Herausragende Mathematikerin Emmy Noether Foto: Wikipedia

Die CDU-Faktion hätte im Gewerbegebiet Siemensstraße in Fellbach lieber Flurnamen statt Frauennamen gehabt – doch eine Mehrheit favorisiert die weiblichen Varianten. Wir verraten die ausgewählten Straßennamen.

Man darf zurecht annehmen, dass die Namen zweier wichtiger Frauen derzeit den Fellbachern und auch Fellbacherinnen noch nicht so flüssig über die Lippen laufen. Doch das kann sich ändern: Denn der Gemeinderat hat jetzt mehrheitlich den Vorschlag der Stadtverwaltung gebilligt, zwei Straßen im neuen Gewerbegebiet Siemensstraße nach bedeutenden Wissenschaftlerinnen zu benennen. Jedoch hatte es zuvor einige Widerstände, insbesondere der bürgerlichen Fraktionen gegeben.

 

Und diese zwei Koryphäen auf ihrem jeweiligen Gebiet kommen demnächst zu Ehren: Da ist zum einen die 1882 in Erlangen geborene und im April 1935 im Alter von lediglich 53 Jahren im amerikanischen Pennsylvania verstorbene Emmy Noether. Sie studierte Mathematik an der Universität Erlangen und promovierte 1907 zur Invariantentheorie als zweite Frau in ganz Deutschland in diesem Fach. 1919 habilitierte sie als erste Frau in Deutschland. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft urteilt: „Emmy Noether war die herausragendste Mathematikerin des 20. Jahrhunderts.“

Württembergs erste Studentin

Maria Gräfin von Linden wiederum, geboren 1869 in Schloss Burgberg, Kreis Heidenheim, legte als erste Württembergerin am Stuttgarter Realgymnasium das Abitur ab. Mit einer Sondergenehmigung des Württembergischen Königs Wilhelm II durfte sie ab 1892 in Tübingen studieren und war damit die erste Studentin der Eberhard-Karls-Universität und auch Württembergs. Sie erhielt 1895 als erste Frau in ganz Deutschland einen Doktortitel der Naturwissenschaften. Die Zoologin und Parasitologin forschte nach Möglichkeiten der Tuberkulosebekämpfung und entdeckte die antiseptische Wirkung von Kupfer.

Ebenfalls bemerkenswert: Beide Frauen hatten unter den Nazis zu leiden. So wurde Emmy Noether als geborene Jüdin und überzeugte Pazifistin 1933 durch die Nationalsozialisten aus dem Dienst entfernt, worauf sie in die Vereinigten Staaten emigrierte. Maria von Linden wurde als entschiedene Gegnerin des Nationalsozialismus 1933 zwangspensioniert und wanderte in der Folge nach Liechtenstein aus, wo sie sich der Krebsforschung widmete und schließlich an den Folgen einer Lungenentzündung verstarb.

Frauennamen in Ost-West-Richtung

Zwei Wissenschaftlerinnen, so könnte man meinen, die perfekt ins Portfolio des Fellbacher Gewerbegebiets Siemensstraße passen. Schließlich wurden die dort bereits bestehenden Straßen in Nord-Süd-Richtung nach männlichen Naturwissenschaftlern benannt, konkret nach Otto Hahn und Philipp Reis. Für Frauen ist nun die Ost-West-Richtung vorgesehen. Damit werde in Fellbach das „deutliche Übergewicht an Männern“ in der Straßenkennzeichnung behoben und „ein weiterer Schritt in Richtung Gleichberechtigung“ gemacht, sagt Baudezernentin Beatrice Soltys. Diese Haltung fand jedoch nicht den ungeteilten Beifall im Gremium. Die CDU beispielsweise forderte, dass man die Straßen eher nach Flurnamen benennen sollte, schließlich gingen die dortigen, ehemals wertvollen Ackerbauflächen durch das neue Gewerbegebiet verloren. Alternativ hätte man Fellbacher Persönlichkeiten „mit mehr Akzeptanz in der Bevölkerung“ nehmen können. Die vorgeschlagenen Frauen seien sicher „beide absolut integer“, sagte der frühere CDU-Fraktionschef Hans-Ulrich Spieth, aber von niedrigem Bekanntheitsgrad, „mit deren Namen werden die meisten nichts anfangen können“.

Die Freien Wähler/Freien Demokraten hingegen zeigten sich zufrieden, dass man auf die von ihnen monierten Doppelnachnamen verzichtet – eine nach der Tübinger Nobelpreisträgerin benannte Christiane-Nüsslein-Volhard-Straße wäre ihnen zu lang und zu kompliziert gewesen.

Wie gut, dass das Stadtplanungsamt bei einem Namen die Kurzfassung gewählt hat – denn komplett ausgeschrieben heißt die Wissenschaftlerin mit Adelsherkunft so: Maria Anna Wilhelmine Luise Karoline Elise Kamilla Olga Amalie Pauline Gräfin von Linden. Das Straßenschild wäre wohl so circa dreieinhalb Meter lang.