Stolpersteinverlegung in der König-Karl-Straße 44 in Bad Cannstatt für den Kinderarzt Dr. Simon Schmal und seine Frau Grete.
Im Jahr 2000 rief der Kölner Künstler Gunter Demnig die Stolpersteine ins Leben, um an die vielen Opfer der Naziherrschaft im Dritten Reich zu erinnern. Seither wurden Demnigs Steine, 10 mal 10 Zentimeter groß, aus Beton gegossen und mit einer Messingtafel versehen, in vielen Städten im In- und Ausland verlegt.
Sieben Tage „Schutzhaft“
„Im März 2023 werden wir den 1000. Stein in Stuttgart anbringen lassen“, sagt Gudrun D. Greth von den Stolperstein-Initiative Stuttgart-Ost, die in Kooperation mit dem Cannstatter Verein Pro Alt-Cannstatt am Mittwoch vor dem Gebäude König-Karl-Straße 44 zwei Gedenksteine für Simon Schmal und seine Frau Grete setzen ließ. Das Ehepaar konnte 1938 den Schergen des Dritten Reichs gerade noch entkommen. Simon Schmal war Kinderarzt in Bad Cannstatt. Die Nazis zwangen ihn im Februar 1938 zur Aufgabe seiner Kassenpraxis. Er führte sie jedoch mutig als Privatpraxis weiter, bevor ihn die Gestapo am 11. November 1938 sieben Tage lang in „Schutzhaft“ nahm.
Simon Schmal gelang zusammen mit seiner Frau Grete am 23. Dezember 1938 die Flucht via Le Havre in die USA. Zu bezahlen hatten sie an den NS-Staat dafür 26 806 Reichsmark „Reichsfluchtsteuer“, 12 600 Reichsmark „Judenvermögensabgabe“ und 6000 Reichsmark „Sonderabgabe“.
Kinderarztpraxis in Bad Cannstatt
Simon Schmal wurde am 12. Juli 1898 in Laupheim geboren. Er absolvierte das Gymnasium in Ulm und schrieb sich dann als Medizinstudent an der Uni Tübingen ein. Der Erste Weltkrieg unterbrach sein Studium, das er erst nach zwei Jahren Militärdienst wieder aufnehmen konnte. Nach seinem Staatsexamen arbeitete Schmal zunächst als Assistenzarzt und gründete dann eine Kinderarztpraxis in Bad Cannstatt in der König-Karl-Straße. Dort lernte er seine künftige Frau kennen. Grete Schmal, geborene Schmidt, wurde am 11. Januar 1906 in Stuttgart geboren. Ihre Eltern waren Julius und Clara Schmidt. Julius Schmidt hatte die Firma Julius Schmidt & Cie. gegründet, die Unterwäsche herstellte und bis zu 500 Mitarbeiter beschäftigte.
Flucht in die USA
Trotz wachsenden Drucks seitens der Nationalsozialisten führte Simon Schal seine Praxis fort. Erst 1938 begannen er und Grete über die Emigration nachzudenken. Nach der Reichspogromnacht im November 1938 und seiner kurzzeitigen Internierung verließen er und Grete Deutschland und gingen in die Vereinigten Staaten. Nach einer kurzen Zeit in New York City, wo sich Simon Schmal um die amerikanische Anerkennung als Arzt bemühen musste, beschloss das Paar, sich in der Universitätsstadt Ithaca im Staat New York niederzulassen.
„Mein Vater praktizierte über 50 Jahre“, sagt sein Sohn Stephen, der eigens mit seiner Frau Debra zu der Stolpersteinverlegung aus San Diego angereist war. Ein Kinderarzt mit Leib und Seele, der seinen Beruf liebte. „Seine herausragendste Eigenschaft war aber die Zuwendung, die er seinen Patienten entgegenbrachte“, so Stephen Schmal. Dieser Eigenschaft war es auch zu verdanken, dass es zu der Stolpersteinverlegung kam.
Cannstatter erinnern sich
„2020 wurde für meine Großmutter Betty Schmal ein Stolperstein in der Heidehofstraße 9 verlegt“, so der über 80-Jährige. Auf den Zeitungsbericht über die Aktion meldeten sich drei hochbetagte ehemalige Cannstatter, die sich gerne an ihren ehemaligen Kinderarzt Simon Schmal erinnerten – den Sohn von Betty Schmal. Darunter auch Anneliese Dobler, der Simon Schmal als Kind das Leben gerettet hat. Sie spendete aus Dankbarkeit die Stolpersteine für das Ehepaar, die seit Mittwoch in der König-Karl-Straße 44 zu sehen sind. Ein bedeutsamer Ort: Schräg gegenüber befindet sich heute die Gedenkstätte, wo die Synagoge in der Pogromnacht am 9. November 1938 zerstört worden war.