Kurz vor Weihnachten fiel in mehreren Teilen der Landeshauptstadt der Strom aus, auch im Januar schwächelte das Netz. Ein Sprecher von Stuttgart Netze nimmt Stellung.
Stuttgart - Kurz vor Weihnachten mussten viele Haushalte erst in Teilen des Stuttgarter Südens, aber auch im Osten und in Degerloch nach dem Mittagessen und am Abend ohne Strom auskommen. 48 und 40 Minuten dauerten die Versorgungslücke, bis das Licht wieder anging. Am 1. Januar 2022 mussten die Störungstrupps von Stuttgart Netze erneut und mehrfach ausrücken. Vier Postleitzahlgebiete im Westen, im Norden und Osten und in Bad Cannstatt waren stromlos. 55 Minuten dauerte die längste Unterbrechung, auf Twitter wurde die Misere teils launig mit „macht hin, sonst verpassen wir den ‚Tatort‘“ kommentiert. Am 3. Januar erwischte es bei zwei voneinander unabhängigen Störungen Neugereut und Teile von Steinhaldenfeld, später Haushalte, die an sieben Umspannstationen im Bereich der Waiblinger Straße hängen. Es habe sich um „gewöhnliche Störungen in der Mittelspannungsebene gehandelt“, twitterte Stuttgart Netze.
Keine Zunahme der Ausfälle
Auch wenn die Stromausfälle zu Jahresbeginn 2022 einen anderen Eindruck erweckten, eine Zunahme könne man in letzter Zeit „nicht beobachten“, so ein Sprecher des Netzbetreibers, der zu den Stadtwerken Stuttgart (74,9 Prozent) und zu Netze BW (25,1 Prozent) gehört. Im Januar gab es bisher vier Ausfälle. Im Dezember 2021 teilte der Versorger ebenfalls vier, im November drei, im Oktober vier, im September einen Ausfall mit. In aller Regel werden „Kabelfehler“ als Ursache genannt, die zu einem Kurzschluss führen, der dann umgangen werden muss. Am 26. August erwischte ein Bagger im Stöckach ein Stromkabel, auch das ist bei 5600 Kilometern Stromnetz nicht unüblich.
98 Prozent des Stuttgarter Netzes liegen unter der Erde. Das sei ein Vorteil, zum Beispiel bei schweren Unwettern wie am 29. Juni 2021. Einige Störungen gab es damals aber dennoch im Freileitungsnetz zwischen Rohracker und dem Frauenkopf. Die umfangreichste des vergangenen Jahres datiert vom 8. Juni, als sich die Straßenbeleuchtung in der Landeshauptstadt – 72 000 Leuchten – großflächig um 21.50 Uhr abschaltete. Die Software, die die Leuchten automatisch ein- und ausknipst, hatte Helligkeitsschwankungen falsch interpretiert und die Uhrzeit wohl ignoriert. 2011 habe es letztmals eine derart große Störung gegeben, hatte Frank Lescher, Leiter Netzbetrieb, informiert.
Gesteuert wird das Netz von Esslingen aus
Ausfälle zu beheben gehöre zum Alltagsgeschäft, so Moritz Oehl, Sprecher von Stuttgart Netze, die Ursache liege letztlich immer in einer verminderten Isolationsfähigkeit des Kabels. Das könne ein Materialfehler oder Abnutzung sein. Es gibt in Stuttgart Trafos und Stromkabel, die mehr als 60 oder 70 Jahre alt sind und noch gut funktionieren, die Infrastruktur sei aber auf eine Nutzungsdauer von 40 bis 60 Jahren ausgelegt. Daher ersetze man „permanent irgendwo ein altes durch ein neues Kabel“. 32,4 Millionen Euro investierte Stuttgart Netze 2019, im Jahr darauf waren es laut Geschäftsbericht 130,9 Millionen. 89,6 Millionen plus Mehrwertsteuer wurden dabei allerdings allein für den Erwerb des Hochspannungsnetzes und diverse Anlagen vom Netze BW (ein Unternehmen im EnBW-Konzern) fällig.
Rechnerisch steht Stuttgart gut da
Das Stuttgarter Mittel- und Hochspannungsnetz wird durch Netze BW von der Leitstelle in Esslingen aus gesteuert. Kommt es zum Kurzschluss, rücken die Entstörtrupps zur detektierten Umspannstation aus. Von dort aus versorgt ein Ringnetz ein bestimmtes Gebiet. Per Umschaltung liefert die Umspannstation Strom in Gegenrichtung. Sie ist zur Sicherheit mit zwei Trafos ausgerüstet. Danach wird das defekte Kabel repariert oder ein Teilstück getauscht. Nur sieben Minuten sei jeder Stuttgarter rechnerisch in den Jahren 2020 und 2021 ohne Strom gewesen, so Stuttgart Netze. Im Land erreichte der Wert in den letzten zehn Jahren laut Bundesnetzagentur zwischen 11,3 und 18,1 Minuten. In manchem Thriller dauert das Tage. Der Durchschnittswert je Verbraucher ist ein wichtiger Indikator für die Zuverlässigkeit von Energienetzen.
Der Wert für die Störungsdauer liege in Stuttgart bei 45 Minuten und hänge maßgeblich von der Fahrzeit zur Umspannstation ab, so Oehl. Die spätere Reparatur eines Kabels können Stunden dauern, sei aber für den Kunden nach der Umschaltung nicht spürbar. „Stromausfälle sind nie ein Problem von zu wenig vorhandener Energie“, so der Sprecher, für geplante Abschaltungen verfüge Stuttgart Netze über mehrere Notstromaggregate. Bei einer Störung würde ihr Einsatz aber zu lange dauern, die Umschaltung sei schneller erledigt.