Nicolas Gonzalez hat mit seinem Einsatz und seinen Toren viel dazu beigetragen, dass der VfB am Sonntag gegen den SV Darmstadt 98 vor dem endgültigen Sprung zurück in die Bundesliga steht. Foto: Baumann

Innerhalb von einem Jahr hat Nicolas Gonzalez beim VfB Stuttgart einen Reifeprozess durchlaufen. Das zeigt sich an den eigenen Treffern und den Torvorbereitungen – aber nicht nur.

Stuttgart - Vor einem Jahr hat Nicolas Gonzalez eine Reihe von schlaflosen Nächten verbracht. Hin und her wälzte sich der Argentinier zu Hause in Belen de Escobar nachts in seinem Bett. Immer wieder ging dem Fußballprofi eine Szene durch den Kopf: Dennis Aogo lief zum Freistoß an, Dennis Aogo schoss, der Ball flog an der Abwehrmauer vorbei ins Tor. Für einen Moment dachten alle, der VfB Stuttgart liegt im Relegationsrückspiel bei Union Berlin in Führung – und am Ende einer verkorksten Saison würde doch noch alles irgendwie gut ausgehen.

 

Doch schnell mischten sich in den schwäbischen Jubel Zweifel. War da nicht was gewesen? Die Fernsehbilder klärten auf. Einer seiner irrwitzigen Laufwege hatte Gonzalez dahin gebracht, wo er in diesem Augenblick besser nicht hätte stehen sollen: hinter die Berliner Mauer – er stand im Abseits. Die Führung war futsch, und der VfB stieg aus der Bundesliga ab.

Das rote Clubdach wird nicht abmontiert

Für viele Fans verkörperte das Toptalent damit den Absturz – auch wenn sie wussten, dass Gonzalez nicht verantwortlich war. Aber die Anhänger bekamen dieses Bild einfach nicht aus dem Kopf. Was hatte dieser Typ da überhaupt zu suchen? Er weiß es selbst nicht – bis heute. „Meine Premierensaison beim VfB ist nicht gut gelaufen“, sagt Gonzalez. Er, der es aus seiner Heimat kennt, dass in hitzigen Begegnungen schon mal Pflastersteine auf den Rasen fliegen und Spieler entweder vergöttert oder verteufelt werden, rechnete nach dem Abstieg damit, dass in der Mercedesstraße das rote Clubdach von den erbosten Fans abmontiert wird.

Doch nichts geschah. Das Leben in Stuttgart lief geordnet weiter, und Gonzalez haderte während der Saisonpause auf der anderen Seite des Atlantiks mit sich. Nun ist der junge Mann mit der Trikotnummer 22 vor dem letzten Saisonspiel an diesem Sonntag (15.30 Uhr) gegen den SV Darmstadt 98 immer noch das Energiebündel, das kaum zu halten ist und selbst nicht stillhalten kann. Aber der Angreifer gilt nicht mehr als der Pechvogel und Chancentod von damals.

Sehen Sie auch, wie sich der VfB an letzten Spieltagen schlug

Die Wahrnehmung des Südamerikaners hat sich gewandelt. Klar, seine Begabung ist unverkennbar. Tempo und Temperament bringt er in das Stuttgarter Spiel ein, auch Wucht und Wille. Und wenn ihm die eigenen Beine im Übereifer gerade keinen Streich spielen, dann verfügt der 22-Jährige über eine gute Technik. Zu sehen war das in den vergangenen Partien. Gonzalez, oft geschmäht und häufig kritisiert, ist im Saisonendspurt der Unterschiedsspieler beim VfB gewesen. Er hat Tore erzielt und vorbereitet. Das hat ihm Anerkennung im Team eingebracht.

„Uno mas, uno mas“, schrie der Trainer Pellegrino Matarazzo am Spielfeldrand, als Gonzalez vor einem Monat in der Begegnung gegen den Hamburger SV auf Links losstürmte. Ein letzter Sprint in der Nachspielzeit sollte es sein, einen letzten Gegner sollte er überlaufen und die Kugel nach innen bringen. In der Mitte hielt Gonzalo Castro zum 3:2-Sieg den Fuß hin.

Der Turbo zündet spät

Wer will, kann in diesem fulminanten Flügellauf die Stärken des Stürmers gebündelt erkennen. Kein anderer Spieler aus dem VfB-Kader hätte das geschafft – Gonzalez schon, weil er nicht nur über die Schnelligkeit verfügt, sondern ebenso über eine gewisse Wildheit, die ihn unberechenbar macht. Zuletzt war der Nationalspieler weder für die Verteidiger des SV Sandhausen noch für die des 1. FC Nürnberg zu fassen. Der Turbo, wie ihn sein früherer Mitspieler und Landsmann Emiliano Insua taufte, zündete.

„Ich bin froh, dass die Mannschaft zuletzt zeigen konnte, was in ihr steckt“, sagt Gonzalez. Er hält das kürzlich verlorene Derby beim Karlsruher SC, so bitter es war, im Nachhinein für einen Knackpunkt: „Danach haben wir uns noch einmal hinter unserem großen Ziel versammelt und eine Schippe draufgelegt.“ 14 Tore hat er bislang erzielt und dabei wichtige Elfmeter verwandelt. Auch das hat seinen Stand in der Mannschaft gefestigt.

Gonzalez, der ewige Spaßvogel, übernimmt Verantwortung. Er ist nicht nur da, wenn Unfug getrieben wird, sondern vor allem, wenn es auf dem Platz ernst wird. Das macht ihn wertvoll für den VfB, aber ebenso zu einer spannenden Personalie auf dem Transfermarkt. Denn nach langem Anlauf ist der Spielbeschleuniger zwar immer noch kein fertiger Spieler, aber taktisch gereift. Die Defensivarbeit wird nicht mehr vernachlässigt. Seine Offensivpower setzt er mit mehr Ruhe und gewinnbringender ein. Das hat den VfB praktisch in die Bundesliga und Gonzalez persönlich nach vorne gebracht – was ihn während des nächsten Urlaubs in Belen de Escobar sicher gut schlafen lässt.