Interview zu Stuttgart 21 „S 21 bleibt im Kostenrahmen“

Von Wolfgang Molitor 

Optimistischer Rüdiger Grube: „Der Zeitplan ist anspruchsvoll. Aber es geht stetig voran.“ Foto: Ebner
Optimistischer Rüdiger Grube: „Der Zeitplan ist anspruchsvoll. Aber es geht stetig voran.“ Foto: Ebner

Kommt die Bahn bei Stuttgart 21 mit den geplanten 6,526 Milliarden Euro wirklich aus? Ja, sagt Bahn-Chef Rüdiger Grube im Interview mit den Stuttgarter Nachrichten – selbst wenn alle neue Kostenrisiken eintreffen würden.

Stuttgart - – Herr Grube, können die Arbeiten am Projekt Stuttgart 21 überhaupt noch im geplanten Zeitrahmen bis 2021 fertig werden?
Der Zeitplan ist unbestritten anspruchsvoll. Aber es geht stetig voran. Ich nenne nur ­wenige Beispiele: Jeden Monat werden für S 21 und die Strecke Wendlingen–Ulm je an die 1000 Meter Tunnel gegraben. Auf das ­gesamte Projekt gerechnet sind bereits ­nahezu 50 Kilometer von den insgesamt 120 geplanten Tunnelkilometern gegraben oder vorangetrieben. Mit Ausnahme des 8,2 Kilometer langen Albvorlandtunnels sind alle großen Tunnel im Bau. Und beim Bau des neuen Stuttgarter Bahnknotens sind 17 Kilo­meter – das sind fast ein Drittel der 59 Kilometer Tunnel – ausgehoben und vorgetrieben. Spätestens Anfang kommenden Jahres werden an beiden Köpfen des künftigen Hauptbahnhofes Tunneldurchschläge erwartet.
Wie sieht es beim Filderabschnitt 1.3 aus?
Nach dem Planfeststellungsbeschluss des Eisenbahnbundesamts von Mitte Juli kann der Flughafenbahnhof wohl wie geplant gemeinsam mit dem übrigen Projekt in Betrieb genommen werden.
Und wann rechnen Sie mit der Grundstein­legung am künftigen Hauptbahnhof?
Nach der Genehmigung der 420 Meter langen und 80 Meter breiten Betonage der Bodenplatte kann sie im September dieses Jahres stattfinden. Im Übrigen: Der Durchbruch des 4,8 Kilometer Steinbühltunnels gelang ein halbes Jahr früher als geplant. In diesem Oktober erwarten wir zudem den Durchbruch der Tunnelvortriebsmaschine am Filstalportal des 8,8 Kilometer langen Boßlertunnels. Sie sehen: Wir sind auf einem gutem Weg.
Sie hören ja gar nicht mehr auf,Erfolgsgeschichten aufzuzählen . . .
Warum auch nicht? Der alte Neckarsteg bei der Wilhelma ist so gut wie abgebrochen. Demnächst beginnt der Bau einer Stahlsegelbrücke, die auch Radfahrern offensteht. Die sieht auch noch gut aus, finde ich. Die Arbeiten für die Fundamente der ersten Stütze der 485 Meter langen Filstalbrücke haben begonnen. In diesem Jahr ist zudem der Durchbruch der Tunnelröhre aus Richtung Bad Cannstatt am Nordkopf des künftigen Hauptbahnhofs wahrscheinlich. Spätestens Anfang 2017 wird auch am Südkopf unterhalb des Wagenburgtunnels der Durchbruch der aus Wangen kommenden Röhre erwartet. Und ebenfalls Anfang nächsten Jahres rechne ich mit dem Durchbruch des 5,7 Kilometer langen Albab-stiegstunnels am Ulmer Hauptbahnhof. Das alles zeigt doch: Stuttgart 21 ist nicht mehr aufzuhalten.
Jetzt gehört aber doch mehr als ein Tropfen Wasser in den Grube-Wein.
Sie meinen die drei Abschnitte, wo wir Zeit aufholen müssen. Ja, wir hängen beim Bau des Stuttgarter Hauptbahnhofes zwei Jahre hinterher – aber doch vor allem durch die aufwendigen Planänderungen beim Brandschutz, die wir umsetzen wollen und müssen. Auch beim Tunnel aus Richtung Feuerbach müssen wir ein Jahr gutmachen, wie auch beim neuen geplanten Flughafenbahnhof.
Ich meine mehr den Kostenrahmen, der Ihnen doch schlaflose Nächte machen müsste.
Ja, es gibt neue Kostenrisiken, für die wir aber Vorsorgepositionen im Finanzierungsrahmen getroffen haben. Ich sage es aber klipp und klar: Selbst wenn alle neuen Kostenrisiken eintreffen würden, bliebe das Projekt innerhalb des Finanzierungsrahmens von 6,526 Milliarden Euro. Angebliche Prognosen des Bundesrechnungshofs, wo von bis zu zehn Milliarden Euro die Rede ist, sind uns nicht bekannt und nach unserer jüngsten, umfassenden Bestandsaufnahme des Projekts absolut nicht nachvollziehbar. Obwohl wir uns intensiv bemüht haben, weigert er sich, uns über seine Zahlen zu informieren. Hier ist noch viel Raum für eine bessere Kommunikation und Transparenz.
Und wie sieht es mit den Kosten auf der Neubaustrecke Wendlingen–Ulm aus?
Dort sind die größeren Bauvergaben teilweise deutlich unterhalb den geplanten Bausummen erfolgt. Damit bleibt die Neubaustrecke, wenn alles gut geht, unter dem kalkulierten Budget in Höhe von 3,26 Milliarden Euro.
Sie haben sich also nicht verkalkuliert?
Die Vergabequote von annähernd 70 Prozent und die bisherige Nachtragsentwicklung zeigen doch, dass unsere Kostenkalkulaton absolut plausibel ist. Nachdem das Bundesverwaltungsgericht in letzter Instanz jetzt die von den Projektgegnern beklagte Mischfinanzierung genehmigt hat, ist der Weg frei, um mit dem Land zu einer vernünftigen ­Lösung bei der Verteilung der Mehrkosten zu kommen.
Sieht das die Landesregierung wie Sie?
Die Zusammenarbeit mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann war von Beginn an vertrauensvoll, und auch mit Landesverkehrsminister Winfried Herrmann arbeiten wir mittlerweile gut und eng zusammen. Eine Klage gegen das Land wegen ausbleibender Mehrkostenbeteiligung wäre deshalb immer nur der letzte Schritt. Wir wollen nicht klagen, sondern sachlich miteinander reden.
Trotzdem: In der Bevölkerung wächst wieder das Misstrauen, dass die Bahn Stuttgart 21 wirklich finanziell stemmen kann und im Zeitrahmen bleibt.
Sehen Sie doch mal genau hin: Erstmals gab es zu Jahresbeginn Tage der offenen Baustelle am Stuttgarter Hauptbahnhof. Da sind über 30 000 Besucher an drei Tagen gekommen. Ich finde, das ist ein großer Zuspruch. Ich bin jedenfalls sicher, dass wir mit wachsendem Baufortschritt auch die allermeisten Skeptiker überzeugen werden.

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