Offiziell wird Putin zugejubelt. Viele halten davon aber nichts. Foto: dpa/Sergei Karpukhin

Auf dem Youtube-Kanal „1420 Russia“ sagen Passanten, was sie von der aktuellen Politik halten. Dabei gibt es erstaunliche Erkenntnisse.

Jahrelange Propaganda hat in Russland Spuren hinterlassen. Die Menschen plappern die Märchen des Kreml nach und sind zu keinen eigenen Gedanken mehr fähig. Im Westen ist das eine weit verbreitete Sicht der Dinge. Und tatsächlich finden sich nicht wenige auf Russlands Straßen, die genau so ticken. Es gibt aber auch einen erklecklichen Anteil Andersdenkender – man muss sie nur zu Wort kommen lassen.

 

Unverfängliche Fragen

Daniel Orain macht das. Vor mehr als drei Jahren hat der damalige IT-Ingenieur mit einem Freund den Youtube-Kanal „1420 Russia“ ins Leben gerufen. Auf den Straßen Moskaus – und gelegentlich auch in der Provinz – halten die beiden und ein inzwischen kleines Team den Passanten Kamera und Mikrofon vor die Nase. Da gab es in den ersten Jahren ganz unverfängliche Fragen, nach dem Sinn des Lebens oder Computerspielen. Seit dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine drehen sich die Fragen fast ausschließlich um den Krieg.

„Was würdest du wählen – Krieg oder Gefängnis?“, lautet eine Frage, mit der Orain und seine Mitstreiter auf die Passanten zugehen. „Zehn Jahre Knast, weil ich keinen Menschen totschießen will? Da verstecke ich mich lieber“, sagt ein junger Mann – und ein anderer gibt zu Protokoll: „Morgen gehe ich nach Kasachstan.“ Die Gegenmeinung gibt es natürlich auch: „Sterben ist besser als ein russisches Gefängnis, ich gehe in den Krieg“, sagt ein Mann mit Kapuzenpulli, und ein Student erklärt, dass es Zeit ist, „dem Vaterland zurückzugeben, was es für uns getan hat“. Natürlich ziehe er in den Krieg.

Von 100 Leuten gehen 80 weiter

Mit der Meinungsfreiheit sei es in Russland natürlich nicht so leicht wie in Europa, sagt Orain unserer Zeitung. So schlimm wie in China sei es aber nicht. Gleichwohl sei das Einholen von Stimmen eine komplizierte Angelegenheit. „Wenn du 100 Leute fragst, dann wollen 80 nicht antworten“, sagt Orain.

Nächste Frage: „Weißt du, dass im Krieg schon 20 000 bis 50 000 russische Soldaten gestorben sind?“ – „Das sind übertriebene Zahlen von unseren Feinden“, sagt ein Mann, der auf die in den Videos häufig folgenden Nachfragen aber nicht so genau weiß, warum die Feinde Feinde sein sollen. Ein anderer kommt über die Frage nach den Toten ins Erzählen: Er sei aus einem Dorf mit 2000 Einwohnern, da wollten die Behörden 350 Leute rekrutieren. 60 seien mitgenommen worden, „die müssen ihre Ausrüstung selber kaufen und sind in eine Kaserne gebracht worden, wo volltrunkene Soldaten herumlungern“.

Millionen von Nutzern in den USA

Nein, sagt Daniel Orain, von der Polizei sei er bei seiner Arbeit noch nie behindert worden. Vermutlich sei er zu unbedeutend, so die Selbsteinschätzung des 22-Jährigen. Die Youtube-Zahlen sprechen eine andere Sprache. Die inzwischen mehr als 200 Videos haben teilweise Zugriffe im mehrstelligen Millionenbereich. Allerdings kommt der Großteil des Publikums nicht aus Russland. Die meisten, und das sind nach Orains Angaben ein paar Millionen, schauten aus den USA zu. Rund 700 000 seien es aus Russland, 400 000 aus Deutschland. Geführt werden die Gespräche auf Russisch, in den Videos sind sie allesamt unterlegt mit englischen Untertiteln.

Keine Hemmungen bei der Ansicht über Putin

Frage: „Bist du bereit, in der Ukraine zu sterben?“ Gleich der erste Passant kennt keine Hemmungen. Die russischen Politiker würde er an die Wand stellen und erschießen, sagt der Mann. „Die schicken uns in den Krieg, anstatt unser Leben besser zu machen.“ Und: „Unser Präsident ist nicht ganz dicht.“ Ein deutlich jüngerer Mann sagt: „Mir ist nicht klar, warum wir dort sterben sollen.“ Im Hintergrund ist eine gut besuchte Filiale des US-Fast-Food-Konzerns KFC zu sehen – ein filmischer Seitenhieb auf die Sanktionen.

Themen gebe es wie Sand am Meer, sagt Orain – er werde gerne noch ein paar Jahre weitermachen mit den Umfragen. Und warum sein Kanal „1420 Russia“ heiße sei auch leicht zu erklären: 1420 war der Name der Moskauer Schule, die er einst besucht hat.