„Diese Orgel mit ihrem ganzen Pomp ist im Grunde ein Instrument der Bescheidenheit“, sagt Stephan Debeur. Foto: Andreas Reiner/ Foto:  

Stephan Debeur ist Organist in der Basilika von Weingarten. Hier steht die größte Barockorgel der Welt. Doch seit einem Jahr hat er sie schon nicht mehr zum Klingen bringen können. Sie fehlt ihm.

Ein Kirchenbesucher im Mönchshabit unter der Outdoorjacke grüßt ihn am Portal: „Hallo, Herr Hofkapellmeister.“ Stephan Debeur lächelt: „Das war Pater Pirmin.“ Er kennt ihn noch aus Zeiten, als in der benachbarten Abtei eine kleine Klostergemeinschaft der Benediktiner existierte.

 

Debeur steigt den Glockenturm hinauf. Nach ein paar Limbo-Verrenkungen an Stützen und Querstreben betritt er eine Plattform aus Pressspanplatten. Handwerker haben der ehrwürdigen Basilika in Weingarten ein neues provisorisches Geschoss verpasst. „Eigentlich stehen wir in der Luft“, sagt Stephan Debeur, 58. Er ist hier der Organist.

Eine Gerüstlandschaft erstreckt sich auf dem Zwischenboden. Sie hebt Distanzen auf. Die prachtvollen Stuckverzierungen, die man sonst aus gebührender Entfernung bewundern kann, sind jetzt berührbar.

Das Gerüst verstellt die Orgel Foto: Andreas Reiner

Anderes drängt das riesige Rohrskelett völlig in den Hintergrund. Und das ist das Schlimme für Debeur. Wie dieses Stangenfachwerk frech seine Orgel verstellt, sich so unheimlich wichtig nimmt. Und dann wurde die Orgel auch noch von oben bis unten in Folie gepackt und zugeschnürt. Er ist ja gottfroh, dass man das Instrument so penibel vor dem skrupellosen Baustellenschmutz schützt. Eine Katastrophe, wenn es anders wäre. Er kann auch nur dankbar sein, dass das Land so viel Geld gibt für den Erhalt der Basilika. Aber ein schöner Anblick ist es beileibe nicht. Ach, wer liebt, ist oft zerrissen.

Die Sommer tun fürchterlich weg

„Die Orgelreinigung 2015 hat sie schon sehr gestresst und durcheinandergebracht. Jetzt auch noch das“, sagt Debeur. Seit Jahren läuft die Restaurierung von St. Martin, der größten Barockkirche Deutschlands, Grablege der Welfen, 1956 von Papst Pius XII. zur Basilika erhoben. Gerade ist der Teil dran, wo die Orgel steht. So lange ist sie ruhig gestellt.

Hoffentlich wird sie danach wieder die Alte sein. Mehr als ein Jahr schon ist Debeur von ihr getrennt. Und das bleibt erst mal so. Im Winter kann man eh schwer spielen wegen der Kälte. Aber die Sommer tun fürchterlich weh. Er wird sich wieder ablenken mit seinen Chören. Debeur ist ein durch und durch musikalischer Mensch. Ein Schwärmer. Einer, der sich was aus den Dingen macht, der sich schenken kann – auch seiner Orgel. Eine der berühmtesten überhaupt.

13 Jahre arbeitete Joseph Gabler daran. 1750 war sie fertig. Die größte Barockorgel der Welt. Sein Lebenswerk. Danach ermattete er in seiner Schaffenskraft. Seine letzten Jahre verbrachte der Meister hochverschuldet in Bregenz, beim Bau der dortigen Stadtkirchenorgel traf ihn der Schlag.

Debeur setzt sich an den Spieltisch – für sich genommen schon ein Kunstwerk mit Elfenbeinzügen und feinsten Intarsien. Die Westfenster hinter der Orgel sind frei. Joseph Gabler brachte es fertig, das Monstrum einfach drum herum zu bauen. „Und das auch noch so, dass es verspielt wirkt, nicht als was erdrückend Fettes“, sagt Debeur. Wenn die Sonne untergeht und sich das Abendrot in die Kirche ergießt, saß Debeur früher oft am Spieltisch, das Notenpapier war dann nicht mehr weiß, sondern knallrot. „Das letzte Licht des Tages ist das wertvollste. Man muss so viel davon mitnehmen, wie es geht.“

Kurz den Schleier gelüftet für einen Blick auf den Spieltisch Foto: Andreas Reiner

Was für eine Erscheinung sie ist, mit den gewaltigen, bis zu zehn Meter hohen Pfeifen, die wie mahnende Finger in den Himmel zeigen und die tiefsten Töne erzeugen, die das menschliche Ohr noch wahrnehmen kann. Dann der totale Gegensatz: Das Türmchen, „la Force“ genannt, mit seinem gleißenden Klang. Dort sitzen nicht mal einen Zentimeter große Pfeifen. Sie erzeugen Töne, für die Mittfünfziger meist schon taub sind.

