Teile einer Tunnelbohrmaschine stehen am in Stuttgart (Baden-Württemberg) auf der Stuttgart 21-Baustelle des Fildertunnels. Foto: dpa

Die Deutsche Bahn hat am Montag ihre Pläne für den Anschluss des Flughafens an den Fern- und Regionalverkehr im Rahmen des Projekts Stuttgart 21 verteidigt. Ein Gutachten im Auftrag der Stadt Leinfelden-Echterdingen sieht gravierende Probleme.

Stuttgart - Das Regierungspräsidium (RP) ist am Montag in die zweite Woche der Erörterung der Bahn-Pläne für den Flughafenanschluss gestartet. In der Messehalle 4 wird bis Donnerstag der Stuttgart-21-Abschnitt Filder diskutiert.

Normalerweise halten sich die Versammlungsleiter des RP, in diesem Fall Gertrud Bühler und Michael Trippen, mit Einschätzungen zurück. Am Montag war das anders. Man sei „froh, dass nicht nur die Bahn ihre Sicht der Dinge darstellt, sondern auch die Technische Universität Dresden“, so Bühler. Aber das war nur der Anfang. Am Abend ging Michael Trippen deutlich weiter.

Uwe Steinborn von der TU Dresden hatte zuvor die Bahn-Pläne, ab Rohr auch Fern-und Regionalzüge auf die S-Bahn-Gleise zum Flughafen zu schicken, zerpflückt. Die Betriebsqualität sei „labil“. Verspätungen, die die S-Bahn aus Stuttgart und der Verkehr aus Singen schon mitbrächten, könnten nicht abgebaut werden. Sie würden zunehmen, und das, obwohl die Bahn Pufferzeiten aus eigenen Regelwerken unterschreite und Halte- und Wendezeiten zu knapp bemesse. Das sei für eine neue Infrastruktur „nicht angemessen“. Das System fahre „ohne jede Reserve“. Er könne „diese Infrastruktur nicht empfehlen“, sagte Steinborn.

Michael Trippen dankte für den Bahn- und Gutachtervortrag und für die „substanzgesättigten Hinweise“ Steinborns. Thorsten Schaer und Thomas Kaspar von der DB Netz verteidigten ihre Fahrplanberechnungen.

Nach einigem Hin und Her machte Kaspar eine folgenschwere Aussage. „Wir sind von unterschiedlichen Fahrplanvarianten ausgegangen“, sagte der Bahn-Experte. Die Bahn habe „den Fahrplan angepasst“, so Kaspar: „Wir haben dann 60 Sekunden Puffer, nicht drei.“ Gemeint war der Puffer in der neuen Rohrer Kurve, in der sich S-Bahn und Fernzüge ein Gleis in beide Richtungen teilen müssen. Man habe, so Kaspar weiter, die Startzeit der S-Bahn um eine Minute nach hinten verschoben.

Für Steinborn war damit das Maß voll. Die Universität habe die Bahn im Juli angeschrieben, und er habe mit Thorsten Schaer telefoniert und gefragt, ob es einen aktualisierten Fahrplan gebe. „Ich habe bis heute keine Antwort bekommen“, so Steinborn.

„Verstehe ich das richtig, unser Gutachter hat von Ihnen falsche Daten bekommen?“, brachte Bürgermeisterin Eva Noller für Leinfelden-Echterdingen den Sachverhalt auf den Punkt. Noller sieht im Verhalten der Bahn kein Kavaliersdelikt. Die Stadt hat für ihr Gutachten viel Geld bezahlt.

Steinborn habe „nie Fahrplandaten angefragt“, versuchte sich Kaspar zu verteidigen. Der Wissenschaftler Steinborn ließ das nicht auf sich sitzen. Er zitierte einen elektronischen Brief vom 8. Juli an die Bahn. Inhalt: „Unsere Zeiten beruhen auf dem Grundfahrplan. Gibt es eventuell einen neuen Fahrplan?“ Antwort am 10. Juli von Kaspar: „Wir prüfen Ihre Anfrage.“

Für Michael Trippen gibt Steinborns Ausarbeitung „hinreichend Anlass, die Sache zu überdenken“. Das Vorgehen der Bahn nannte Trippen „nicht nachvollziehbar“. Auf die Forderung einer S-21-Gegnerin, das Verfahren neu aufzurollen, sagte Trippen, das hänge von „neu zu erstellenden Unterlagen zur Leistungsfähigkeit“ ab. Eine Verzögerung wäre für die DB der größte anzunehmende Unfall. Der Filderabschnitt von S 21 ist laut Bahn-Vorstand Volker Kefer auf „kritischem Pfad“. Ein Jahr Zeitverzug kosteten 100 Millionen Euro. Die Probleme der S-Bahn liegen für DB-Fahrplanmanager Christian Becker nicht auf den Fildern. .„Der neuralgische Punkt ist Bad Cannstatt“, so Becker. Dort schaffe S 21 durch Trennung der Zuggattungen Luft.

Die Schutzgemeinschaft Filder sieht angesichts der fehlenden Daten für den Gutachter der TU Dresden eine „Geisterdiskussion“, so Vorsitzender Steffen Siegel. Walter Bauer, SPD-Stadtrat aus Filderstadt, fordert eine Umplanung. Die Bahn zeigte sich am Abend nervös. Nach neun Stunden Debatte gab S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich eine schriftliche Stellungnahme ab. Tenor: Der S-Bahn-Betrieb sei „nicht gänzlich unbeeinflusst“, mit ihren Plänen setze die Bahn aber den Finanzierungsvertrag für das Projekt um.

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