war die vielleicht tollste Zeit in meinem Leben“, schwärmt er.

Wer in den Keller wollte, zahlte eine Mark und bekam wie im Kino eine abgerissene Karte. Freien Zugang durften die Macher nicht gewähren, weil der Jugendtreff als Club geführt wurde. Um Mitternacht musste Schluss sein. Die Polizei kontrollierte gelegentlich, ob die erlaubten Partyzeiten eingehalten wurden. Oft gab es Live-Musik, etwa von der Band Skyliners, die „hammerharten Rock ’n’ Roll“ spielte, wie sich „Ginne“ Schach gern erinnert.

Der Kellner trug Fliege

Der damalige Kellner Dieter Bühl – er trug meist Fliege – hat die alten Fotos vom Young People Club in einem Album aufbewahrt. Nach dessen Tod gingen die Fotoschätze an Rolf Sperlich über, dem das Geschichtsprojekt „Stuttgart-Album“ die Zeitreise in die spannenden Aufbruchsjahre der wilden Sechziger verdankt. An den abgerundeten Wänden des Kellerlokals hingen Bilder von Rock-’n’-Roll-Stars wie Bill Haley, bei dessen Auftritt 1958 auf dem Killesberg Stühle zu Bruch gegangen waren. 1968 war das Ende des Young People Clubs gekommen. In der Innenstadt gab es andere Treffs. An der Neckarstraße 77 entstand das Jazzhouse 77.

Die „Young People“ der 1960er sind heute Senioren. Etliche Clubler leben nicht mehr. Viele Paare von einst sind seit vielen Jahren getrennt. Doch wenn die früheren Stammgäste vom Kellerclub erzählen, von ihrem Tanz in ein neues Zeitalter, werden sie jung im Kopf und spüren das Fieber wieder. Rock, rock, rock everbody – für immer!

Diskutieren Sie mit unter www.facebook.com/Album.Stuttgart. Im Silberburg-Verlag sind zwei Bücher zu unserer Geschichtsserie „Stuttgart-Album“ erschienen.

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