Erneuerbare erzeugen so viel Strom wie nie. Zugleich wird Deutschland nach Jahren zum ersten Mal wieder Netto-Stromimportland. Daten für 2023 zeichnen ein genaues Bild unserer Stromversorgung.
2023 ist noch nicht ganz vorbei – doch schon jetzt bahnt sich ein Stromrekordjahr an. In den vergangenen Monaten haben Windräder und Solaranlagen in Deutschland so viel erneuerbaren Strom erzeugt wie nie. Rund 56 Prozent des Stroms, der hierzulande verbraucht wurde, kam im laufenden Jahr bislang von heimischen Erneuerbaren – damit dürfte 2023 einen neuen Rekord aufstellen.
Zugleich wird die Bundesrepublik 2023 erstmals seit 20 Jahren zum Netto-Stromimportland, importiert also mehr Strom, als exportiert wird. Antworten auf die wichtigsten Fragen liefert unser Datencheck.
Was für Strom war „made in Germany“?
Laut Bruno Burger, Energieexperte des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE), zeichnen sich schon jetzt Rekord-Erzeugungsmengen bei den Erneuerbaren ab. Wie aus Daten der ISE-Plattform Energy-Charts hervorgeht, speisten Solaranlagen und Windräder von Januar bis November gemeinsam 176 Terawattstunden (TWh) in das öffentliche Netz ein, gegenüber 167 TWh im Jahr 2022. Der Juni 2023 war mit rund neun Terawattstunden der Monat mit der meisten Solar-Erzeugung jemals. Dazu kamen Biomasse und Wasserkraft.
Klimaschädliche Kohlekraftwerke erzeugten dagegen etwa ein Drittel weniger, von Januar bis November nur noch 102 TWh im Vergleich zu 145 TWh im Vorjahreszeitraum. Erdgas wurde dagegen etwas mehr verstromt als im Vorjahreszeitraum.
Wie viel Strom importierte Deutschland?
Erstmals nach 20 Jahren wird Deutschland 2023 vom Stromexporteur zum Importeur. Anfang des Jahres überstiegen die deutschen Stromexporte die Importe noch. Doch nach Abschaltung der letzten deutschen Atomkraftwerke am 15. April wandelte sich das Bild: Nach Abzug der Exporte ergibt sich ein Importüberschuss von 14,3 TWh von Januar bis November.
„Das haben viele den Atomkraftwerken in die Schuhe geschoben“, sagt Experte Burger, „aber das ist nur ein Teil der Wahrheit.” Der andere Teil: Deutschland importiert so viel Strom, weil es schlicht günstiger ist. In Europa gibt es keine Grenzen für Strom, die europäischen Strombörsen sind über eine Marktkopplung verbunden, in der die günstigsten Anbieter zuerst einspeisen. Es gibt Zeiten, in denen die Elektrizität von den Nachbarn billiger ist als die selbst produzierte. Vor allem Strom aus erneuerbaren Energien wird im Vergleich zur konventionellen Variante immer günstiger, weil für Kohle und Gas der steigende CO2-Preis bezahlt werden muss.
Deutschland erzeugt weniger Strom – ein Grund zur Sorge?
„Nein“, sagt Fraunhofer-Experte Burger. „Wir wären auch ohne Stromimporte jederzeit im Stande gewesen, uns selbst zu versorgen.“ Heimische Kohle- und Gaskraftwerke hätten ausreichend zur Verfügung gestanden, kamen aber nicht zum Zug.
In der Folge schrumpfte die Stromerzeugung: Von Januar bis November wurden insgesamt 52 TWh weniger Strom eingespeist als im Vorjahreszeitraum. Der Verbrauch sank jedoch deutlich weniger stark, dafür spielten Importe eine größere Rolle. Laut statistischem Bundesamt sank der Bedarf wegen hoher Energiepreise und der konjunkturellen Abschwächung in der Industrie.
Aus welchen Ländern kommt der Strom?
Nach dem Atomausstieg ist eine Debatte entbrannt, ob Deutschland abhängig ist von französischem Atomstrom. Die Daten sprechen dagegen: Den größten Anteil des Importstroms bekam Deutschland im laufenden Jahr aus den skandinavischen Ländern – und in Schweden gibt es zwar auch Atomkraftwerke, insgesamt sind aber Windenergie und Wasserkraft vorherrschend.
Der wichtigste Stromlieferant war Dänemark, gefolgt von Frankreich, dessen Atomkraftwerke im Vergleich zum Vorjahr deutlich mehr liefen. Zieht man die deutschen Exporte in die jeweiligen Länder ab, kam unterm Strich sogar deutlich mehr Strom aus den skandinavischen Ländern, der Schweiz und den Niederlanden als aus Frankreich.
Eine stundengenaue Auswertung der Importe durch den Thinktank Agora Energiewende zeigt, aus welchen Quellen der Strom in den Ländern stammte, die ihn nach Deutschland geschickt haben. Demnach war von Januar bis Oktober die Hälfte des importierten Stroms erneuerbar, weniger als ein Viertel kam aus Atomkraft. Unter den Erneuerbaren waren Wasserkraft und Windkraft am stärksten vertreten.
Wie läuft der Ausbau der Erneuerbaren?
„Solar über, Windkraft unter Plan“- so beurteilt Experte Burger Deutschlands Ausbau erneuerbarer Energien. Der Zubau an Photovoltaik-Leistung liegt in diesem Jahr über dem gesetzlichen Klimaschutzziel von neun Gigawatt: Bis Oktober sind laut ISE 11,7 Gigawatt neu installiert worden.
Der Windausbau liegt dagegen nicht auf Kurs. Bis November wurden erst 2,7 GW Windkraft installiert, womit das Ziel von 4 GW Zubau verfehlt würde. Große Bewegung gibt es bei den Batteriespeichern: Dort kamen bislang Speicher mit einer Kapazität von 4,8 GWh hinzu. Damit könnte sich die installierte Kapazität im Vergleich zu 2022 fast verdoppeln.
Den Netzausbau hält Burger neben dem Ausbau von Speichern und erneuerbaren Erzeugern für die größte Herausforderung der Energiewende – auch, weil der Strombedarf steigen wird, wenn Industriebetriebe von Gas auf Strom wechseln und Haushalte mehr Strom für E-Autos und Wärmepumpen benötigen.
Wie steht es um die Stromversorgung im Winter?
Im Winter erzeugt Deutschland wieder Strom für den Export, die Bilanz war im November bereits wieder ausgeglichen. Weil der Stromverbrauch im Winter steigt, wird Strom aus Kohle wieder rentabel. Im Gegensatz zu anderen Ländern hat Deutschland auch im Winter genügend Kraftwerkskapazität, um Strom für den Export zu erzeugen, erklärt Burger. Österreich und die Schweiz dagegen fehlt im Winter Strom, weil dortige Wasserkraftwerke wenig erzeugen. Frankreich habe wegen der elektrischen Heizungen an kalten Tagen einen so hohen Strombedarf, dass die eigenen Kraftwerke nicht genügten.