Boris Palmer kam nicht nur im Fahrraddress, sondern tatsächlich mit dem Rad aus Tübingen nach Leonberg; das machte allerdings ein bisschen schlapp. Foto: Simon Granville

Der Tübinger Oberbürgermeister hat beim Strohländle erstmals aus seinem Buch: „Erst die Fakten, dann die Moral“ gelesen. Der oft provokante Ex-Grüne lockt die Massen zum Sommerprogramm Strohländle, gibt sich in Leonberg als Vermittler und Entertainer.

Dass die Lesung des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer eine solche Völkerwanderung auf den Engelberg auslösen würde, hätte Organisator Johannes Leichtle nicht gedacht. Zu Fuß, mit dem Rad, per Bus und mit dem Auto strömen die Zuhörer aus allen Richtungen, und lange vor dem offiziellen Beginn um 19.30 Uhr sind alle Sitzplätze auf dem Strohländle belegt. Da anfangs nur zwei Getränkeausgaben geöffnet sind, bilden sich lange Schlangen. Die Gäste haben etwas mehr Zeit als gedacht, um sich zu versorgen, denn Boris Palmer ist immer noch unterwegs. „Er kommt“, versichert Leichtle, „aber etwas später“.

 

Palmer hat sich von Tübingen mit dem Fahrrad nach Leonberg aufgemacht und den Akku seines E-Bikes überschätzt. Immerhin benötigt man laut Navi für die rund 43 Kilometer mit dem Rad 2,5 Stunden. Und so kommt er mit akademischer Verspätung von einer Viertelstunde an, in Radlerhosen und einem Tour de France-Bergtrikot gekleidet. Ein alkoholfreies Weizenbier in der Hand, muss er kurz verschnaufen, aber ganz Entertainer überbrückt er launig die Wartezeit. Angesichts des großen Publikums muss noch ein kurzer Soundcheck sein, doch schnell erweist sich, dass es auf den vorderen Plätzen zu laut, hinten dagegen zu leise ist und Palmer wird auch hier klar: „Man kann es als OB am Ende nie allen recht machen.“

Es ist die erste Lesung seines bereits 2019 erschienen Buchs „Erst die Fakten, dann die Moral. Warum Politik mit der Wirklichkeit beginnen muss“. Denn kurz nach der Fertigstellung kam Corona und Lesungen waren nicht möglich. Nun, so Palmer, sei das Buch in gewisser Hinsicht schon veraltet. Wenn er von „seiner“ Partei spricht, den Grünen, ist sie das bekanntermaßen nicht mehr.

In seinem Buch plädiert Palmer dafür, sich in der Politik zunächst ein Bild über die Tatsachen zu machen und dann darauf die Moral anzuwenden. Nicht umgekehrt. Als aktuelles Beispiel nennt er Familienministerin Lisa Paus und ihr Veto zum Wachstumschancengesetz, verbunden mit ihrer Forderung nach einer Kindergrundsicherung. „Sachfremde Zusammenhänge zu verbinden ist nicht unmoralisch, aber falsch mit Blick auf die Wirkung. Hier geht es nicht mehr um die Sache, es geht nicht um das Gesamte, wofür die Politik stehen sollte.“

Nicht mehr das Gesamte im Blick haben durchaus auch Ökologen. Palmer sieht die Gefahr, dass sie das richtige Maß verlieren, und in eine moralisierende Grundhaltung abrutschen. Er nennt als Beispiel die Klimaaktivistin Greta Thunberg, die die Menschen auffordert „I want you to panic.“ Aber „Panik ist das falsche Rezept“, sagt er. Auch Vorwürfe an die ältere Generation, sie hätten das Klima ruiniert, hülfen nicht weiter. „Man kann nicht alles auf ein Thema reduzieren. Bildung und Lebenserwartung beispielsweise haben sich im Laufe der Zeit erheblich verbessert. Besser, als panisch zu werden, ist es, planvoll und mit kühlem Kopf vorzugehen.“ Das Vertrauen in objektive Entscheidungskriterien dürfe nicht durch absichtliche Übertreibung zerstört werden. Diese Botschaft kommt an. „Palmer ist einfach charismatisch, er provoziert mutig und gibt Denkanstöße“, sagt Elisabeth Jäger aus Leonberg.

Blick in die Geschichte Tübingens

Palmers zweite Botschaft am Abend hebt auf die Bürokratie in Deutschland ab – Beispiel Tübinger Schloss. Erstmals 1078 aufgrund einer Belagerung urkundlich erwähnt, dienten die durch massive Tore gesicherten Zugangswege dazu, Eroberer fernzuhalten, es ging nicht darum, das Schloss möglichst schnell wieder zu verlassen. Das aber ist heute durchaus relevant. Da die Toreinfahrt mit 232 Zentimetern Breite um genau acht Zentimeter zu eng ist, um vier Personen gleichzeitig die Flucht aus dem Schlosshof zu ermöglichen, dürfen laut Versammlungsstättenverordnung, die nach der Loveparade-Katastrophe von Duisburg erlassen wurde, im Schlosshof nur noch maximal 300 Menschen sein – einst durften bis zu 4000 dort zu Gast sein. Veranstaltungen sind kaum mehr möglich. Palmer: „Die Besucher eines Konzertes oder einer Theateraufführung im Schlosshof von Hohentübingen sind so lange sicher, wie sie der Aufführung lauschen. Ihr Risiko, zu Tode zu kommen oder einen schweren Unfall zu erleiden, steigt dramatisch an, sobald sie die Festung verlassen haben. Beschränkt man sich nur auf die Größe der zu betrachtenden Risiken, gibt es für die verbotsgleichen Vorschriften für Veranstaltungen im Schlosshof von Tübingen keinen rationalen Grund.“