Stuttgart 21 auf den Fildern Gegen die Bahnlinie ist kein Kraut gewachsen

Von Judith A. Sägesser 

Der abgeerntete Maisacker von Fritz Auch-Schwarz endet am Bauzaun, dahinter wird an Stuttgart 21 geschafft. Foto: Judith A. Sägesser
Der abgeerntete Maisacker von Fritz Auch-Schwarz endet am Bauzaun, dahinter wird an Stuttgart 21 geschafft. Foto: Judith A. Sägesser

So langsam gräbt sich das Großprojekt Stuttgart 21 ins Blickfeld der Filderbewohner. Nun müssen viele Landwirte ihre Ackerflächen hergeben. Ein Bauer aus Echterdingen und einer aus Plieningen erzählen, was das für sie bedeutet.

Filder - Der letzte Mais ist geerntet, hier und da liegen noch Kolbenreste in den Ackerfurchen, vertrocknet und ausgepickt. Auf dem Feld recken sich die verbliebenen Maisstoppeln trotzig nach oben, stehen sauber in Reihen wie eine Armee. Und selbst wenn sie den Boden verteidigen wollten, sie hätten keine Chance. Die Baustelle ist herangekrochen, sie hat sich schon über einen Teil des Ackerlandes gestülpt. Des Ackerlandes, auf dem bisher Fritz Auch-Schwarz und seine Familie als Pächter gewirtschaftet haben.

Eingepackt in einen Anorak gegen Wind und Wetter steht der Bauer auf seiner zerronnenen Scholle, um zu erzählen, was passiert ist. Wobei sich die Situation von selbst erklärt, dort auf dem Feld dicht an der Autobahn. Drei Schritte von Auch-Schwarz entfernt ragt ein Bauzaun in den Acker, zerschneidet das Fleckchen Filder in zwei Hälften. Hüben Maisreste und erste Erdarbeiten, drüben, gleich hinter dem Absperrgitter, ein Betonboden. Ein Arbeitertrio in orangefarbener Warnkleidung werkelt dort, wo Auch-Schwarz bisher mit dem Trecker entlanggetuckert ist.

Außerdem: Die zehn wichtigsten Fakten zu Stuttgart 21 sehen Sie im Video:

Der Bauer verliert zehn Prozent seiner Flächen

Das Trio in Orange arbeitet am Projekt Stuttgart 21, auf dem neuen Beton soll laut Bahn Tunnelausbruch zwischengelagert werden. Auch-Schwarz kann den Tunnelmund von hier aus erahnen. Wegen des Projekts muss er vier Hektar gepachtetes Land abgeben. „Das sind zehn Prozent von meinen Flächen“, sagt der landwirtschaftliche Obmann von Echterdingen. Zehn Prozent, die unwiederbringlich verloren sein dürften. „Es gibt ja nichts“, sagt Auch-Schwarz. Nicht auf den Fildern. Seinen Kindern habe er von der Hofnachfolge abgeraten, sagt er. Er muss laut reden, in seinem Rücken donnert ein Lastwagen nach dem anderen über die Autobahn, und am Flughafen hebt ein Flieger ab. Landlust liegt keine in der Luft. Die Infrastruktur hat die Landwirtschaft deutlich in der Zange.

Auch-Schwarz ist 58 Jahre alt, und ungefähr so lange lebt er auf dem Hof, dessen First er jenseits der Autobahn von seinem ehemaligen Maisacker aus erkennen kann. Er hat direkt vor der Haustür miterlebt, wie sich die Filder verändert haben. „Früher waren wir völlig abgeschottet“, sagt er. „Es war eine ganz andere Welt.“ Heute lebt er neben dem Verkehrsknotenpunkt Echterdinger Ei. „Gefallen tut’s mir hier nicht mehr, schon lange nicht mehr.“

