Tut die Stadt genug, um für verlässliche Kinderbetreuung in den Kitas zu sorgen? Mutter Regina Friedle, Bürgermeisterin Isabel Fezer und Erzieherin Annika Fischer (von links) waren unterschiedlicher Meinung. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Bürgermeisterin Isabel Fezer wirft der Initiative „Kitastrophe“ vor, sie übertreibe mit ihrer Schilderung der Kitasituation. Doch wie will die Stadt die Misere beheben? Fezer und zwei Vertreterinnen der Initiative trafen sich erstmals zum Gespräch.

Mit ihren Aktionen und dem Namen dramatisiere die Initiative „Kitastrophe“ die Situation in den Stuttgarter Kitas, sagt Bürgermeisterin Isabel Fezer. Die Stadt tue zu zu wenig gegen den Kitanotstand, so deren Macher. Auf Einladung unserer Zeitung setzten sich nun erstmals Isabel Fezer sowie Regina Friedle und Annika Fischer als Vertreterinnen der Eltern- und Fachkräfte-Initiative an einen Tisch.

 

Frau Friedle, Sie haben einen Sohn im Kindergarten. Konnte er heute in die Kita gehen?

Friedle: Ja! Seit kurzem darf er auch wieder bis 16 Uhr bleiben. Unsere Einrichtung hatte seit Februar die Öffnungszeiten auf 15 Uhr verkürzt – wegen Personalmangels. Allerdings kann auch jetzt nur wieder ein Teil der Kinder bis 16 Uhr kommen. Wir Eltern mussten uns erklären, ob und warum wir eine längere Betreuung brauchen, danach wurde ausgewählt. 40 von 90 Plätzen können in der Einrichtung derzeit übrigens gar nicht belegt werden, weil das Personal fehlt.

Fischer: Ich arbeite als Erzieherin in einer privaten Krippe. Wir hatten vor Corona von 7.30 bis 17.30 Uhr geöffnet, heute bieten wir nur noch acht Stunden täglich an. Wir mussten eine ganze Kindergartengruppe schließen. Es fehlen fünf bis sechs Fachkräfte.

Frau Fezer, Sie haben angekündigt, 40-Stunden-Plätze in Kitas in 30- oder 35-Stunden-Angebote umwandeln zu wollen. Was ist geplant?

Fezer: Wir wollen nur noch dort den 40-Stunden-Ganztag anbieten, wo er wirklich benötigt wird. Wir wollen also besser hinschauen, welchen Bedarf Kinder und Eltern haben. Aus unseren Kitas bekommen wir die Rückmeldung, dass es Familien gibt, für die 40 Stunden zu viel sind, die das aber buchen, weil es kein kürzeres Angebot gibt. Wir haben in den vergangenen Jahren tausende zusätzliche Erzieherinnen und Erzieher gewonnen, aber es reicht nicht. Wir müssen deshalb die Betreuungszeit, die wir jetzt in den Kitas insgesamt haben, besser und gerechter verteilen. Und zum Hintergrund: Der Rechtsanspruch der Familien auf Betreuung bezieht sich nur auf 35,05 Stunden.

Friedle: Ich kann mir nicht vorstellen, wie das neue Plätze schaffen soll. In unserer Kita wurde nun ja bereits für alle, die können, die Betreuungszeit reduziert. Das hat aber nur zu der dringend notwendigen Entlastung des Personals geführt. Die Fachkräfte haben nun mehr Zeit, etwa für Vor- und Nachbereitung. Aber dadurch wurde kein einziger zusätzlicher Platz geschaffen. Ich stelle es mir auch schwierig vor, für die Verwaltung zu bewerten, wer welchen Platz braucht. Zählen zum Beispiel Anfahrtswege zu und von der Arbeit der Eltern dazu? Da stellen sich viele offene Fragen.

Fezer: Wir werden die Eltern sehr genau nach ihren Bedarfen fragen. Dabei wird es nicht darum gehen, was Eltern gern hätten, sondern was sie tatsächlich brauchen. Nicht alle Eltern, die jetzt einen Ganztagsplatz gebucht haben, arbeiten auch tatsächlich so lange.

Friedle: Wir sehen das Recht auf einen Kitaplatz für alle Familien, unabhängig von der Arbeitszeit der Eltern. Was die Eltern in der Zeit der Betreuung tun, ist deren Sachen. Wenn sie einen Kaffeetrinken, weil sie eine Pause zwischen stressigem Job und der Betreuung der Kinder brauchen, ist das total legitim aus unserer Sicht. Wir dürfen nicht an einen Punkt kommen, an dem sich die Familien erklären müssen, warum sie einen Kitaplatz brauchen und wie lange. Frühkindliche Bildung ist unabhängig von der Arbeitszeit der Eltern wichtig.

