Der Verdi-Warnstreik des Bodenpersonals am Mittwoch wirft ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Unruhe im Luftfahrtkonzern. Denn die Lufthansa muss sich derzeit mit drei streitbereiten Gewerkschaften an einem halben Dutzend Tariffronten auseinandersetzen.
Der Luftverkehr in Deutschland wird an diesem Mittwoch von einem 27-stündigen Warnstreik massiv beeinträchtigt. Die Gewerkschaft Verdi hat das Bodenpersonal der Lufthansa zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen – ein Konflikt für 25 000 Beschäftigte von der Wartung bis zur Passagier- und Flugzeugabfertigung. Der Kranichkonzern kommt kaum zur Ruhe. Ein Überblick.
Inwieweit wird der Flughafen Stuttgart beeinträchtigt? Die Warnstreiks beginnen am Mittwoch um 4 Uhr und enden am Donnerstag um 7.10 Uhr. Bestreikt werden die Lufthansa-Standorte Frankfurt, München, Hamburg, Berlin und Düsseldorf. Das Unternehmen rechnet mit mehr als 100 000 betroffenen Passagieren. Verdi erwartet, dass 80 bis 90 Prozent des Lufthansa-Programms nicht geflogen werden kann. Aus Stuttgarter Sicht seien nur wenige Flüge betroffen, darüber hinaus soll der Streik nach Verdi-Angaben kaum Auswirkungen haben. Einen Lufthansa-Standort gibt es hier nicht, sondern „nur eine Handvoll Beschäftigte“.
Auch der Flughafen erwartet nur geringe Folgen. Es gebe jeweils vier Flüge der Lufthansa nach Frankfurt und München, die tangiert sein könnten. Die Reisenden sollten sich auf der Webseite informieren. Der Airport Karlsruhe/Baden-Baden ist wohl gar nicht betroffen, da er am Mittwoch keine Flüge der Lufthansa im Angebot hat.
Was will Verdi durchsetzen? Verdi fordert 12,5 Prozent mehr Gehalt, mindestens 500 Euro im Monat. Er erwarte ein deutlich verbessertes Angebot, das die Belegschaft nicht mehr spalte, sagte Verhandlungsführer Marvin Reschinsky unserer Zeitung. Bisher werde im ersten Jahr eine durchschnittliche Erhöhung von weniger als zwei Prozent angeboten. Zudem soll es laut Lufthansa unterschiedliche Inflationsausgleichsprämien für diverse Gruppen geben. Die Beschäftigten im Konzern müssten aber gleich behandelt werden – mit einer einheitlichen Prämie in Höhe von 3000 Euro. Er habe generell noch keine Verständigungssignale der Lufthansa erhalten, sagt der Konzernbetreuer. Insofern könnte der Arbeitgeber diesmal anders vorgehen als gewohnt.
Wie viele Konflikte gibt es im Konzern? Erst am vorigen Donnerstag hatte die Tarifrunde von Verdi und dem Arbeitgeberverband BDLS einen Ausstand der Luftsicherheitskräfte ausgelöst – woraufhin rund 1100 Flüge praktisch aller Airlines ausfielen. Die Lufthansa ist freilich eine besondere Zielscheibe mehrerer Gewerkschaften in parallel ausgetragenen Konflikten. An diesem Montagabend beendet die Vereinigung Cockpit (VC) einen zweitägigen Pilotenausstand beim Ferienflieger Eurowings Discover – den dritten Warnstreik in wenigen Wochen. VC kämpft um einen Ersttarifvertrag bei der vor zweieinhalb Jahren gegründeten Fluggesellschaft. Weitere Unruhe droht bei der jüngsten Konzerntochter City Airlines, wo diverse Beschäftigtengruppen noch untarifiert sind.
Die Unabhängige Flugbegleiterorganisation (Ufo), die das Kabinenpersonal vertritt, hatte sich schon am 26. Januar mit der VC bei einem Warnstreik zusammengetan. Das Management habe die Entschlossenheit der Mitglieder unterschätzt, resümierte die Ufo. Nicht gut laufen auch die Verhandlungen für die gesamte Lufthansa-Kabine: Dort hat Ufo am 30. Januar die Gespräche abgebrochen – nun wird intern der weitere Weg diskutiert, weitere Streiks sind denkbar.
Die Konkurrenz der Gewerkschaften ist stets mitzudenken: Jüngst beigelegt wurde der Konflikt beim Kabinenpersonal zwischen Verdi und der Lufthansa-Tochter Eurowings – mit Lohnsteigerungen von bis zu 14,4 Prozent. Das dürfte auch die Ufo anspornen.
Welche Strategie hat die Lufthansa? Gegenüber der VC macht die Lufthansa eine sogenannte „Sozialpartner-Charta”, eine Art Verhaltenskodex, zur Vorbedingungen für einen Tarifabschluss – was die Pilotengewerkschaft als Einschränkung ihrer tariflichen Rechte auf Streik betrachtet. Verdi wurde damit beim Bodenpersonal bisher nicht konfrontiert, würde sie aber auch nicht akzeptieren, wie Verhandlungsführer Reschinsky sagt. „Ich glaub’, die Lufthansa weiß trotz allen Konflikts immer noch zu schätzen, dass wir keine irre Gewerkschaft sind, die irreparable Schäden anrichten möchte, sondern die einen vernünftigen Umgang im Rahmen der gültigen Spielregeln finden will.“ Zu Notdienstvereinbarungen etwa steht Verdi bereit. Damit grenzt Reschinsky seine Gewerkschaft auch von der Lokführergewerkschaft und ihrem knallharten Konfrontationskurs zur Deutschen Bahn ab. „Es ist immer ein Gradmesser, ob man in schwierigen Phasen trotzdem noch miteinander sprechen kann und den Dialog erhält“, sagt der Gewerkschafter. „Das scheint uns noch zu gelingen.“ Daher könne er nicht erkennen, dass die Lufthansa mit Verdi eine solche Charta vereinbaren möchte.