Wohnen versus Sport: Esslinger Bewohner von Hegensberg und umliegenden Stadtteilen wollen sich nicht damit abfinden, dass ein Teil des Sportgeländes bebaut wird. Aber haben sie überhaupt noch eine Chance?
Das pralle Leben fängt vor der Haustür an – wie wahr diese Binse ist, ließ sich bei der Einwohnerversammlung der Ortsteile Hegensberg, Liebersbronn, Kimmichsweiler und Oberhof erleben. Die Bewohner der Ortschaften, die sich auch als Stadtteile „vom Berg“ bezeichnen, hatten zuvor online über die Themensetzung abgestimmt. Zur Aussprache kamen dann neben allen vier Bürgermeistern der Stadt Esslingen und Mitarbeitenden der Stadtverwaltung rund hundert Bürgerinnen und Bürger, darunter auch die elf Vertreter der Bürgerschaft, die zuvor ebenfalls online gewählt worden waren.
Wohnen und bauen wird immer teurer
Der Ablauf war dann immer der gleiche: Relativ zügig wurden die Themen von Verantwortlichen aus dem Rathaus vorgestellt, dann gab es die Aussprache. Mal mit nur ein oder zwei Wortmeldungen, mal mit sehr vielen. Das Thema, das offenkundig alle Gemüter erhitzte, ist die teilweise Bebauung des Sportplatzes des TV Hegensberg. Der Grundkonflikt ist einer, der sich durch die gesamte Metropolregion Stuttgart zieht: Wohnen und bauen wird immer teurer und mitunter unbezahlbar. Andererseits sucht die Region händeringend nach Arbeitskräften, die aber nicht gewillt sind, die Hälfte ihres Lohns für die Miete zu zahlen. Im Ergebnis ergibt sich aus dem Widerspruch „das Wachstumshemmnis Nummer Eins“ in der Region, so Oberbürgermeister Matthias Klopfer.
Konkret geht es darum: Um zu mehr Wohnungen zu kommen, werden Lücken gesucht, eine solche will die Stadt Esslingen auf dem Sportgelände des TV Hegensberg gefunden haben. Ein Haus mit voraussichtlich 17 Wohnungen soll hier gebaut werden, was das Gelände logischerweise einengt. Doch das scheint nicht das Hauptproblem zu sein, wie sich in der Diskussion herausstellte. Die Nutzer des Geländes, aber offenkundig auch andere Bewohner vom Berg befürchten, dass die neuen Mieter oder Wohneigentümer sich dafür einsetzen, die Sportveranstaltungen zu reduzieren. Dafür stehen ihnen eine ganze Reihe juristischer Mittel zur Verfügung – die Lärmbelastung in Wohngebieten ist gesetzlich geregelt. Schon jetzt wohnen dort viele Bürgerinnen und Bürger rund um das Gelände, die aber, so ein Redner aus dem Publikum, keine Probleme mit dem Sport beziehungsweise dem Lärm haben, der bei Sport-Veranstaltungen entsteht.
Die Bebauung des Sportplatzes hat viele Gegner
Die Bebauung des Areals hat eine lange Geschichte. 2015 gab es einen Grundsatzbeschluss im Gemeinderat, 2016 einen Bebauungsplan, der aber vom Verwaltungsgerichtshof aus formalen Gründen gekippt wurde. Daraufhin gab es einen zweiten Anlauf, der von Stadträten im Ausschuss für Technik und Umwelt abgesegnet wurde – für die Bauwilligen stehen damit fast alle Ampeln auf Grün. Der Amtsleiter des Stadtplanungsamtes, Axel Fricke, rechnete schon mal vor, was das, den Lärm in der Umgebung von Sportplätzen betreffend, bedeuten könnte: Ruhezeiten zwischen 20 Uhr abends und neun Uhr morgens sowie mittags zwischen 13 und 15 Uhr. Diese würden aber auch jetzt schon gelten – auch wenn sich niemand beschwere. Das sei „allgemein gültiges Regelwerk“. Es gelte das „Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme“.
In der Diskussion gab es seitens der Einwohnerinnen und Einwohner keine Stimmen, die die Bebauung grundsätzlich befürworteten, sehr viele dagegen, die ihn prinzipiell ablehnten. Gefragt wurde unter anderem, ob es neben dem Bebauungsplan auch einen Verkehrsplan gebe. Fricke verneinte, verwies aber darauf, dass eine Tiefgarage geplant sei. Pro Wohnung sei ein Stellplatz geplant. Neben einer Reihe weiterer Anmerkungen verwies eine Bürgerin auf den Widerspruch zwischen Wohnbebauung und gesunder Bewegung. „Kinder bewegen sich eher zu wenig als zu viel. Ich glaube, es ist ein Irrweg, Sportplätze zu bebauen.“ Auch Klimaschutzgründe wurden ins Feld geräumt, da ja eine offene Fläche versiegelt werde. Mehrere Sprecherinnen und Sprecher appellierten an die Verwaltung und die Stadträte, diesen Beschluss zu überdenken.
In der Verwaltung will man noch mal nachdenken
Klopfer räumte ein, Verständnis für die Bedenken zu haben und versprach, dass die Bebauung in der Verwaltung nochmals „intensiv diskutiert“ werde. Ab Oktober befasse sich eine Arbeitsgruppe mit dem Thema, die Beteiligung der Öffentlichkeit sei für das erste Halbjahr 2024 geplant.
Neben weiteren Themen wie zum Beispiel die marode Pergola auf dem Friedhof oder die Kinderspielplätze wurden auch die Mitglieder des neu gewählten Bürgerausschusses vorgestellt. Coronabedingt musste der alte Bürgerausschuss vom Berg sechs Jahre im Amt bleiben. Normalerweise setzt sich der Bürgerausschuss, der die verschiedenen Ortsteile repräsentiert, alle drei Jahre neu zusammen.