Eine Untersuchung der Charité im Auftrag der Länder, darunter Baden-Württemberg, gibt Entwarnung: Die Corona-Infektionsgefahr im öffentlichen Personennahverkehr ist demnach nicht größer als im Individualverkehr. Bus und Bahn schneiden gleich gut ab.
Stuttgart - Wer regelmäßig Bus oder Bahn fährt, steckt sich nicht häufiger mit dem Coronavirus an als im Auto oder auf dem Fahrrad. Zu dieser Erkenntnis kommen nach Informationen unserer Zeitung Wissenschaftler der Berliner Charité, die fünf Wochen lang das Infektionsrisiko von Hunderten Pendlern untersucht haben.
Die Studie war im Winter vom Verband deutscher Verkehrsunternehmen und von mehreren Bundesländern in Auftrag gegeben worden, darunter von der Landesregierung Baden-Württembergs. An diesem Montag soll sie der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Ein wichtiges Ergebnis der Forscher ist darüber hinaus, dass es beim Coronarisiko keine Unterschiede zwischen den verschiedenen öffentlichen Verkehrsmitteln gibt.
Die Nutzung von Bussen, Straßenbahnen, U- und S-Bahnen sei gleichermaßen sicher, heißt es. Außerdem kommen die Wissenschaftler zum Schluss, dass die seit Frühjahr 2020 geltenden Schutzmaßnahmen im öffentlichen Nahverkehr wirken – so etwa die Pflicht zum Tragen einer FFP-2-Maske, ausreichende Abstände und eine gute Durchlüftung der Wagen.
681 Pendler begleitet
Für die Studie hat die Charité Research Organisation, das Forschungsinstitut der Universitätsmedizin Berlin, insgesamt 681 Pendler im Gebiet des Rhein-Main-Verkehrsverbundes fünf Wochen lang begleitet. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Alter zwischen 16 und 65 Jahren bestanden je zur Hälfte aus Bus- und Bahnfahrern und aus Auto- beziehungsweise Motorrad- und Fahrradfahrern. Zu Beginn und am Ende der Studie wurden sie auf Corona getestet. Während des Studienzeitraums im Februar und März 2021 führten sie ein digitales Tagebuch, in dem sie ihr Mobilitätsverhalten, aber auch sonstige Kontakte sowie Erkältungssymptome festhielten.
Der Rhein-Main-Verkehrsverbund war ausgewählt worden, weil er als repräsentativ für die Nahverkehrsnutzung in Deutschland gilt. Die durchschnittliche Reiseweite der rund 2,5 Millionen Pendler beträgt dort täglich elf Kilometer. Ein solcher Forschungsansatz sei im Rahmen von Covid-Untersuchungen im Mobilitätssektor bislang einzigartig, betonen die Auftraggeber, zu denen auch Baden-Württemberg gehört, wo die Studie koordiniert wurde. Damit werde eine Lücke bei den vorhandenen wissenschaftlichen Untersuchungen geschlossen.
So hatte etwa die Deutsche Bahn in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt im vergangenen Herbst die Verbreitung von Aerosolen in Schienenfahrzeugen untersucht und war dabei zu dem Ergebnis gelangt, dass Klimaanlagen die Partikel so gut wie nicht verteilen.
Forschungsbedarf
Bereits im Sommer 2020 hatten Forscher der Berliner Charité Research Zugbegleiter mit häufigem Personenkontakt untersucht und diesen Entwarnung im Hinblick auf eine höhere Infektionsgefahr gegeben. „Allerdings sind diese Studien in der Regel zwischen dem ersten und zweiten Lockdown erstellt worden“, relativierten die Verkehrsminister von Bund und Ländern kurz vor Weihnachten die Ergebnisse und begründeten damit die Notwendigkeit einer neuen Studie.
Kosten: Zwei Millionen Euro
Von dem nun vorliegenden Ergebnis erhoffen sie sich eine bessere Akzeptanz des öffentlichen Personennahverkehrs. „Wir wollen, dass die Menschen wieder verstärkt und mit einem sicheren Gefühl in öffentliche Verkehrsmittel einsteigen“, hatte Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) bei der Auftragsvergabe kurz vor Weihnachten gesagt.
Der öffentliche Personennahverkehr benötige dringend wieder mehr Einnahmen. Die zwei Millionen Euro teure Studie wird zu 80 Prozent von den elf beteiligten Ländern finanziert, der Rest des Geldes kommt vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen.
Im Jahr 2020 hat der öffentliche Nahverkehr im Gefolge der Coronakrise einen drastischen Einbruch erlebt. Die Zahl der Fahrgäste sank auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Laut dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen sank die Auslastung auf rund 40 Prozent.