Kathrin Gaedke (l.) hat die Agentur für App-Entwicklung „Pharos Solutions“ gemeinsam mit einem ägyptischen Kollegen gegründet und führt sie mit Marie Louise von Waldenbuch aus. Foto: Claudia Barner

Noch spielt Waldenbuch in der Start-up-Szene keine Rolle. Die Teilnahme am Landeswettbewerb für gründungsfreundliche Kommunen soll das ändern. Ein deutsch-ägyptisches Jungunternehmen erzählt, wie es ist, hier mit einer Idee durchzustarten.

Waldenbuch - Die Stadt Waldenbuch will sich als Standort für junge, innovative Unternehmen positionieren. Seit April vergangenen Jahres nimmt die Schönbuchgemeinde am Landeswettbewerb „Startup BW - gründungsfreundliche Kommune“ teil. In digitalen Workshops wird derzeit das Konzept erarbeitet, mit dem man die Jury des Wirtschaftsministeriums beim Pitch im Oktober überzeugen will. „Uns geht es nicht darum, besonders cool oder hip zu sein. Wir wollen Alleinstellungsmerkmale herausarbeiten, die es für Unternehmensgründer in der Region Stuttgart so nicht gibt“, sagt die Waldenbucher Stadtmarketingbeauftragte Petra Eisele.

Um herauszufinden, was die Stadt der Start-up-Szene zu bieten hat und an welchen Stellen zusätzliche Angebote nötig sind, hat sich die Kommune professionelle Unterstützung geholt. Der Experte Moritz Meidert von Gründerschiff Konstanz begleitet den Prozess. Er übernimmt die Regie, wenn am gründerfreundlichen Image gearbeitet wird. Vertreter der Stadt, Mitglieder des Gewerbe- und Handelsvereins, die Ehrenamtlichen der Lokalen Agenda oder interessierte Bürger – in den Workshops überlegen sie gemeinsam, wie die Stadt für Jungunternehmer attraktiver werden kann.

Sie ist da so reingeschlittert

Wichtig ist dabei auch die Erfahrung derer, die in Waldenbuch bereits mit einer Geschäftsidee durchgestartet sind. Kathrin Gaedke gehört dazu. Nach dem Studium der technischen Volkswirtschaft und dem Praktikum bei einer Softwarefirma in Ägypten hat sich sich 2011 mit „Pharos Solutions“ selbstständig gemacht. „Ich bin da so reingeschlittert“, erzählt die 36-Jährige. Jemand habe sie angesprochen, ob sie eine Software entwickeln könne. Gemeinsam mit dem Freelancer Jean Joseph aus Alexandria hat sie den Auftrag übernommen. „Als wir das erste Mal eine Rechnung schreiben mussten, haben wir uns angesehen und gefragt: Braucht man dafür jetzt eine Firma?“ erinnert sich Kathrin Gaedke.

Das Duo ging das Wagnis ein. Neun Jahre nach der Gründung hat ihre Agentur für App-Entwicklung 40 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. 38 davon sitzen in der ägyptischen Metropole und entwickeln für nationale und internationale Kunden Software wie zum Beispiel die Mobilitäts-App Troodle, die Personalplanungssoftware Papershift oder Skoolix, eine digitale Lösung, die dabei hilft, die Schul-Community zu vernetzen und E-Learning Angebote zu vereinfachen. Jean Joseph steuert in Alexandria die Entwicklung und das Management. Kathrin Gaedke kümmert sich im Büro in Waldenbuch mit einer Kollegin um die Finanzen und die Akquise.

In den Gründer-Workshops hat Kathrin Gaedke nicht nur von ihren Erfahrungen berichtet. Sie hat auch selbst dazu gelernt. „Es gibt in Waldenbuch mehr Start-ups, als ich dachte. Schon deshalb war es wichtig, sich einmal zusammenzusetzen“, sagt sie. Denn auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit hat die Geschäftsführerin von einer Sache besonders häufig profitiert: dem guten Netzwerk, das sie während ihrer Zeit am Karlsruher Institut für Technologie geknüpft hatte.

Für die Situation in Waldenbuch hat sie deshalb folgende Tipps parat: „Das A und O sind möglichst viele Treffen und Veranstaltungen. Alle Gründer stehen am Anfang vor ähnlichen Problemen. Sie müssen bürokratische Hürden überwinden, alles rund um die Finanzen klären, den richtigen Steuerberater finden oder Fragen beantworten wie: Wer zahlt, wenn ich mit einem Kunden essen gehe?“ Außerdem sieht sie die Schönbuchstadt strategisch gut gelegen: „Waldenbuch befindet sich zentral zwischen den Hochschulstandorten Tübingen, Nürtingen, Reutlingen, Stuttgart sowie dem Böblinger Softwarezentrum und kann eine freundliche und übersichtliche Alternative zu den Gründer-Hotspots in den großen Städten sein.“

Hauptsache, die Idee ist gut

Hier möchte auch Petra Ei­sele ansetzen. „Bei uns gibt es ein Büro im Grünen, genügend Parkplätze, wir haben die geeigneten Räume, man kennt sich und hat kurze Wege“, sagt sie. Mit diesem Umfeld will sie kleine, findige Gründer ansprechen, die einen Gegenpol zu der auf schnelles Wachstum angelegten IT- und Technologie-Szene bilden. „Das müssen auch keine jungen Personen sein. Hauptsache, die Idee ist gut“, bekräftigt Petra Eisele. An Ideen mangelt es auch den Marketingexperten nicht. Sie können sich vorstellen, die Themen Handwerk und Genuss zu stärken, spielen mit dem Gedanken an ein Co-Working-Angebot in der alten Zehntscheuer oder denken über ein Tiny-House Projekt im Gewerbegebiet nach. Auch Pop-up-Läden sind im Gespräch. „Mein großes Thema ist die Innenstadtbelebung“, bekräftigt Petra Eisele.

Ob diese Projekte letztlich auch im Konzept für den Landeswettbewerb einen Platz finden, steht noch nicht fest. Das Gesamtpaket soll vor dem Abgabetermin Ende August in lockerer und innovativer Atmosphäre bei der ersten Waldenbucher Gründer Lounge mit Strandbar am Donnerstag, 30. Juli, um 20 Uhr auf dem Schachbrett vor Stadtkirche noch einmal auf den Prüfstand. Wer sich vernetzen oder mitreden will, kann sich per E-Mail an petra.eisele@waldenbuch.de für die Veranstaltung anmelden.

Waldenbuch ist nicht die einzige Kommune, die ein Auge auf Start-ups geworfen hat. So hatte beispielsweise der Oberbürgermeister von Leinfelden-Echterdingen, Roland Klenk, vor Kurzem gegenüber unserer Zeitung betont, dass er für geboten hält, innovative Gründer in die Stadt zu holen, dass dies aber zurzeit aufgrund von Flächenmangel nicht möglich sei.

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