Nach dem Flop des dritten Teils (Foto) musste eine Narnia-Kinofilmreihe abgebrochen werden. Trotzdem greift Netflix den Stoff nun auf. Foto: Netflix

Viele Streamingdienste suchen derzeit bei Lesern gut eingeführte Fantasy-Stoffe. Netflix etwa hat mit dem Narnia-Kosmos von C. S. Lewis in den nächsten Jahren wohl einiges vor. Aber hat der Branchenführer da die richtige Wahl getroffen?

Los Angeles - Natürlich klingt der Programmchef von Netflix, Ted Sarandos, höchst begeistert. Der Streaming-Gigant hat gerade einen Vertrag mit den Erben des britischen Autors C. S. Lewis abgeschlossen und will nun dessen Fantasy-Welt Narnia in mehreren Serien- und Spielfilmprojekten nutzen. „Generationen von Lesern auf der ganzen Welt wurden von den ,Chroniken von Narnia’ berührt, ganze Familien haben sich in Charaktere wie Aslan verliebt. Wir sind begeistert, auf Jahre hinaus ihr Zuhause zu sein.“

Trotz solch schwungvoller Worte, ein wenig staunen darf man schon. Fantasy und Science Fiction sind ein wichtiger Pfeiler der neuen Fernsehlandschaft, gerade hat Amazon unter anderem die Kooperation mit Neil Gaiman und eine Adaption des Romanzyklus „Das Rad der Zeit“ von Robert Jordan angekündigt. Im Kampf um bereits als Franchise etablierte Fantasiewelten hat Netflix nun fraglos einen Klassiker gesichert – aber einen besonders heiklen.

Abbruch nach Flop

Zum einen sind die sieben Romane der Narnia-Reihe bereits mehrfach als TV-Serie adaptiert worden. Zum anderen sollte der ganze Zyklus zu einer Kinofilmreihe werden, mindestens so erfolgreich wie „Harry Potter“ und „Herr der Ringe“. Der Auftaktfilm „Der König von Narnia“ wurde 2005 auch ein Kassenknüller. „Prinz Kaspian von Narnia“ dagegen lief 2008 weit schwächer, und „Die Reise auf der Morgenröte“ war 2010 ein veritabler Flop. Die Produzenten gaben ihr Projekt daraufhin auf. Dieser Misserfolg sollte den Netflix-Managern eigentlich zu denken geben. Doch die Narnia-Kinofilme gehören zum Angebot von Netflix: Offenbar sind die Zugriffszahlen darauf ermutigend.

Lewis (1898-1963) war zwar ein Professorenkollege und Freund von „Herr der Ringe“-Autor J. R. R. Tolkien in Oxford. Aber sein Narnia unterscheidet sich in Ton, Gestalt und Absichten radikal von Mittelerde – jener Welt, die sich der Netflix-Konkurrent Amazon Prime Video für weitere Projekte gesichert hat.

Vorsicht, Fettnapf

Der gläubige Lewis verpackte christliche Werte, Motive und Allegorien in eine auf jüngere Leser zielende Geschichte: Mal ist das virtuos, mal eher ein verschwurmelter Kindergottesdienst auf Umwegen. Wer diesen Sinngehalt ausblendet, wird die Old-School-Lewis-Fans enttäuschen. Wer ihn betont, wird Zuschauer verprellen, die weltlichere Fantasy gewohnt sind. Vom Problem, den kindlichen Charme zu wahren, ohne zu naiv für Erwachsene zu werden, ganz zu schweigen.

Die vor acht Jahren gestoppte Kinofilmreihe erstickte in diversen Fettnäpfen. Finanziert wurde sie nämlich vom erzkonservativen, im Familienbesitz befindlichen Hallmark-Konzern, der seine Gewinne aus dem Grußkartengeschäft längst auch mit einem Bezahlkanal zu mehren versucht. Hallmark steht der religiösen Rechten in den USA nahe, und die „Narnia“-Filme waren Teil des Kulturkampfes, den diese Ultras in den USA führen wollen. „Narnia“ sollte mit christlichen Werten den vermeintlich heidnischen „Harry Potter“-Zauber aus den Kinderköpfen scheuchen.

Flott oder konservativ?

Zugleich sollten die Filme aber mit dem ganzen Bombast moderner Tricktechnik daherkommen und schwere konservative Botschaften in flotte Hollywood-Bilder umsetzen. Das geriet von Film zu Film verquälter, und mancher, der die Narnia-Bücher von Lewis zuvor halbwegs mochte, beäugt sie seitdem misstrauischer.

Netflix hat bislang wenig Anstalten gemacht, um jenes konservative Publikum zu buhlen, das zumindest in den USA von einem Netzwerk spendenhungriger christlicher TV- und Radiosender bereits überversorgt ist. Umso rätselhafter scheint die Entscheidung für die „Chroniken von Narnia“. Andererseits: die Serie „The Magicians“ etwa zeigt, wie modern und flott man Motive aus den Narnia-Erzählungen aufgreifen und wenden kann. Vielleicht wird Netflix ja eine Umsetzung wagen, die sich nicht treu an Lewis hält und staunen lässt – auf die Gefahr hin, alte Fans der Bücher gründlich zu erbosen.

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