Die meiste Zeit verbringt Schimpanse Robby in einem kleinen Zirkuswagen oder in einem vergitterten Gehege. Foto: Peta Deutschland

Früher kurvte Robby auf einem Roller durch die Manege und warf Bälle ins Publikum. Tierrechtler wollen den Schimpansen aus dem Circus Belly holen und in eine Station für gequälte Primaten bringen. Nun entscheiden die Richter über Robbys Schicksal.

Visselhövede/Lüneburg - Wo ist der beste Platz für einen Schimpansen, der seit über 40 Jahren ohne Artgenossen lebt? „Robby gehört zur Familie, er ist mein siebtes Kind, für ihn gibt es keinen besseren Platz auf der Welt“, sagt Klaus Köhler vom Circus Belly, das Oberhaupt der Zirkusfamilie, die seit 350 Jahren mit ihren Tieren umherzieht.

„Robby führt ein trostloses Leben, er wurde vermenschlicht und hatte noch nie adäquate Sozialpartner“, sagt hingegen Yvonne Würz von der Tierrechtsorganisation Peta.

Am 8. November entscheiden die Richter des niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts in Lüneburg über das Schicksal des letzten Menschenaffen in einem deutschen Zirkus.

Gerichtsverfahren läuft seit 2015

Laut einer Leitlinie des Bundesagrarministeriums aus dem Jahr 1990 sind keine Menschenaffen mehr in Zirkussen zu halten. Der für den Circus Belly zuständige Landkreis Celle gewährte über Jahrzehnte für Robby eine Ausnahmegenehmigung. Ende September 2015 ordnete die Behörde jedoch an, dass der Menschenaffe abgegeben werden muss. Zirkusdirektor Klaus Köhler reichte daraufhin Klage ein.

Das Verwaltungsgericht Lüneburg entschied im Frühjahr 2017, dass der 1,50 Meter große und rund 75 Kilogramm schwere Schimpanse in ein spezielles Primaten-Tierheim der AAP-Almere-Stiftung in der niederländischen Stadt Almere verlegt und dort das Leben unter seinesgleichen lernen soll. Mindestens bis zur Entscheidung im Berufungsprozess bleibt der 47 Jahre alte Primat in seiner gewohnten Umgebung.

Peta-Kampagne „Rettet Robby“

Für Peta ist Robby der Inbegriff eines leidenden Zoo- und Zirkustiers. Sein Wagen und Außengehege seien viel zu klein. 2011 startete die Organisation die Kampagne „Rettet Robby“. Zirkuschef Köhler hat dafür kein Verständnis. „Er war ein guter Akrobat“, sagt er über seinen 47 Jahre alten Affen. Bei den Vorstellungen trat Robby früher im Anzug auf, machte Handstand, lief auf Stelzen und auf einer Kugel. Zuletzt düste er auf einem Roller durch die Manege und spielte Basketball mit Zuschauern.

Auch die renommierte britische Schimpansen-Forscherin Jane Goodall hat sich zum Fall Robby geäußert: „Ich bin nach eingehender Betrachtung der absoluten Überzeugung, dass Robby aus jeder zukünftigen Situation der kommerziellen Ausbeutung befreit und in eine autorisierte Auffangstation überstellt werden sollte, die weiß, welche Bedürfnisse Tiere aus der Unterhaltungsindustrie haben, zum Beispiel die Stiftung AAP.“

„Robby ist unumkehrbar auf den Menschen fehlgeprägt“

Kurzzeitig hatte das Veterinäramt Celle ein Auftrittsverbot ausgesprochen. Der Schimpanse dürfe nicht mehr zur Schau gestellt werden, hieß es. Mittlerweile ist dieses Verbot aufgehoben – wohl auch weil die Begegnungen mit Menschen dem ohne Artgenossen lebenden Affen Abwechslung bieten.

Die Bremer Tierärztin Alexandra Dörnath glaubt, dass eine Herausnahme aus dem Zirkus Robbys Todesurteil wäre. „Robby ist unumkehrbar auf den Menschen fehlgeprägt. Er zeigt aber keine Verhaltensstörung und leidet auch nicht“, betont die Veterinärin, die ihre Doktorarbeit über die Ruhigstellung von Gorillas in Zoos schrieb. Die Sachverständigen, auf deren Gutachten das Verwaltungsgerichtsurteil fußt, seien keine Menschenaffenexperten, sagt die Tierärztin.

Wildtierverbot in Zirkussen

Der Deutsche Tierschutzbund fordert seit Jahren ein generelles Wildtierverbot in Zirkussen. Der Bundesrat forderte zuletzt 2016 die Bundesregierung auf, dieses in vielen EU-Ländern wie jetzt in Portugal bereits bestehende Verbot per Verordnung umzusetzen.

In Deutschland gibt es noch rund 350 Zirkusse. Nach Angaben der Gesellschaft der Circusfreunde (GCD) sind 90 Prozent davon Kleinunternehmen, die vornehmlich von Familienmitgliedern getragen werden. Nur wenige haben noch Raubtiernummern im Programm. Der in Stuttgart gastierende Weltweihnachtscircus hatte jüngst bekannt gegeben, dass er auf Wildtiere in der aktuellen Saison verzichten werde. Von den Großzirkussen sind nur wenige übrig geblieben: Cirkus Krone, Charles Knie, Universal Renz, Carl Busch, Roncalli, Voyage sowie Probst.

Ende des Traditionszirkus?

Tierschutzorganisationen wie Peta, Vier Pfoten, Bund gegen Missbrauch der Tiere oder Animal Public machen seit Jahren gegen die Haltung von Wildtieren mobil, die sie als nicht artgerecht verurteilen. Die Wanderbetriebe wehren sich und fürchten bei einem Verbot um das Ende des Traditionszirkus. Die Haltung von Wildtieren im Zirkus sei systembedingte Tierquälerei, kritisiert Peta. Die lebenslangen Entbehrungen führten zu Verhaltensauffälligkeiten, Krankheiten, frühzeitigem Tod.

„Katastrophale Tierhaltung“

Nach Angaben der Tierschutzorganisation Vier Pfoten durchstreift ein Löwe in freier Wildbahn ein Territorium von bis zu 400 Quadratkilometern – im Zirkus sind es 50 Quadratmeter. Platzmangel, finanzielle Probleme und mangelnde Sachkunde seien Gründe, die zur „katastrophalen Tierhaltung“ führten, erklärt Wildtierexperte Thomas Pietsch. Kleinere Zirkusse würden aus Geldmangel häufig am Tierarzt und vitaminreichen Futter sparen. Aber Großzirkusse, schränkt er ein, seien „nicht pauschal besser als kleine“.

Außer allgemeinen Regelungen des Tierschutzgesetzes gibt es in Deutschland keine rechtlich verbindlichen Vorgaben für die Tierhaltung. Bereits 2003 hatte der Bundesrat mit großer Mehrheit für ein Verbot von Wildtieren im Zirkus gestimmt. Die Zirkusleitlinien, die das Bundeslandwirtschaftsministerium danach erlassen hat, seien weder rechtsverbindlich noch würden die Minimalvorgaben in der Praxis hinreichend umgesetzt, kritisiert der Deutsche Tierschutzbund.

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