Fußballfans bei der EM 1988 vor einem Schaufenster in der Fußgängerzone der Königstraße – Polizeibeamte fahren heran und schauen mit zu. Foto: Thomas Hörner

Seit 2007 steht „Public Viewing“ im Duden. Einst liefen fürs Rudelgucken wuchtige Röhrengeräte nebeneinander oder man drückte sich die Nase am Schaufenster platt, woran sich Leser des Stuttgart-Albums erinnern.

Stuttgart - Ray Houghton, der irische Schütze des 1:0-Siegtreffers am 12. Juni 1988 in Stuttgart gegen England, denkt gern an große EM-Tage seines Teams in Deutschland zurück. „Wir mieteten das Waldhotel Degerloch“, schrieb er im Fußball-Magazin „11 Freunde“ viele Jahre später, „die Türme, Ballsäle und Korridore verströmten den barocken Protz eines Schlosses.“ Wie Kinder hätten sie den Waldrand unweit des Fernsehturms erkundet, ehe es in die City ging. „Die Leute staunten nicht schlecht“, ist weiter zu lesen, „22 Iren in der Fußgängerzone – Trainingshosen, breite Schultern, derber Humor, in der Hand eine kleine Tasse mit heißem Kaffee.“ Noch heute werde er auf sein Tor angesprochen. „Ehen wurden deshalb geschlossen“, weiß er, „Kinder gezeugt und Fernseher zertrümmert.“

107 Festnahmen beim Spiel England gegen Irland

Noch mehr war in jenem Frühsommer des Jahres 1988 in Stuttgart zu Bruch gegangen. Englische Fans hielten die Polizei in Atem. Jagdszenen in der City: Es flogen Stühle, die Polizei griff mit Hunden ein. Am Ende gab es 107 Festnahmen.

Friedlich ging es hingegen auf dem Cannstatter Campingplatz zu, der mit großen Gemeinschaftszelten zum Fancamp wurde. Hier saßen junge Menschen vor Röhrenbildschirmen, die man nebeneinander auf ein Podest gestellt hatte.

Rommel marschiert angstfrei durch die Stadt

Vor einem Kaufhaus auf der Königstraße versammelten sich immer mehr Fans. Ein Streifenwagen der Polizei fuhr heran – nicht, um die Ansammlung aufzulösen. Die Beamten stiegen aus und schauten selbst zu. „Es wurde gedrückt und geschoben – fast hat man die Schaufensterscheibe abgeschleckt“, schreibt Irmgard Abt im Internetforum des Stuttgart-Albums.

Dieter Schroeder hat das EM-Spiel von England gegen Irland 1988 im Neckarstadion als Studentenjobber erlebt: „Ich war als Ordner in einem Block mit irischen Fans. Alles lief sehr friedlich ab.“ Beim 1:0 für Irland sei ein irischer Fan vor Begeisterung auf die Absperrung geklettert. Es kam zu einem Zwischenfall, den Schroeder nie vergessen wird: „Er ist abgerutscht und hat sich dabei einen Finger abgerissen.“

Angstfrei marschierte OB Manfred Rommel nach Spielende vom Rathaus in Richtung Bahnhof. Er sah sich keiner Gefahr ausgesetzt, wie er die Journalisten wissen ließ: „Mr hot mir g’sagt, die tätet wie Zorro durch d’Stadt rasa – ond jetzt isch es so ruhig.“ Die „Frust-Randale“ der unterlegenen Engländen blieb nach dem Spiel weitgehend aus, was die Polizei auf die starke Präsenz der Ordnungsmacht zurückführte. Dazu, so notierte unsere Zeitung damals, hätten sich Einbrecher und Autoknacker beim Anblick von so vielen Uniformierten in der Nacht zurückgehalten.

Im Silberburg-Verlag sind zwei Bücher zum Stuttgart-Album unserer Zeitung erschienen. Diskutieren Sie mit unter www.facebook.com/Album.Stuttgart.
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