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Nichts meiden die Freimaurer mehr als Geschwätzigkeit. Was früher dem Selbstschutz vor Verleumdung und Verfolgung diente, hat diesem „ethischen Club“ einen zweifelhaften Ruf eingebracht. Noch heute gibt es wilde Verschwörungstheorien über einen vermeintlich weltumspannenden Freimaurer-Machtzirkel.

Stuttgart - Der Zahn der Zeit hat hier genagt. Auf dem Grabstein des königlichen Diplomaten Friedrich von Kölle lässt sich das Geburts- und Sterbedatum (1781–1848) kaum noch entziffern. Nur zwei in Stein gemeißelte Symbole sind noch klar erkennbar: die Eule der Minerva sowie Zirkel und Winkelmaß. Damit ist für jeden ersichtlich: Hier im Hoppenlaufriedhof ruht ein Logenbruder. Und zwar ein besonderer: Friedrich von Kölle war Gründungsmitglied der Freimaurerloge „Zu den 3 Cedern“ in Stuttgart.

Ein Bund von Männern, der nach einer wechselhaften Geschichte heute noch existiert. Oder soll man sagen „praktiziert“? Denn die Brüder wollen ihre Grundideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität nicht nur im Elfenbeinturm beschwören. Ihr Humanismus soll im Alltag gelebt werden. Still und leise.

Nichts meiden die Freimaurer mehr als Geschwätzigkeit. Was früher dem Selbstschutz vor Verleumdung und Verfolgung diente, hat diesem „ethischen Club“ einen zweifelhaften Ruf eingebracht. Noch heute gibt es wilde Verschwörungstheorien über einen vermeintlich weltumspannenden Freimaurer-Machtzirkel.

Aber sitzen auch die 15 000 Brüder in Deutschland tatsächlich an den Schalthebeln der Macht? Beeinflussen sie Regierungen und Konzerne? Wer sind diese Schattenmänner? Wer sind in Stuttgart die Erben des Friedrich von Kölle?

Der Weg der Entdeckung führt einen in die Stuttgarter Halbhöhe in die Hackländerstraße 27. Hinter Mauern, gusseisernen Stäben, eingerahmt in einen kleinen Park liegt es – das Domizil der Stuttgarter Freimaurer. Sechs Logen residieren in dieser Villa, die der Loge „Zu den 3 Cedern“ gehört.

Abgelegen, ja. Aber nicht versteckt. Schon gar nicht geheim. An der Pforte prangen vom Grünspan patinierte Schilder mit den Namen der Logen. Sogar im Internet haben die Stuttgarter Freimaurer ihre Auftritte. Mehr Offenheit und Transparenz geht kaum. Einerseits. Und doch gehen die Logen-Mitglieder äußerst reserviert mit einem öffentlichen Bekenntnis zu ihrer Bruderschaft um. Gibt es also doch etwas zu verbergen?

Der Meister vom Stuhl, Reinhart Frank, und sein Stellvertreter, Klaus Dieterich, schütteln synchron mit dem Kopf. Eine wegwerfende Handbewegung soll jede Vermutung, jedes Gerücht in das Reich der Fabel verjagen. „Das ist keine Geheimniskrämerei, wir pflegen einfach Verschwiegenheit“, sagt Klaus Dieterich, „ansonsten gehen wir offen mit allem um und wollen zeigen, dass die Freimaurer keine komischen Gesellen sind.“

Jeder sei grundsätzlich willkommen, an einem der Gästeabende teilzunehmen. Ohne Einschränkung. In der Loge „Zu den 3 Cedern“ seien alle sozialen Schichten vertreten: vom Mauerer bis zum Lehrstuhlinhaber, vom 20-Jährigen bis zum Ruheständler. „Wir schauen nicht nach dem Beruf, sondern wie einer als Mensch wirkt“, sagt der Meister vom Stuhl. Menschenbildung ist für Frank wichtiger als Hochschulbildung. Freimaurer sollen positiv in die Gesellschaft hineinwirken. Persönlich. Als Vorbild. Und nicht als Organisation. „Das ist die Idee, die hinter der Freimaurerei steckt“, sagt Reinhart Frank und spürt die Skepsis, die seine Worte auslösen.

Es sind gute und schöne Worte. Aber wer prüft die Brüder in ihrem Handeln? Ganz nach dem Motto: Es gibt es nichts Gutes, außer man tut es. „Das Gewissen ist unsere Kontrolle“, pariert Frank und räumt gleich mit einem weiteren Vorurteil auf: Die Bruderschaft sei kein Günstlingsverein. Es gebe kein Geklüngel, keine Vetterleswirtschaft: „Im Gegensatz zu den Service-Clubs, den Rotariern oder Lion-Clubs, gibt es bei uns keine wirtschaftlichen Verflechtungen.“ Und keinen Hokuspokus. Auch das wird den Freimauern gerne nachgesagt.

Es muss einen jedoch nicht wundern. Denn ihre geschlossene Versammlung nach strengen Riten nennen die Freimaurer Tempelarbeit. In der Villa an der Hackländerstraße ist dieser Tempel in Taubenblau getüncht. Auf dem Parkett in Doppeldiagonalmuster stehen barocke Stuhlreihen. Und am Kopfende des Saals thront erhöht der Stuhl des Meisters hinter einem Tischchen.

Menschen mit blühender Fantasie können sich in diesem blauen Ritualraum alles vorstellen. Filmreife Handlungen, bei denen Kapuzenmänner Wein aus Menschenschädeln trinken und dazu lateinische Beschwörungsformeln murmeln.

Alles Mumpitz.

„Wir sind keine Religion oder Ersatzreligion“, sagt Frank. Die Riten der Freimaurer haben nichts mit den Geschichten von Schriftsteller Dan Brown zu tun. Hier treffen sich keine Illuminaten, die okkultes Wissen zelebrieren . „Der Tempel entsteht in den Köpfen“, erklärt Frank, „und der Ritus soll einen raus aus dem Alltag führen. Er soll die Nachdenklichkeit und Konzentration erhöhen.“ Seit Mitbruder Dieterich ergänzt: „Die Rituale wirken wie eine Reset-Taste.“ Diese sinnbildliche Taste soll den gewohnten Lebensrhythmus durchbrechen.

Die Realität ist also viel banaler als jede Kopfgeburt. Dazu passt auch, dass die Logen eingetragene Vereine sind. 350 Euro Jahresbeitrag kostet die Mitgliedschaft bei den „3 Cedern“. Vorträge mit anschließender Diskussion stehen im Mittelpunkt der wöchentlichen Treffen. Dabei werden Reden zu ziemlich weltlichen Themen gehalten. Zum Beispiel: die Schriftsteller der Romantik. Oder die Auswüchse der modernen Bevormundungsgesellschaft.

Am Ende der Entdeckungsreise in die Hackländerstraße bleibt wenig übrig von der Vorstellung einer dunklen Geheimloge, die Stuttgart regiert. Hier treffen sich keine Weltverschwörer. In der Loge „Zu den 3 Cedern“ versammeln sich im besten Fall 45 Weltverbesserer.

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