1959 gab es vier Festzelte auf dem Wasen, eines davon war „das Wulle“. Foto: Harsch

Die jungen Herren schossen für ihre Liebsten Blumen und Bärchen, man naschte türkischen Honig, es gab nur vier Bierzelte und keine Dirndl: Mit Fotos seines Vaters lädt uns Leser Martin Harsh zum Wasenbummel von 1959 ein. „Damals“, findet er, „war das Cannstatter Volksfest weniger Event als heute.“

Stuttgart - Die Älteren verabredeten sich an der Fruchtsäule, die Jungen am Autoscooter. Bereits Ende der 1930er waren die Fahrzeuge mit den Gummistoßstangen auf den Wasen gekommen. In den 1950ern trafen sich jene dort, die man Halbstarke nannte.

Damals gab es noch vier große Zelte der Stuttgarter Brauereien. „Die standen sich im Zweierpack jeweils gegenüber“, hat Rainer Müller im Facebook-Forum unseres Stuttgart-Albums notiert, „und wechselten aus Wettbewerbsgründen jährlich im Uhrzeigersinn den Standort.“ Die Fruchtsäule erhob sich als Abschluss des Volksfestgeländes am oberen Ende dieses platzartig angeordneten Ensembles. In den Zelten spielten noch Blaskapellen, keine Partybands vom Ballermann. Manch ein Besucher durfte zum Dirigieren auf die Bühne.

Legendär: der Vogeljakob

Was man auf den Fotos von 1959, die unser Geschichtsprojekt von Martin Harsch aus dem Album seines Vaters Günther Harsch bekommen hat, nicht sieht: Dirndl und Lederhose. Nach dem Krieg waren die Volksfesttage von fünf auf zehn Tage verlängert worden. In den 1950ern kannte jedes Kind in Stuttgart den zwitschernden Mann in Grün – man nannte ihn Vogeljakob. Mit einem feuchten Plättchen auf der Zunge konnte er unzählige ­Vogelstimmen nachmachen. Schon in den 1950ern ist also getwittert worden.

Auf einem der vier Festzelte leuchtete ein rundes Logo in Rot. Wulle war ein fester ­Bestandteils des Wasens – bis ins Jahr 1971, als Dinkelacker zuerst Wulle aufkaufte und die Marke dann vom Markt nahm.

Bei WWW dachte in den 1950ern keiner an World Wide Web. WWW – das war die Abkürzung für „Wir wollen Wulle“. Wann der legendäre Werbeslogan erfunden wurde, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Es muss in den 1930er Jahren gewesen sein. Der Werbespruch war nach dem Krieg in aller Munde und wurde mit möglichst vielen weiteren Ws gerne noch ergänzt. „Wir wollen Wulle, weil wir wissen wollen, wie Wulle wirkt“, lautete eine Variation. Oder: „Wir wissen, warum wir Wulle wollen, weil Wulle wirklich wohlbekömmlich wirkt.“

2008 kehrte Wulle auf den Markt zurück

Als Wulle in den Besitz von Dinkelacker ging, wurde die Brauerei mit dem runden Logo an der Neckarstraße stillgelegt und deren Firmengebäude abgerissen. Für viele Jahre klaffte eine hässliche Baulücke. In der Brache entstanden schließlich das Hotel ­Interconti, aus dem das Fünf-Sterne-Hotel Le Méridien hervorgegangen ist, und Ministerien des Landes. An die Geschichte des ­Ortes erinnern der Wulle-Steg, der über die Willy-Brandt-Straße führt, sowie die Wulle-Staffel zum Kernerplatz. 2008 feierte die Brauerei Dinkelacker-Schwaben-Bräu das Comeback der Marke Wulle – zu einem ­eigenen Wulle-Wasen-Zelt hat es allerdings nicht mehr gereicht.

Zurück aufs Volksfest: Beim Wasen­bummel des Jahres 1959 kommen wir mit den Augen am Krämermarkt und am Riesenrad vorbei. Zur Aussicht von oben steigen die Besucher in Gondeln und drehen unter Schirmchen ihre Runden.

Schneller, höher, aufregender.

Das erste Riesenrad, wie wir es kennen, wurde zur Weltausstellung 1893 in Chicago errichtet – es war eine stationäre Stahlkonstruktion von 300 Meter Höhe. Von den feststehenden Nachbauten in London (1894), Wien (1897) und Paris (1898) blieb nur das Riesenrad im Wiener Prater übrig. Erst Ende der 1950er sind die heutigen ­Riesenräder aus Stahl entwickelt worden.

Schneller, höher, aufregender: Die Schausteller haben von den 1950ern bis heute eine technische Revolution nach der anderen ­erlebt. War früher alles gemütlicher und ­romantischer auf dem Wasen? Oder wird das, was damals war, nur nostalgisch verklärt? Lothar Escher hat auf der Facebook-Seite des Stuttgart-Albums seine Erinnerungen an die 1950er notiert: „Jedes Jahr bin ich mit Onkel Alfred zum Ponyreiten auf den Wasen und bekam danach Hähnchenhälften im Wulle. Auf den Heimweg gab es noch ­Magenbrot und gebrannte Mandeln.“

Wer auf einem Volksfest-Karussell seine Runden dreht, der dreht in seine Kindheit zurück. So ist ein Wasenbummel bis heute immer auch eine nostalgische Reise.

Diskutieren Sie mit im Netz unter www.facebook.com/Album.Stuttgart. Schicken Sie historische Fotos an: info@stuttgart-album.de. Im Silberburg-Verlag sind zwei Bücher zu unserer Serie „Stuttgart-Album“ erschienen.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: