Anne-Sophie Mutter ist Deutschlands bekannteste Geigerin. Foto: AP

Die Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter und das Pittsburgh Symphony Orchestra gaben Brahms.

Stuttgart - Sie ist da! Doch sie muss warten. Johannes Brahms' Violinkonzert meint es nicht gut mit den Stars der fünf Saiten. Auch Anne-Sophie Mutter macht da keine Ausnahme, denn bei Brahms hat das Orchester das erste Wort. Es dauert lange, bis Deutschlands schönste Geigerin endlich auch mal etwas sagen darf, und beim Gastspiel des Pittsburgh Symphony Orchestra am Sonntagabend dauert es sogar noch ein bisschen länger.

Schließlich macht Manfred Honeck am Pult seines - neben dem Staatsorchester Stuttgart - zweiten Orchesters deutlich, dass eigentlich der amerikanische Klangkörper sein erster ist: Er lässt die Phrasen lange verklingen, schafft klare Zäsuren; genussvoll breitet er das Konfliktpotenzial zwischen den Themen aus, und das Orchester ist so gut, so diszipliniert, dass über der Arbeit am Klang nie die Präzision verloren geht.

Beim Staatsorchester in Stuttgart ist das manchmal anders, und die Ergebnisse sind meist trotzdem noch sehr gut. Bei den Musikern aus den USA hingegen kommen selbst die Streicherkollektive ohne ausdrückliche Anweisungen des Taktgebers auf den Punkt.

Feiner, beweglicher, präziser Ton

Zum Perfektionismus der Solistin passt das ideal: Mutters feiner, beweglicher, präziser Ton findet in dem Kollektiv, das Honeck trotz der monumentalen Besetzung (neun Kontrabässe!) immer wieder ins Kammermusikalisch-Filigrane hineintreibt, einen Partner auf Augenhöhe. Dafür, dass das Pittsburgh Symphony Orchestra hier keineswegs nur wirkt wie eine auf Hochglanz polierte Begleitmaschine, sorgt Manfred Honeck mit Eifer. Unter seiner Leitung füllt sich das Perfekte mit Ausdruck: Ganz offenbar haben sich da Gegensätze angezogen, und sie ergänzen sich auf faszinierende Weise.

Die Liederhalle jubelt

Für Anne-Sophie Mutter und das Orchester gilt eher die Devise "Gleich und gleich gesellt sich gern" - auch wenn der zweite Satz in diesem Konzert wieder die resignierte Feststellung des großen Violinvirtuosen Pablo de Sarasate bestätigt, dass hier der Solist gezwungen werde, "mit der Geige in der Hand zuzuhören, wie die Oboe dem Publikum die einzige Melodie des ganzen Stücks vorspielt". Nun gut, Frau Mutter spielt diese "schönste Melodie" dann auch noch, und wenn man von ihrer Neigung zum Anschleifen der Zieltöne bei lauten, effektvollen Passagen einmal absieht, so bestätigte die Stargeigerin am Sonntag wieder, dass Weltbestform eine permanente Qualität sein kann.

Als Zugabe ein Ständchen für Russ

Allein die Nuancen des Leisen, die sie im Adagio fand, macht ihr zurzeit wohl keine(r) nach. Das Publikum im Beethovensaal bejubelte das Mutterglück so laut und lange, bis die Geigerin als Zugabe dem just 65 Jahre alt gewordenen Konzertveranstalter Michael Russ ein solistisches Bach-Ständchen spielte. Chapeau, das hatte Stil.

Da musste das Orchester schon mächtig die Muskeln spielen lassen, um anschließend alleine noch zu wirken. Gustav Mahlers Erste machte es möglich. Vom Naturlaut zur (hier ganz fein-beweglich gehaltenen) Volksmusik, von der Volksmusik hin zur kontrapunktisch durchgearbeiteten mächtigen Klang-Kulisse: Das Pittsburgh Symphony Orchestra bot das Stück so gut, so klar gegliedert, so kontrastreich und so spannend, wie man es ganz selten nur hört, und damit das knallige Finale zum Fest auch für die Augen werden konnte, ließ der Dirigent zum Schluss sogar noch die acht Hörner im Stehen blasen. Nach so viel Liturgie mit Weihrauch erklatschte sich das Publikum Brahms aus Ungarn sowie einen erneuten Beweis von Manfred Honecks Dreivierteltakt-Kompetenz. Klasse!

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