Streit um ein Siegel für faire Steine Krieg der Steine

Von Verena Mayer 

Immer fair: Natursteinplatten aus heimischen Steinbrüchen Foto: Fotolia
Immer fair: Natursteinplatten aus heimischen Steinbrüchen Foto: Fotolia

Eine Firma aus Kirchheim/Teck hat ein Siegel für faire Steine aus China entwickelt. Doch ein früherer Mitstreiter droht die Arbeit zu zerstören.

Kirchheim/Teck - Für den Zivilprozess mit dem Aktenzeichen 11 O 277/12 ist an diesem Morgen Saal 157 reserviert. Ein paar Tische stehen darin, Stühle und ein Telefon. Kurz nach halb zehn betritt der Richter den Saal des Stuttgarter Landgerichts. Von den Stühlen erheben sich eine Frau, ein Mann und drei Anwälte. Anderthalb Stunden haben sie Zeit, um über Kinderarbeit in chinesischen Steinbrüchen zu streiten; darüber, ob es so etwas überhaupt gibt; und darüber, wer ernsthafter versucht, Steinarbeiter anständig zu behandeln: Die Frau oder der Mann? Doch nach anderthalb Stunden ist der Streit nicht beigelegt und der Richter ratlos: „Wollen Sie nicht doch versuchen, sich zu einigen?“, fragt er die Dame und den Herrn vor sich eindringlich. Keine Chance. Kein Kompromiss.

Das Geschäft mit den Steinen ist hart und mit fairen Steinen noch ein bisschen härter.

Bei der Frau in Saal 157 handelt es sich um Annemirl Bodemer, sie führt die Geschäfte der Firma Win-Win in Kirchheim unter Teck. Der Herr heißt Uwe Thumm, er führt die Geschäfte der Firma Seltra in Nürtingen. Bis vor Kurzem waren die Gegner Partner. Zusammen engagierten sie sich für bessere Arbeitsbedingungen in chinesischen Steinbrüchen. Die Menschen, die dort arbeiten, werden in der Regel gerade mal 40 Jahre alt. Viele von ihnen sterben, weil sie keine Luft mehr bekommen: Staublunge. Win-Win, die „Agentur für globale Verantwortung“, hat deshalb das Siegel „Fair Stone“ entwickelt.

In fairen Steinbrüchen tragen die chinesischen Arbeiter Helme, Ohrstöpsel und Schutzbrillen. Ihre Füßen stecken in festen Schuhen, ihr Mund ist hinter einer Staubmaske verborgen. Sie haben ein Dach über dem Kopf, das vor Regen und Sonne schützt, und Verträge, in denen erträgliche Arbeitszeiten stehen und ein Mindestlohn. Ätzende Chemikalien stehen nicht in offenen Flaschen herum; elektrische Kabel hängen nicht kreuz und quer von den Wänden; Staub, der beim Sägen der riesigen Steinquader entsteht, wird mit Wasser gebunden, das im Idealfall recycelt wird. Mit 180 000 Euro hat der deutsche Staat die Entwicklung des Fair-Stone-Standards gefördert, den es seit 2009 gibt – und an dessen Entwicklung Uwe Thumm maßgeblich beteiligt war. Doch nun droht er, meint Annemirl Bodemer von Win-Win, alles zu zerstören.

Mit fairen Steinen kann man Kohle verdienen

Aus Sicht der Klägerin ist Uwe Thumm ein Schuft. Bodemer stellt den Sachverhalt so dar: Thumm zeichnete seine Ware aus China zwar mit dem Fair-Stone-Siegel aus, doch in Wahrheit kümmerte er sich nicht darum, dass die Arbeitsbedingungen bei seinen Zulieferern humaner werden. Kurz bevor der Tüv als unabhängiger Prüfer in China aufgetaucht wäre, hat der Steinhändler die Fair-Stone-Gemeinschaft verlassen. Am schlimmsten aber sei, dass Thumm ein eigenes Logo entwickelt hat: Ethic Stone. Es verspricht, dass in der damit markierten Ware keine Kinderarbeit steckt.

Wenn Uwe Thumm über seine Trennung von Win-Win spricht, klingt alles ganz anders. Es klingt so, als ob faire Steine vor allem zum Kohleverdienen gut seien.

Der 41-Jährige vertreibt 1800 Produkte aus 40 Ländern an Fachhändler in ganz Deutschland. Ein Drittel seiner Ware stammt aus Fernost. Als Thumm das Projekt „Fair Stone“ kennenlernte, hat er gerne mitgemacht. Wenn er das Leben chinesischer Arbeiter lebenswerter machen könnte, sollte er das tun, sagte sich Thumm. Und wenn seine Treppen, Terrassenplatten, Palisaden oder Pflastersteinen dadurch gefragter werden, umso besser.

Tatsächlich, erzählt er, bescherte ihm das Siegel beinahe einen großen öffentlichen Auftrag. Doch ein Konkurrent schnappte ihm das Geschäft weg. Er war günstiger – und hatte sich kurz zuvor auch bei Win-Win registrieren lassen, konnte also auch – wie vom Auftraggeber gewünscht – sozial korrekt auftreten. Das war der Moment, in dem Thumm zum ersten Mal an den Ausstieg dachte. „Wenn jeder mit dem Siegel werben kann, ist es ja nichts Besonderes mehr.“ Heute weiß er: mit seiner Eigenmarke ist der faire Nachweis kinderleicht. Und er spart sich die 4000 Euro Jahresgebühr für Win-Win.

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