Lebendige Erinnerungskultur zwischen Neckar und Lauter: Bald werden die ersten drei Stolpersteine in Wendlingen verlegt und sollen das Gedenken an die Opfer der NS-Diktatur wachhalten.
Die „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig sind das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Inzwischen liegen Stolpersteine im Zuge des 1992 gestarteten Kunstprojekts in 1265 deutschen Kommunen und in einundzwanzig Ländern Europas. Vor wenigen Wochen wurde der 100 000ste Stein – für den Nürnberger Mechaniker Johann Wild – in Nürnberg verlegt. Wie alle Menschen, an die die zehn mal zehn Zentimeter großen, mit einer gravierten Messingplakette versehenen Stolpersteine erinnern sollen, war auch der Sozialdemokrat Johann Wild ein Opfer der Nationalsozialisten. In einigen Wochen wird sich auch Wendlingen einreihen. Am 28. August werden die ersten drei Stolpersteine in der Stadt am Neckar durch den Künstler selbst verlegt.
Entsetzen über die Tötungsmaschinerie der Nazis
In der Region sind bereits viele Stolpersteine zu finden – etwa über 60 in Esslingen. Auch in Plochingen, Ostfildern, Wernau oder Kirchheim wird so schon seit einiger Zeit die Erinnerungskultur an die Schrecken des Nationalsozialismus wachgehalten. Dass es in Wendlingen – Bürgermeister Steffen Weigel liebäugelte schon länger mit dem Projekt – etwas gedauert hat, ist einer speziellen Vorgabe des Künstlers geschuldet. Demnig legt Wert darauf, dass „seine“ Stolpersteine auf Initiative einer ehrenamtlichen Organisation verlegt werden. „Wir hätten also niemand aus der Verwaltung auf das Projekt ansetzen können“, erklärte Weigel. Nachdem erste Bemühungen einer Kirchengemeinde im Sande verlaufen waren, gab der Verwaltungschef im neu formierten Wendlinger Bürgerverein den Anstoß – und stieß auf viele willige Mitstreiter. Hinter dem Projekt steht eine bunt gemischte zwölfköpfige Gruppe des Bürgervereins – vom pensionierten Mathelehrer, über Sozialpädagogen bis hin zu einem Theologen sowie einer Online-Redakteurin. Auch die Kommunalpolitik mischt mit, fast aus jeder Fraktion des Wendlinger Gemeinderats ist jemand mit dabei. Seit einem Jahr trifft sich die Gruppe, die von Wolfgang Zorn koordiniert wird, regelmäßig in ihren neuen Räumlichkeiten im alten Wendlinger Notariat. „Uns geht es darum eine Erinnerungskultur zu schaffen“, erklärt Zorn. Doch wie anfangen? Von Haus aus hatte die Gruppe lediglich die Historikerin Heike Mang-Puffladt mit dem entsprechenden Hintergrund, mit einem Abschluss in Alter Geschichte und vertraut mit den gängigen Recherchemethoden. Nach ausführlichen Forschungen in diversen Archiven, vielen Gesprächen mit alteingesessenen Bürgern beziehungsweise mit noch lebenden Angehörigen der Opfer und einem Besuch der ehemaligen Tötungsanstalt Grafeneck bei Gomadingen, die heute eine Gedenkstätte mit angeschlossenem Dokumentationszentrum ist, kristallisierten sich drei NS-Opfer heraus, für die in wenigen Wochen die ersten Wendlinger Stolpersteine verlegt werden. Weitere sollen folgen.
Ein Opfer war etwa die 1879 geborene Charlotta Hammelehle, die aus einer angesehenen Wendlinger Familie stammte. Ihr Vater war von 1883 bis 1907 sogar Schultheiß in der Kommune zwischen Neckar und Lauter. Mit 20 Jahren erkrankte Charlotta Hammelehle, wohl wegen einer unglücklichen Liebesgeschichte, an einer schweren Depression. Aufenthalte in diversen Heil- und Pflegeanstalten in der Region wechselten sich – in ihren besseren Phasen – mit dem Leben im heimatlichen Wendlingen ab. Am 31. Mai 1940 mit 61 Jahren wurde Charlotta Hammelehle, die sich zu dem Zeitpunkt in der Heil- und Pflegeanstalt Schloss Winnenden befand, nach Grafeneck gebracht und vermutlich noch am selben Tag im Zuge des NS-Euthanasieprogramms, das unter dem Codenamen „Aktion T4“ lief, in einer Gaskammer ermordet.
„Es ist immer noch schockierend, mit welcher Geschäftsmäßigkeit die Nazis die ,Aktion T4‘ durchgezogen haben“, resümierte Zorn sichtlich bewegt. Das Thema sei nach wie vor sehr sensibel, auch bei den Angehörigen, sagt er. Manche wollten gar nicht so tief in der Vergangenheit herumstochern, allerdings rannte die Gruppe des Bürgervereins bei vielen auch offene Türen ein und wurde mit privaten Dokumenten tatkräftig unterstützt. Etwa bei der Familie Hammelehle, deren Nachkommenschaft immer noch in Wendlingen lebt und nun die Patenschaft über den Stolperstein von Charlotta übernehmen wird.
Hauseigentümer äußern Vorbehalte
Über die in Wendlingen durchaus auch vorhandenen Vorbehalte erklärt Bürgermeister Bürgermeister Weigel, dass einige Hausbesitzer Sorge vor Vandalismus geäußert hätten, sollten Stolpersteine auf den Gehwegen vor ihren Gebäuden verlegt werden. „Wir haben keine Begeisterungsstürme ausgelöst“, räumt der Wendlinger Verwaltungschef ein. Oft musste mit Gesprächen nachjustiert werden. „Ich hätte nicht gedacht, dass die Stimmung in der Gesellschaft an einem Punkt ist, dass sowas überhaupt zu einem Thema werden kann“, bedauert Steffen Weigel. Umso wichtiger sei es aber, genau jetzt dieses künstlerische Projekt weiterzuverfolgen und damit ein klares Zeichen gegen das Vergessen zu setzen.
Das Stolperstein-Projekt von Gunter Demnig
Kunstprojekt
Der Künstler Gunter Demnig will mit dem Kunstprojekt den Millionen Menschen, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, ihre Namen und damit die Erinnerung an sie zurückgeben. Verlegt werden die mit einer gravierten Messingplatte versehenen Gedenksteine vor dem letzten frei gewählten Wohnort des jeweiligen Opfers.
Prüfung
Über das Schicksal der Opfer muss umfangreiches Material bei der Projektgruppe von Gunter Demnig eingereicht werden. Erst nach einer sorgfältigen Prüfung der Recherche-Ergebnisse kann ein Stolperstein verlegt werden. Die Verlegung der Stolpersteine wird in den meisten Fällen von Gunter Demnig selbst durchgeführt.
Finanzierung
Ein Stolperstein innerhalb Deutschlands zu verlegen kostet 120 Euro. Die Kosten werden über Spenden und Patenschaften finanziert. Patenschaften können von Privatpersonen, Institutionen, Ausbildungsstätten, Firmen, Vereinen oder Parteien übernommen werden.