Fischer: Ich frage mich auch, was mit Kindern wird, deren Eltern nicht arbeiten, für die es aber trotzdem wichtig ist, in eine Kita zu gehen. Sie brauchen die Struktur, das warme, gesunde Essen, die Umgebung, in der sie Deutsch lernen können. Alles Dinge, die sie zuhause nicht haben. Was wird aus denen? Auch für Kinder mit Förderbedarf ist es wichtig gemeinsam mit Kindern ohne Förderbedarf Zeit zu verbringen.

Friedle: Dieser Bildungsauftrag der Kitas ist uns sehr wichtig, dass Kinder dort nicht nur verwahrt werden.

Fezer: Genau diese Aspekte bewegen mich auch seit Anbeginn im Amt! Es geht um zwei Dinge: was für die einzelnen Kinder gut und wichtig ist und wie Eltern Familie und Beruf vereinbaren können. Beides muss in Einklang gebracht werden. Wie wir das genau umsetzen, planen wir jetzt. Da bitte ich um Geduld und Vertrauen. In unseren Kitas geht es nie nur ums Beaufsichtigen!

Friedle: Nicht willentlich, aber wegen des Personalmangels.

Fezer: Wir dürfen eine Kita gar nicht aufmachen, wenn zu wenig Personal da ist.

Wer darf alles mitreden beim neuen Konzept?

Fezer: Alle wichtigen Akteure: die Träger, die Mitarbeiter, die Gewerkschaften und auch die Eltern über den Gesamtelternbeirat, der demokratisch gewählt ist.

Würden Sie als Initiative auch gern mitmischen?

Friedle: Wir sind im engen Austausch mit dem Gesamtelternbeirat, den Gewerkschaften und Personalvertretungen. Wir wollen diese Gremien nicht ablösen, sondern verstehen uns als zusätzliche Stimme, die eben beide – Eltern und Fachkräfte – vereint. Unser Ziel ist es, Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken und Ideen öffentlich zu machen.

Frau Fezer, Sie haben vor einem halben Jahr gesagt: „Eine Elterndemo bringt keine neuen Fachkräfte“. Warum sehen Sie die Initiative kritisch?

Fezer: Die Aufmerksamkeit für das Thema ist doch schon lange da. Wir arbeiten seit vielen Jahren im Jugendhilfeausschuss daran, also in dem Gremium, das tatsächlich etwas bewirken kann.

Friedle: Aber bei den Problemen in der Ausländerbehörde hat die Politik doch auch erst so richtig reagiert, als die öffentliche Aufmerksamkeit sehr groß war. Natürlich wird in den Gremien schon etwas getan, das bezweifeln wir gar nicht. Aber wenn das Thema Kita mehr Öffentlichkeit bekommt, erzeugt das auch mehr Druck auf die Entscheider, noch mehr zu tun. Außerdem sind wir ein Ventil für Eltern und Fachkräfte. Eltern sehen, dass sie nicht die einzigen sind, die keinen Platz für ihr Kind haben oder deren Kita ständig spontan Zeiten reduziert. Fachkräfte sehen, dass in anderen Kitas teils auch nur zwei Leute für eine ganze Gruppe da sind. Zu merken, dass man nicht alleine ist, erzeugt eine Energie, die etwas bewegt.

Fezer: Jetzt frag ich mal provokant: Was ist denn passiert, seit es die Initiative gibt? Als ich 2010 anfing, war das größte Problem, Räume für neue Kitas zu finden, heute ist es das Personal. Und daran hat sich nichts geändert, obwohl wir viel getan haben.

Was zum Beispiel?

Fezer: Unter anderem zahlen wir Fachkräften eine Stuttgarter Zulage und das Deutschlandticket. Ein Berufsanfänger im Gruppendienst bekommt derzeit 3372 Euro brutto monatlich, ab März 2024 3756 Euro. Außerdem haben wir die Zahl der Ausbildungsplätze erhöht, beteiligen uns am Schulgeld und werben im Ausland Fachkräfte an. Ich glaube, was Ausbildung, Bezahlung, Vor- und Nachbereitungszeit angeht, ist keine andere Großstadt so gut aufgestellt wie Stuttgart.

Friedle: Aber das nützt all den Eltern nichts, die morgens eine Mail bekommen, dass schon wieder Notbetreuung ist!

Fischer: Wir sprechen auch nicht ab, dass Sie etwas getan haben. Aber vieles kommt eben bei uns in der Praxis nicht an. Wir sind am Limit, haben Langzeitkranke im Team. Die Initiative war ein Lichtblick für uns, wir diskutieren untereinander und mit den Eltern ganz anders als zuvor. Übrigens bekomme ich nur 3650 Euro brutto – und bin keine Berufsanfängerin.