Dieses Türmchen funktioniert nur, wenn man zugleich den tiefsten Ton spielt. Und auch der tiefste Ton ist nur heiße Luft, ein Grummeln, wenn die hohen nicht mit im Spiel sind. Dahinter stehen nüchterne Schwingungsgesetze der Physik. „Aber dass man den Makro- und Mikrokosmos der Musik in Einklang bringen muss, um sie hören zu können. Faszinierend, oder?“

Ausgerechnet die großen Pfeifen geben eher leise Töne von sich

Debeur mag die großen Pfeifen, von denen man erwarten würde, dass sie polternd und lärmend daherkommen. Aber ausgerechnet sie geben eher leise Töne von sich. „Viele der Kleinen sind dagegen Aggressivlinge.“ Er spielt die Extremtöne nicht oft. An Stellen, wo ein Komponist alle Themen verknüpft hat, kann man das mal machen. Aber Debeur achtet auf sparsame Dosierung. „Umso größer die Sehnsucht, sie zu hören.“

Er wusste vom Renommee der Orgel, als er vor 24 Jahren hier anfing. Was die Stelle so attraktiv machte, war aber die Vielseitigkeit: „Ich hatte den Kinderchor, die Mönche sangen morgens, mittags, abends, nachts Gregorianik, es gab den wunderbaren Basilika-Chor, die Konzerte – und die Orgel.“

Als eine Art Aufnahmeprüfung sollte er eine Messe auf ihr spielen. Keine Liebe beim ersten Ton, eher ein holpriges First Date. „Sie ist zwar leichtgängig für so ein mechanisches Universum, aber technisch sehr anstrengend.“ Heutzutage spielen Organisten virtuoser als damals, mit frei schwebenden Beinen. Dafür ist sie nicht gedacht. „Das Pedal geht sehr schwer, und man sitzt wie ein Affe auf dem Schleifstein, weit weg vom Spieltisch.“ Debeur war anfangs verunsichert, mit jedem Fehlton wurde er noch nervöser. Aber sie verzieh ihm die Schwächen.

Nach drei, vier Jahren fühlte er sich allmählich zu Hause bei ihr. Immer mehr fiel ihm ein mit ihr. Nach zehn Jahren tat es noch mal einen Schub, und er traute sich an größere Experimente. Fast 20 Jahre dauerte es, bis er sich an ein Stück von Widor, dem Großmeister der französischen Orgelromantik, wagte. Eigentlich geht französische Romantik an dieser Orgel nicht. „Das ist eine andere Welt. Als tauschte man den breiten Malerpinsel gegen eine spitze Feder ein. Dann hab ich aber mit den Klängen herumprobiert und fand tatsächlich eine Möglichkeit, die dem sehr nahekommt, was französische Orgeln wollen. Das sind so Entdeckermomente.“

Einmal kam er ins Gespräch mit einer Frau, sie war über 90. Seit 63 Jahren besuche sie die Messe, erzählte sie, und seit jeher habe sie den Wunsch, diese Orgel einmal eigenhändig zum Klingen zu bringen. Debeur nahm sie mit hoch, gab ihr als Klangfarbe eine zarte Flöte. „Und dann spielte sie einen F-Dur-Akkord. Nur diesen einen friedlichen F-Dur-Akkord. Wir lauschten, wie er in die Kirche entschwand. Dann sagte sie Danke und verabschiedete sich. Sehr berührend.“

Es saßen aber auch schon Kanaillen am Spieltisch. Die legten es drauf an, das Instrument in die Knie zu zwingen. Die Windversorgung ist im Nordturm, gewaltige Blasebälge. Endlose Kanäle durchziehen die Orgel, verzweigen sich wie das Adersystem beim Menschen bis in die letzte Pfeife. Da geht schon was flöten an Druck. Nun gibt es Gastorganisten, die machen mit dem Unterarm alle tiefen Töne, die viel Luft brauchen, spielen dazu oben einen kleinen Ton, an dem merkt man dann, wenn die Orgel absackt. Es schadet ihr nicht, aber es ärgert Debeur ungemein. Derart über sie herzufallen! „So behandelt man doch keine Orgel beim ersten Mal, das ist rüpelhaft. Die Perversitäten kann man schon mal ausleben, aber dafür sollte man sie sehr gut kennen.“

Jospeh Gabler hat 6666 Pfeifen verbaut

Wie beschreibt man diese Orgel am besten? Mit Zahlen? Joseph Gabler hat 6666 Pfeifen verbaut (Debeur fährt einen alten Daimler, Kennzeichen JG 6666). Die Stimmeskraft der Orgel ist fulminant, reicht von 25 bis 40 000 Hertz. Sie umfasst 66 Register – 66 Klangfarben. „Da hat ein Orchester so viel weniger zu bieten.“ Ganz zu schweigen von den Tonfarben, die man beim Herumlaborieren an eigenen Ideen erschafft und die Ur-Vater Gabler gar nicht meinte.