Frustration und wenig Verständnis gegen über der Bahn

Fritz Auch-Schwarz klingt nicht verbittert und nicht kämpferisch. Er gibt sich wie einer, der keinen Sinn darin sieht, sich zu sträuben. Gegen das Projekt ist kein Kraut gewachsen. Mit der Bahn geht er dennoch hart ins Gericht. „Das muss ein furchtbares Unternehmen sein“, sagt er. Bis heute warte er auf seine Entschädigung. „Ich bin frustriert“, sagt er. „Und ich habe wenig Verständnis für dieses Benehmen.“

Nach Angaben eines Bahn-Sprechers werden circa 12,5 Hektar landwirtschaftliche Fläche auf den Fildern vorübergehend gebraucht, zum Beispiel als Lagerort. Weitere 23,5 Hektar würden dauerhaft wegfallen. Bisher seien rund anderthalb Hektar von der Bahn übernommen worden – vor allem für den Fildertunnel. Wie hoch die Entschädigungen an die Grundstücksbesitzer insgesamt sind, könne derzeit nicht gesagt werden, so der Bahn-Sprecher. Teils fehlten noch Angaben von Pächtern „zur tatsächlichen Bewirtschaftung und zum Betrieb“, sagt er. Da bisher erst ein kleiner Teil an die Bahn übergegangen sei, seien auch die Entschädigungen noch gering. In Euro ausgedrückt: ein niedriger einstelliger Millionenbetrag, so der Bahn-Sprecher.

Auf eigenes Risiko noch mal Weizen eingesät

Das Großprojekt, das es lange nur auf dem Papier gegeben hat, gräbt sich langsam ins Blickfeld der Filderbewohner, Bagger mischen sich unter Traktoren. Das Fildertunnelportal breitet sich aus, und auf den Feldern zwischen Messe und Plieningen verlegt die Netze BW Leitungen. Im Frühjahr oder Sommer 2018 sollen die Erdarbeiten für die Neubaustrecke zwischen Plieningen und Wendlingen beginnen.

„Hier sieht’s jeden Tag anders aus“, sagt Michael Gehrung, als er an jenem scheußlichen Regentag über den Feldweg braust. Vom Bock seines Traktors aus hat er einen guten Überblick. Ziel seiner Spritztour: sein Feld an der Landesstraße zwischen Plieningen und Neuhausen. Oder besser gesagt: sein Ex-Feld. Von den etwa 70 Ar wird der landwirtschaftliche Obmann von Plieningen zunächst alles und dauerhaft ein Drittel verlieren. Weil an dieser Stelle aber noch nicht sonderlich viel geschehen ist, hat Gehrung gerade noch einmal Winterweizen eingesät. „Auf eigenes Risiko“, sagt er. Es ist eine Wette gegen die Bahn. Gehrung ist zuversichtlich, dass er den Weizen im nächsten Sommer einfahren wird. „Die Bahn kommt ihrem Zeitplan ja nicht nach“, sagt Gehrung. Ihn stört es, dass sich die Bauern auf nichts verlassen könnten. Da sollte zumindest die Hoffnung erlaubt sein, dass sich diese Unverlässlichkeit für ihn in Ernteertrag auszahlen wird. „Die Planungen sind absolut schräg, schiefer geht es gar nicht“, sagt Gehrung.

Der Feldverlust bringt Bauern an die Existenzgrenze

Er steht jetzt mit seinem Traktor dort, wo künftig der ICE entlangpfeifen wird. Und was, wenn sich die Bagger auch im Sommer 2018 noch nicht auf diesem Acker blicken lassen würden? „Ich säe wieder ein, es ist doch schade um diese Böden“, sagt er.

Michael Gehrungs Betrieb muss wegen des Projekts Stuttgart 21 insgesamt fünf Hektar abgeben. „Gepachtet und Eigentum“, schiebt er hinterher. Das sei ein Viertel seiner Gesamtfläche. In Plieningen seien bis auf eine Ausnahme alle anderen 13 Betriebe betroffen, zwei bringe der Feldverlust an die Existenzgrenze. „Einer sitzt hier“, sagt Gehrung vom Traktorbock aus. Für die Felder, die ihm gehört haben, soll er Ersatzflächen bekommen, erzählt er. „Aber das ist ein Tropfen auf den heißen Stein.“

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