Unter anderem ist ein Stein für Anna Brischar verlegt worden. Foto: Georg Linsenmann

Zum 17. Mal hat der Künstler Gunter Demnig in Bad Cannstatt Stolpersteine verlegt. Die kleinen Denkmale am Boden erinnern diesmal im Stadtteil Winterhalde an Opfer der NS-Euthanasie, von deren Schicksal nur wenig bekannt ist.

Bad Cannstatt - Willy Friedrich Reinhardt und Eugenie Wolf, Carl Frey und Anna Brischar. Außer den dürftigen Daten aus den Krankenakten erinnert fast nichts an Leben und Schicksal dieser vier Menschen. Geburtsdatum und letzter Wohnort, Einlieferung in die Heilanstalten in Göppingen, Winnental und Zwiefalten, schließlich der Todestag: Tag der Ermordung im Zuge des NS-Tötungsprogrammes von „lebensunwertem Leben“ in den Jahren 1940 und 1941, in Grafeneck und im westfälischen Hadamar vollzogen. Und von Anna Brischar ist nicht einmal ein Foto erhalten. Eine Auslöschung, die von den Nazis schon wenige Wochen nach der Machtergreifung mit dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vorbereitet worden war.

Gäste aus Amerika bei der Verlegung

Mit den Kleindenkmalen im Pflaster vor den letzten Wohnadressen der Opfer – Ruhrstaße 39 und 93, Ihmlingstraße 40 und 50 – wird nun im öffentlichen Raum an sie erinnert, dank der Cannstatter Stolperstein-Initiative. Wobei die Verlegung durch Gunter Demning, „Erfinder“ der Stolpersteine, ein besonderes Gepräge hatte: Erstmals nahmen daran auch Gäste aus den USA teil. Ausgangspunkt war eine Amerikanerin, die in Weilimdorf eine Stolperstein-Verlegung erlebt hatte und dann zuhause „den Staffelstab“ amerikanischer Patenschaften weitergereicht hatte. Bis hin zu Erin Ferguson, deren Familie nun mit Freunden der Cannstatter Verlegung beiwohnte. Und erstmals dabei waren nun auch Schülerinnen und Schüler der BIL-Schule, was Rainer Redies, Kopf der hiesigen Initiative, besonders freute. Zudem beteiligt: eine Klasse der Patch Barracks High School sowie des Gottlieb-Daimler-Gymnasiums, deren Schüler dem Gedenken zum Auftakt auch musikalisch einen würdigen Rahmen gaben. Die Verlegung der Gedenksteine wurde wie gewohnt mit Zeilen des Cannstatter Dichters jüdischer Herkunft, mit Leopold Marx abgeschlossen: „Die Botschaft der Toten ist einfach und schlicht / drum ist sie so schwer zu fassen: / Ihr sollt auf der Erde mehren das Licht, / und Liebe wachsen lassen!“

Geschichte in die Gegenwart bringen

„Ich fühle eine innere Verpflichtung, daran teilzunehmen“, betonte eine Cannstatterin, Jahrgang 1936: „Mich bewegt das Schicksal dieser Menschen, von denen jede Spur verwischt werden sollte.“ Eine Spur, die nach der Verlegung des letzten Steines, für Anna Brischar, vor dem letzten Gebäude der Ruhrstraße, gleich von mehreren Nachbarn bemerkt wurde: „Sie hat hier gewohnt? Das berührt mich“, bekannte Sandra Meyer und ergänzte: „Ich finde die Aktion total gut und wichtig. Das holt die Geschichte in die Gegenwart.“

Zum 17. Mal hat Gunter Demnig in Cannstatt Stolpersteine verlegt, 108 insgesamt. Ob das Routine sei? „Nein, niemals. Das sind ja immer wieder andere Schicksale, an die wir erinnern.“ Zum Schluss hatte Anette Wanner vom Bürgerchor mit einem eindringlichen „Hoffnungsschrei“ der Lyrikerin Hilde Domin, mit „Abel, steh auf!“ die Dringlichkeit des Erinnerns vergegenwärtigt: „Ich bin Dein Hüter, Bruder. / Wie sollte ich nicht Dein Hüter sein! / … damit es anders anfängt zwischen uns allen.“

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