Oder beschreibt man sie treffender, wenn man sich an ihr Wesen hält? Was gibt sie selbst von sich preis? „Sie ist keine laute, aufdringliche Orgel“, sagt Debeur. In den kräftigsten Klängen bleibt sie immer differenziert, behält ihre geheimnisvolle Vornehmheit. „Sie hat mehr von einer Geige als von einer Flöte. Etwas Flüchtiges, das nicht so stark trägt wie Bläser, beinahe schon etwas Unorgelmäßiges“, so Debeur. Er würde sie sofort unter tausend Orgeln heraushören.

Ist es möglich, die menschliche Stimme mittels eines Orgelregisters nachzuahmen? Der Gablerorgel gelingt es wie keiner anderen. Auch da schuf der Altmeister Wundersames. Leider musste er dafür, so besagt es die Legende, seine Seele dem Satan hergeben.

Debeur nimmt diese Vox humana ganz anders wahr als die Zuhörer in der Kirche. Er sitzt ja in der Orgel drin, sie spielt gleichsam um ihn herum. Mag die Vox humana als Samtstimme von der Kuppel herabsinken, dem Organisten oben blökt sie ins Ohr – „das ist nicht schön“. Es gibt Pfeifen, die in einem geschlossenen Kasten stehen und suggerieren sollen, da kämen Melodien von weiter weg, als die Orgel ist – vom Himmel. Nur, die lieblichen Engelchen, die aus dem Himmel singen, sie brüllen Debeur von der Seite an.

„Einen Teil des Klanges, den ich erschaffe, bilde ich mir ein“, sagt er. „Sänger hören sich selber ja auch anders als das Publikum.“ Viele Feinheiten, die er am Spieltisch fabriziert, merkt er erst im Nachhall. Audioaufnahmen seiner Konzerte überraschen ihn oft, weil sie schöner klingen, als er dachte.

Vor vielen Jahren, er war gerade beim Stimmen und halb in der Orgel verschwunden, schaute Debeur auf und erspähte etwas: „Ja, was macht ihr denn da?“ Da standen hinter dem Gehäuse zwei Pfeifen, die hatte er noch nie gesehen. Nun gibt es Orgeln, da dienen manche Pfeifen in der ersten Reihe allein dem guten Aussehen. Stumme Blender. Nicht bei Gabler. „Hier gibt es quasi in der ersten Reihe Pfeifen, die haben sich versteckt und sagen: ,Wir sind schön gebaut, müssen das aber nicht groß zeigen.‘ Diese Orgel mit ihrem ganzen Pomp ist im Grunde ein Instrument der Bescheidenheit.“

Jedem Ende wohnt ein Zauber inne. „Wenn man einmal gehört hat, wie in der Basilika die Klänge verschweben ins Nichts, aufgesogen von den weißen Wandflächen ersterben, das ist ein Erlebnis“, sagt Debeur. Er hat noch keine Erklärung dafür gefunden, aber wenn sich hier ein Ton langsam verliert, fällt er nicht ab – er wird noch einmal höher, er geht nach oben weg. „Zu Jospeh Gablers Zeiten war es üblich, dass zwei Hauptakkorde ein Stück beschließen. Wie ein großes Ausrufezeichen! Immer wieder. Hundert Ausrufezeichen haben die Werke manchmal“, sagt Debeur. „Das können Sie hier so lange machen, wie Sie wollen – am Ende schicken Sie doch immer eine Frage in den Raum hinein. Herrlich, oder?“

Vielleicht kann Debeur die Orgel an Weihnachten wieder spielen

Debeur leitet seinen Basilika-Chor, die Choralschola, er bildet Kirchenmusiker aus, organisiert Konzerte, leitet Fortbildungen, ist Vorsänger in der Vesper. Alles mit Enthusiasmus. Trotzdem fehlt sie ihm halt. „Wenn ich daheim an meiner Orgel übe, hab ich immer im Hinterkopf: An der Gablerorgel würde ich das jetzt so und das so machen. Aber es bleibt eine Vorstellung, ich spüre sie nicht.“

Läuft alles nach Zeitplan, kann er die Orgel vielleicht an Weihnachten wieder zum Klingen bringen. Doch da ist die Sorge, dass sie am Ende doch schmutzig geworden sein wird. „Vor allem die Zungenpfeifen sind sehr empfindlich. Da braucht es nicht viel, und die spielen nicht mehr richtig.“ Die Ungewissheit, wie seine Orgel aus der ganzen Sache rauskommt, macht ihm zu schaffen.

Wenn sie tatsächlich wieder gereinigt werden müsste, das wäre eine Tragödie. Jahre würden ins Land ziehen, bis sie sich danach wieder gesetzt hat, jedes letzte Rädchen nachjustiert ist. „Nach meiner Knie-OP dauerte es ja auch drei Jahre, bis das Gesamtsystem wieder funktionierte“, sagt Debeur. Und irgendwann muss er ja wohl auch in Rente. Wie viel Zeit wird er noch haben mit ihr? Daran will er lieber gar nicht denken.

Im vergangenen Jahr ging Debeur mit anderen Orgel fremd, wie er sagt. In Dortmund, in Hagen, in Italien. „Zweifellos wunderschöne Instrumente. Aber wenn ich wieder nach Hause komme, gibt es mir immer einen Herzstich, dass niemand auf mich wartet.“