Star des VfB Stuttgart blickt nach vorn Mario Gomez und die Ruhe im Sturm

Von Dirk Preiß 

Mario Gomez, der Stürmerstar des VfB Stuttgart, durchläuft eine Talsohle, geht aber erstaunlich damit um. Er sagt: „Ich kenne das Stürmerleben.“ Und die Rezepte gegen die Krise.

Stuttgart - Im Gegensatz zum Glücksspiel ist der Fußball sehr berechenbar. Sechs Richtige aus 49 sind schwer zu treffen, die richtige von 37 Möglichkeiten beim Roulette ist es ebenfalls. Beim Fußball dagegen: Eine Kugel, ein Tor, in das der Ball verfrachtet werden muss. Rein mathematisch also ein gehöriger Unterschied. Dennoch sagt Mario Gomez: „Der Fußball ist eine Lotterie.“ Und er selbst ein ganz besonderes Los.

Der VfB Stuttgart hat es Ende 2017 gezogen und den Stürmer, der schon im Verein groß geworden war, zurückgeholt. Acht Tore hat der Routinier in der Rückrunde der vergangenen Saison zum frühen Klassenerhalt beigesteuert. Auch dank ihm, der einen Vertrag bis 2020 besitzt, erwuchs eine neue Euphorie – obwohl er beim sagenhaften 4:1 beim FC Bayern am letzten Spieltag der Saison gar nicht zugegen gewesen war. Seine Frau Carina hatte kurz zuvor Söhnchen Levi zur Welt gebracht. Doch seitdem ist noch einmal viel passiert.

Verkorkste WM, Rücktritt aus der Nationalelf, verpatzter Saisonstart, ein Trainerwechsel – und nun: eine Torflaute, wie sie jeder Stürmer mal erlebt. Auf die bei Mario Gomez aber ganz besonders geachtet wird. Man zählt die Minuten, man spricht über sein Alter, man hört genau hin, wenn er darüber sinniert, ob es wohl einen gebe, der es besser mache. Das alles kann etwas machen mit einem Angreifer, der sein Selbstverständnis aus Toren zieht. Was es mit Mario Gomez macht? Eher wenig.

Gomez hat jede Menge Erfahrung

Es ist Montagabend, ein dunkler Tag geht zu Ende, aber Gomez steht mal wieder im Scheinwerferlicht. Liederhalle in Stuttgart, 700 Zuschauer beim Treffpunkt Foyer der „Stuttgarter Nachrichten“ und eine Bühne, auf der der 33-Jährige gemeinsam mit dem Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß und dem VfB-Clubchef Wolfgang Dietrich Auskunft gibt zur sportlichen Lage. Zu seiner Lage. Die er als knifflig und zermürbend beschreiben könnte. Was er aber nicht tut.

Gomez, in schwarz gekleidet, sieht nicht die dunklen Seiten, sondern sagt: „Ich werde nicht aufstecken und weiter positiv denken.“ Was er zudem macht: Ruhe ausstrahlen. Auch Souveränität, und ein – trotz der mauen Situation – gesundes Selbstvertrauen. „Irgendwann“, sagt er, „kommt der Tag, an dem der Ball wieder über die Linie rollt.“ Er wisse das. Eben aus Erfahrung.

Anekdoten von Uli Hoeneß

310 Bundesligaspiele hat Gomez hinter sich, 166-mal hat er getroffen, dreimal in dieser Saison. Doch, das versichert der Stürmer immer wieder, ist ihm gar nicht das wichtigste. Am vergangenen Samstag, so gegen 17.25 Uhr, sei er „der glücklichste Mensch“ gewesen, erzählt er – weil der VfB den Sieg über den FC Augsburg gesichert hatte, als er schon ausgewechselt worden war. Am Abend habe er sich dann zügeln müssen. „Hey“, sagte er zu sich selbst, „das war nur ein Sieg gegen den FC Augsburg, nicht im Champions-League-Halbfinale.“ Mit diesen Anekdoten will Gomez belegen, was er immer wieder sagt: „Das Wichtigste ist die Mannschaft.“ Deshalb ärgere ihn an den vergebenen Chancen eigentlich nur, dass er es damit verpasst habe, der Mannschaft zu helfen. „Es waren entscheidende Situationen“, sagt er und sinniert: „Vielleicht hätten wir ein paar Punkte mehr, wenn ich getroffen hätte.“

„Das ist die richtige Einstellung“, lobt Uli Hoeneß den Teamgedanken des 33-Jährigen. Der Bayern-Chef hat Gomez einst vom VfB nach München gelotst, dafür 35 Millionen Euro überwiesen, und ist heute noch vom Ex-Nationalspieler überzeugt. Als kleine Aufmunterung erzählt er eine Geschichte aus vergangenen Zeiten.

„Als ich noch gespielt habe, war Gerd Müller der Bomber – aber auch er hat mal drei Spiele lang nicht getroffen. Udo Lattek hat im Training dann Jung gegen Alt spielen lassen – wir mussten so lange trainieren, bis der Gerd getroffen hat.“ Hoeneß grinst: „Manchmal ging es zweieinhalb Stunden.“ Auch Gomez versucht sich im Training die gewohnte Treffsicherheit zurückzuholen. Doch muss er sich den aktuellen Erfordernissen unterwerfen.

Gomez setzt auf die Entwicklung

„Wir haben mit dem neuen Trainer angefangen gegen Borussia Dortmund, 1899 Hoffenheim und Eintracht Frankfurt – da hat es batsch, batsch, batsch gemacht“, erzählt Gomez von den drei krachenden Niederlagen, „da ist es doch klar, dass der Trainer den Hebel an der Defensive ansetzt.“ Was undankbar ist für Stürmer. Doch Gomez sagt: „Ich trage die Entscheidung mit.“ Es sei ihm „egal, ob ich glänzen kann“. Er setzt auf die Entwicklung. „Mit Punkten kommen Selbstvertrauen und Spielverständnis – dann wird es für die Zuschauer wieder attraktiver.“ Und für Stürmer einfacher, in Tornähe verwertbare Bälle zu bekommen.

Bis dahin rackert er, auch wenn er am Ball glücklos wirkt. Er repräsentiert den Verein, auch wenn die Kritik auf die Mannschaft einprasselt. Er nimmt junge Spieler wie Nicolas Gonzalez an die Hand, obwohl er den Egoismus eines Stürmers einfordern könnte. Wenn der verkrampft wirkende Argentinier das erste Mal das Tor treffe, meint Gomez, „entspannt sich das Ganze“. Wichtig sei: „Er will.“ Mario Gomez will auch.

Wieder treffen. Dem Club helfen. Vor allem aber: die Ruhe bewahren. „Ich kenne das Stürmerleben“, sagt er, „es bringt mich nicht aus der Ruhe, wenn die einfachen Dinge mal nicht klappen.“ Und die Debatte um seine Person? „Das ist das Risiko des Stürmers.“ Also sein Risiko. Sein Los.

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