Protest vor der Filderhalle: Am Freitag zeigen S-21-Gegner Flagge und demonstrieren gegen den Filder-Dialog. Mehr Bilder des Protests finden Sie in unserer Bildergalerie. Foto: Piechowski

Staatsrätin Erler will 4500 Menschen für die Teilnahme an der Bürgerbeteiligung auf den Fildern gewinnen.  

Stuttgart/Echterdingen - Mehr als fünf statt der geplanten drei Stunden brauchte die Vorbereitungsgruppe am Freitag, bis klar war, ob und wie der Filder-Dialog trotz erheblicher Anlaufschwierigkeiten doch noch stattfinden soll. Gegen 20.30 Uhr packten die Mitglieder der sogenannten Spurgruppe im Rathaus von Echterdingen ihre Unterlagen ein. Da waren einige wichtige Punkte geklärt.

Um doch noch 80 Bürger für die Teilnahme zu gewinnen, will Staatsrätin Gisela Erler nun insgesamt 4500 Menschen im Filderraum anschreiben. Beim ersten Anlauf waren es nur 250 nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Adressaten gewesen. Prompt hatten sich nur fünf Freiwillige gefunden, um neben gesetzten Interessenvertretern über die richtige Planung mitzureden. Sollte die Zahl von 80 Bürgern auch im zweiten Anlauf verfehlt werden, müsse man die eigene Teilnahme am Dialog noch überdenken, sagten Vertreter mehrerer Interessengruppen. Die Bahn und auch das Land haben bereits erklärt, dass sie notfalls auch weniger als 80 Freiwillige akzeptieren würden.

Der Zeitplan, der nach der Absage der ersten Dialog-Veranstaltung am gestrigen Freitag verfolgt wurde, soll bestehen bleiben. Los geht es jetzt am 16. Juni. Dann werden den rund 160 Teilnehmern nicht nur die Antragstrasse der Bahn für die Anbindung des Flughafens und der Filder an Stuttgart 21 sowie vier Alternativen vorgestellt – jetzt sollen es zwei Varianten mehr sein.

Zwei neue Varianten für die Debatte

Das ist zum einen der Vorschlag, die Fernzüge vom Bodenseeraum ab Horb über Tübingen und Reutlingen sowie die Wendlinger Kurve zum Flughafen und zum Hauptbahnhof zu führen. Außerdem soll Steffen Siegel, Vorsitzender der Schutzgemeinschaft Filder, die Idee eines S-Bahn-Ringschlusses durch eine neue Linie von Stuttgart-Vaihingen über die Filder nach Wendlingen und Plochingen vorstellen können. Vertieft debattiert wird über all dieses am 29. Juni. Beim letzten Termin am 7. Juli will man Empfehlungen für die weitere Planung aussprechen. „Die Projektpartner haben zugesichert, sich ernsthaft mit diesen Empfehlungen zu befassen und alle Empfehlungen zu beantworten“, teilten das Organisationsbüro und der Sprecher von Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) mit.

Während die Spurgruppe nichtöffentlich tagte, brachte eine parteiübergreifende Initiative mehrerer Städte im Bereich Neckar/Alb wie Tübingen, Reutlingen, Rottenburg und Metzingen die Variante für die Gäubahn auch öffentlich ins Spiel. Mitglieder der Spurgruppe berichteten später, das sei ohne Diskussion ins Dialogverfahren aufgenommen worden – auch von der Bahn, die dies vor Jahren bereits aussortiert hatte. Die Strecke Tübingen-Horb müsste bei dieser Variante elektrifiziert werden. Außerdem dauert die Fahrt zwischen Stuttgart und Singen länger.

Minister Hermann sagte dazu, er nehme „grundsätzlich mit Interesse alle konstruktiven Vorschläge entgegen“, die für die mangelhaften Pläne der Bahn Lösungen anböten. Er werde die Bahn um Prüfung bitten.

Flughafenchef lehnt Bahnhof an der Autobahn ab

Die Idee hat Potenzial, als Kompromisslösung unterstützt zu werden: weil die Gäubahnzüge vom Süden des Landes zwar zum Flughafen geführt werden, aber nicht auf der S-Bahn-Trasse an Wohngebieten in Leinfelden und Echterdingen vorbei. „Das wäre wie die Umsteigelösung von den Fernzügen auf die S-Bahn in Stuttgart-Vaihingen geeignet, die Sorgen meiner Mitbürger aufzuheben“, sagte Roland Klenk, OB von Leinfelden-Echterdingen. Der Vorschlag habe einen gewissen Charme. Für besonders realistisch halte er ihn angesichts des Planungsstandes aber nicht.

Flughafen-Direktor Georg Fundel sagte, man könne auch diese Variante prüfen. Zumindest Fahrgäste aus dem Süden des Landes könnten so ohne Umsteigen zum Flughafen kommen, wenn auch nicht aus Böblingen oder Herrenberg. Die Fahrtzeiten müssten ebenfalls stimmen, betonte Fundel. Ein Flughafenbahnhof nördlich der Autobahn wäre für ihn inakzeptabel: „Das wäre das Allerletzte, dann lieber gar nichts.“

Demonstranten kritisieren Filder-Dialog als Alibi-Veranstaltung

Am frühen Nachmittag hatte sich Protest unter dem Motto „Flagge zeigen beim Filder-DiaLüg“ formiert. Aufgerufen von zwei Bürgerinitiativen, demonstrierten rund 150 Gegner des Bahnprojekts aus dem Filderraum, aus Cannstatt, Untertürkheim und Sillenbuch gegen die „Alibi-Veranstaltung, die uns Bürgern die Illusion der Mitgestaltung geben soll“. Sie zogen vor der Filder­halle auf, wo der Dialog stattfinden sollte.

Steffen Siegel von der Schutzgemeinschaft Filder kritisierte dabei, dass die Spurgruppe grundsätzlich nicht-öffentlich tagt: „Das ist doch reichlich merkwürdig für einen offenen Dialog.“ Erst vor zwei Tagen sei bekannt geworden, dass die verschiedenen Initiativen ihre Varianten während des Dialogs nicht darstellen dürften und dass auch keine Diskussionszeit vorgesehen sei.

Claudia Moosmann von der Initiative Lebenswertes LE kritisierte, die Bahn plane keinen Dialog, sondern einen Monolog. Sie warf der Bahn vor, mit dem Mischverkehr auf der S-Bahn-Trasse eine Ausdünnung des S-Bahn-Verkehrs um etwa ein Drittel vorzunehmen. Oberaichen, Leinfelden und Echterdingen wären mit S 21 schlechter an den Flughafen angebunden als bisher. Auch der Lärm zusätzlicher Züge sei „indiskutabel“.

Christoph Houtman von der Initiative Vaihingen für den Kopfbahnhof schimpfte: „Der Murks von S 21 wird auf den Fildern besonders deutlich.“ Der Dialog sei für die Bürger nur kosmetische Mitbestimmung.