Fezer: Ich kann verstehen, dass es diesen Austausch braucht. Und dass nicht in jeder einzelnen Einrichtung ankommt, wie wir uns im Jugendhilfeausschuss die Beine ausreißen. Das nehme ich gern mit auch in meinen Austausch mit den kirchlichen und privaten Kita-Trägern. Wir müssen offenbar bessere Kommunikationsstränge etablieren. Eine Herausforderung ist, dass die Kitalandschaft nicht nur von der Stadt, sondern vielen unterschiedlichen, kleinen und großen Trägern, gestaltet wird. Im Prinzip ist es so: Wenn der städtischer Träger seinen Beschäftigten etwas einräumt, hat jeder andere Träger die Möglichkeit, das auch umzusetzen und wir müssen es finanziell fördern, wie etwa das Deutschlandticket. Aber vorschreiben können wir das nicht.

Friedle: Ich finde das Kitaforum, das die Stadt jetzt plant, und in dem regelmäßig Eltern, Erzieher, Träger, Gewerkschaften, Personalvertretungen und Stadt zusammen kommen sollen, eine gute Sache.

Welche Ideen will die Initiative bei der Politik platzieren?

Friedle: Unter anderem, dass die Ausbildung besser bezahlt werden muss. 1200 Euro im ersten Lehrjahr – davon ist es schwierig in Stuttgart zu leben. Auch die verpflichtenden Praktika müssen bezahlt werden. Es steht doch viel Geld im Haushalt bereit, dass derzeit gar nicht abgerufen wird, weil die Stellen unbesetzt sind. Das könnte man umverteilen.

Fezer: Wir müssen aber noch die Verhältnismäßigkeit zu anderen Ausbildungsberufen im Blick haben.

Friedle: Und warum müssen pädagogische Fachkräfte teilweise die Wäsche waschen oder Winterdienst machen? Von solchen Dingen müssen sie entlastet werden. Zum Beispiel durch die Stelle eines Kitamanagers oder einen Hausmeister und Hauswirtschaftskräfte. Ein wichtiges Zeichen fände ich auch, dass den Eltern die Gebühr für die ausfallenden Betreuungsstunden erlassen wird. Und wer zahlt eigentlich den Verdienstausfall, wenn ich nicht arbeiten kann, weil ich keine Betreuung habe?

Fischer: Wir Erzieherinnen brauchen mehr Zeit für die Vor- und Nachbereitung. Es hilft uns nichts, wenn wir die Zeit auf dem Papier haben, aber die komplette Arbeitszeit am Kind arbeiten müssen, da so viele Kolleginnen und Kollegen fehlen. Es gibt auch Kleinigkeiten, die helfen würden. Dass wir in der Kita kostenlos Mittagessen können zum Beispiel.

Fezer: In den städtischen Einrichtungen haben wir rund 22 Stunden pro Woche und Gruppe Vor- und Nachbereitungszeit eingeplant. Wir kalkulieren die Personaldecke grundsätzlich so, dass diese Stunden genommen werden können. Was die weitere Entlastung von nicht pädagogischen Aufgaben angeht: Das ist auch ein Thema, das ich gern in den jetzt startenden Prozess mitnehme. Ich kann Sie nur ermutigen, Ihre Ideen über den Gesamtelternbeirat einzubringen. Ich freue mich auf die Impulse von Ihnen. Womit ich aber nach wie vor hadere ist der Begriff „Kitastrophe“.

Warum?

Fezer: Warum sollen Menschen beruflich in einen Bereich gehen, der mit Katastrophe assoziiert wird? Das kann abschrecken. Außerdem finde ich den Begriff zu groß angesichts der wirklichen Katastrophen weltweit.

Friedle: Wir denken nicht, dass dieser Begriff abschreckt. Wir wollen damit Aufmerksamkeit schaffen und mitarbeiten, dass die Situation in den Kitas für alle besser wird. Aber ich bin bei Ihnen, dass es Katastrophen auf dieser Welt gibt, die eine ganz andere Dimensionen haben. Deshalb sagen wir ja bewusst Kitastrophe nicht Katastrophe, um zu zeigen: Für die einzelne Erzieherin oder Familie können die Zustände in den Kitas schon einer Katastrophe gleich kommen.

Die Gesprächspartnerinnen

Von rechts: Regina Friedle, Annika Fischer und Isabel Fezer im Gespräch mit Redakteurin Lisa Welzhofer. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/Leif Piechowski

Annika Fischer
Die 25-jährige Erzieherin arbeitet seit 2,5 Jahren in einem inklusiven Kinder- und Familienzentrum in Stuttgart in privater Trägerschaft.

Regina Friedle
Die 42-jährige Mutter zweier Kinder (6 und 8 Jahre alt) ist Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und engagiert sich in der Eltern- und Fachkräfte-Initiative „Kitastrophe“. Diese hat sich im Frühjahr 2023 gegründet und will die Situation in den Kitas mit Demos und Aktionen in die Öffentlichkeit tragen.

Isabel Fezer
Die FDP-Politikerin, Jahrgang 1959, ist seit 2010 Bürgermeisterin der Landeshauptstadt Stuttgart. Sie leitet das Referat Jugend und Bildung. Sie stammt aus Radolfzell und studierte Rechtswissenschaften in Konstanz und Bonn.