Stuttgart-Album Cannstatter Volksfest war schon immer mehr als eine Zecherei

Von Uwe Bogen 

Das Stuttgart-Album lädt zur Zeitreise in die Vergangenheit der Stadt ein. Vor einem Jahr ist die Rückschau im Internet gestartet, kommt nun freitags als Serie in unserer Zeitung und erscheint am 8. Oktober als Buch im Silberburg-Verlag. Thema heute: das Cannstatter Volksfest.

Stuttgart - „Prost ihr Säcke! Prost du Sack!“ Derb sind die Trinksprüche geblieben, die abends tausendfach in den Zelten des Cannstatter Volksfestes erklingen. Dennoch hat sich auf dem Wasen das Image gewandelt. Schick ist es geworden, die Krüge zu stemmen und sich dafür aufzubrezeln.

Immer mehr erinnert das Bierfest wie in München mit viel Alpen-Glamour an Fasching. In den 1980ern und 1990ern war es noch den Kellnerinnen vorbehalten, Tracht zu tragen. „Mein Vater Walter Weitmann hat uns und das gesamte Personal damit eingekleidet“, erinnert sich Conny Weitmann, die Tochter des legendären Festwirts.

Die Besucher fingen mit der Verkleidung aber erst nach dem Jahr 2000 an, nachdem Festwirt Hans-Peter Grandl und Verlegerin Karin Endres in einer Wasenloge die erste Dirndl-Party veranstaltet hatten. Die Schürzen- und Lederhosen-Mode ist rund um die Fruchtsäule also noch sehr jung, wenn man bedenkt, auf was für eine Tradition das Volksfest baut.

Am 28. September 1818, einen Tag nach dem 36. Geburtstag des Feststifters König Wilhelm I., hat alles angefangen. Und zwar in den feuchten Auen beim damals nicht aufgestauten Neckar, wo bisher die Rammler ungestört waren. „Aufm Wasa graset Hasa“ singt man noch heute.

Fruchtsäule galt als „monarchistisches Überbleibsel“

Der Hase ist nicht das einzige Fruchtbarkeitssymbol auf dem Wasen. Seit Anbeginn ist die Fruchtsäule das Wahrzeichen für das „größte Fest der Schwaben“. Schon 1818 ragte eine Säule mit Getreide und Gemüse hoch empor und erinnert bis heute an den landwirtschaftlichen Ursprung des Festes. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Fruchtsäule einige Jahre nicht aufgestellt – mit der königsblauen Farben galt sie als „monarchistisches Überbleibsel“. Die heutige Fruchtsäule entstand 1972 und wird in Durchmesser, Höhe und Farbe dem historischen Modell nachempfunden. Sie ist 26 Meter hoch, thront auf einem fünf Meter hohen Sockel und wiegt etwa drei Tonnen.

Auf der Facebook-Seite des Stuttgart-Albums hat ein Foto von 1960, das Besucher vor der Fruchtsäule zeigt (siehe oben), für viele Reaktionen gesorgt. Für die einen ist dieses Foto der Beweis dafür, dass die Tracht auf dem Wasen keine Tradition hat („Traurig, wie wir Schwaben uns lächerlich machen und wie die Dorfdeppen aus Bayern rumlaufen“, schreibt etwa Kevin Förstner), andere meinen, mit Dirndl und Lederhosen sei das Niveau des Volksfestes gestiegen („Früher kam man nur zum Saufen, heute kommt man auch, um was Schönes zu sehen“, findet Martina Schmidt).

Ein anderes Foto zeigt den Besuch von Schlagerstar Udo Jürgens in den 1980ern auf dem Volksfest – damals trugen die Herren Anzug und Krawatte. Neben dem Sänger sitzt der frühere SPD-Stadtrat Walter Mann und Erich Brodbeck, der langjährige Präsident der Stuttgarter Prominentenkicker. Beide leben nicht mehr wie auch Festwirt Walter Weitmann.

Unsere Leserin Erika Lang hat einen alten Kartengruß vom Cannstatter Volksfest geschickt, der über 100 Jahre alt sein muss. Die Ansichtskarte ist vorne auf der Bildseite beschriftet. Bis 1905 war es verboten, Mitteilungen auf die Rückseite zu schreiben – sie war der Adresse auf der ganzen Breite vorbehalten. Zu lesen ist auf der Karte: „In Biberach ist es ganz gewiss schön, doch kann man nicht aufs Volksfest gehen.“ Der Wasen war immer mehr als eine riesige Zecherei. Es ist auch ein Jahrmarkt, ein Rummel. Legendär: der Vogeljakob, der jede Vogelhochzeit moderieren könnte.

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