Ein Modell zeigt den Querschnitt des geplanten Tiefbahnhofs. Foto: Kraufmann

Interne Papiere der Bahn zeigen Ergebnisse des Stresstests und Stärken des Tiefbahnhofs.

Stuttgart/Berlin - Stuttgart21 leistet 30 Prozent mehr als derzeit der Hauptbahnhof. Der geplante Durchgangsbahnhof soll auch Störungen im Fahrplan verkraften und Zugverspätungen abbauen können. Das zeigen interne Papiere der Deutschen Bahn zu den Ergebnissen des Stresstests.

Das Bahnprojekt Stuttgart21 hat den Stresstest mit guten Ergebnissen bestanden. Das ergibt sich aus dem über 150 Seiten starken Abschlussbericht der Deutschen Bahn AG, der unserer Zeitung vorliegt.

Die in der Computersimulation ausgewiesene Fähigkeit des geplanten achtgleisigen Durchgangsbahnhof, mit Störungen im Fahrplan zurechtzukommen, hat selbst Fachleute überrascht. "Wir sind erleichtert, dass im Test so gute Werte herausgekommen sind", heißt es im Berliner Konzernvorstand. "Die Fähigkeit zum Abbau von Verspätungen sind beeindruckend", schreibt ein Stuttgarter Bahnverkehrsexperte in einer ersten Stellungnahme.

Erste Meldungen über einen angeblich bestandenen Stresstest für S21 hatten Projektgegner als "voreilig und bei weitem nicht aussagekräftig" kritisiert, weil das abschließende Votum der Schweizer Verkehrsberatungsfirma SMA noch fehlt. Die vorliegenden Ergebnisse des Stresstests sind trotzdem aussagekräftig. Das SMA-Fazit wird bis zum 11.Juli ergänzt, ehe der Test am 14.Juli veröffentlicht und diskutiert wird.

Ausgangspunkt des Tests

Am Beginn steht der Schlichterspruch von S-21-Schlichter Heiner Geißler vom 30.November 2010. Dort verpflichtet er die Bahn mittels Simulation nachzuweisen, dass bei S 21 "ein Fahrplan mit 30 Prozent Leistungszuwachs in der Spitzenstunde mit guter Betriebsqualität möglich" sei. In der Schlichtung kamen die Parteien überein, dass dies 49 Züge zwischen 7 und 8 Uhr bedeutet.

Der Stresstest ist unter Federführung der Konzerntochter DB Netz unter Anwendung des offiziellen Bahn-Regelwerks gemacht worden. Die Firma SMA war an der Vorbereitung des Tests und der laufenden Überwachung mit eigenen Experten beteiligt. Die kommerzielle Software, in welche die komplette Infrastruktur des Bahnknotens Stuttgart21 eingegeben und mit der der Stresstest simuliert worden ist, steht nicht nur der Deutschen Bahn, sondern auch Firmen oder Hochschulen zur Verfügung. Die Testergebnisse für S21 könnten also - sofern die Bahn die Datensätze freigibt - andernorts nachvollzogen und bewertet werden.

Der Test

Der Test

Grundlage für den Stresstest ist die Infrastruktur - also Weichen, Signale oder Gleisstrecken - sowie ein Fahrplan. Der sogenannte Betrachtungsraum reicht im Test von Schwäbisch Hall bis Horb und von Vaihingen/Heilbronn bis Ulm. Für den 49er-Fahrplan hatte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) noch vor wenigen Wochen erhebliche Nachforderungen gestellt. Die Forderungen sind erfüllt worden.

Um die 49 Züge in der Stunde möglich zu machen, werden im Tiefbahnhof viele Bahnsteige "doppelt belegt"; zwei Züge halten also hintereinander. Allein von 7 bis 8 Uhr geschieht das sechsmal. Doppelbelegungen seien üblich in Durchgangsstationen, sagen Experten. Die Alternative mit kürzeren Haltezeiten wurde bei S21 verworfen.

Im eigentlichen Stresstest sind 100 Betriebstage zwischen 6 und 10 Uhr simuliert worden. Betrachtet wurde auch der Güterzugverkehr. Die Störungen in Form von Zügen, die den Betrachtungsraum verspätet erreichen, oder von Zügen, die länger im Tiefbahnhof halten, streut die Software zufällig ein. Die Simulation fährt nicht stur den Fahrplan, sondern berücksichtigt bei Verspätungen auch alternative Belegungen von Fahrstraßen oder Bahnsteigen.

Die Ergebnisse

Die Ergebnisse

Der Test der Bahn kommt zu dem Ergebnis, dass alle Zugfahrten während der 100 simulierten Testtage bei ihrer Fahrt via Stuttgart und durch den Betrachtungsraum hindurch im Durchschnitt 17 Sekunden Verspätung aufbauen. Innerhalb des Tiefbahnhofs können sie aber viel Zeit gutmachen, so dass sich die Gesamtverspätung nicht aufbaut, sondern um 29 Sekunden reduziert. Ein derartiges Ergebnis gilt unter Fachleuten als "optimal"; das System S21 sei "sehr robust", meinen Verkehrswissenschaftler.

Einzelbetrachtungen vom Auf- und Abbau von Verspätungen auf diversen Linien nehmen im 150-seitigen Bericht viel Raum ein. Generell fällt auf, dass Züge von Stuttgart nach Ulm mehr Spielraum haben als in Gegenrichtung. Belegungsgrafiken zeigen, wie die neue ICE-Strecke Wendlingen-Ulm genutzt wird: Zum Beispiel fahren zwischen 6 und 8 Uhr acht ICEs und zwei Regionalzüge von Ulm nach Stuttgart; dazu kommen vier Regionalzüge Tübingen-Stuttgart.

Der Stresstest der Bahn kommt außerdem zum Schluss, dass außer einem zweiten Gleis am Flughafen und einer doppelten Signalausstattung für insgesamt 40 Millionen Euro keine weiteren baulichen Erweiterungen für S21 nötig sind. Die Kosten für die Varianten eines weiteren Tunnels bei Feuerbach (120 Millionen Euro), einer zweigleisigen Kurve bei Wendlingen (50 Millionen) oder einer Erweiterung des Tiefbahnhofs auf ein 9. und 10.Gleis (200 Millionen Euro) blieben der Bahn damit erspart.

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