Großbottwar und Hemmingen sind Favoriten einer Standortsichtung der AVL. In beiden Kommunen formiert sich jetzt Protest gegen eine große Erddeponie.
Die Präsentation der ersten Ergebnisse einer Standortsuche für einen neuen Erddeponiestandort durch die Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises Ludwigsburg (AVL) zieht massiven Protest nach sich. Dieser formiert sich in Großbottwar, formuliert in einem Protestbrief von Bürgermeister Ralf Zimmermann, und ganz persönlich vor Ort in einer ersten demonstrativen Ackerbegehung mit drei im Zweifelsfall massiv betroffenen Landwirten. In Hemmingen fehlt Bürgermeister Thomas Schäfer jede Vorstellung, wie die Kommune, die für eine lastwagenfreie Ortsdurchfahrt kämpft, in unmittelbarer Nachbarschaft mit zusätzlich 70 Schwerlastfahrten pro Tag klar kommen soll. Die Hemminger schlagen als Alternative andere Areale in der Nähe vor.
Um was geht es? Die AVL und damit quasi der Kreis Ludwigsburg suche, nachdem in der Deponie Am Froschgraben in zehn Jahren der Betrieb eingestellt wird, nach einem neuen Deponiestandort, erläutert AVL-Geschäftsführer Tilman Hepperle nach der Präsentation der ersten potenziellen Standorte in der AVL-Aufsichtsratssitzung die Sachlage. Dieser Standort solle aber mehr sein als eine reine Erddeponie. Vielmehr gehe es um Themen wie Recycling, Ressourcenschonung und Umweltschutz. Jetzt sei die AVL im Gespräch mit zwei Kommunen, auf deren Markung ein Standort in Frage kommt. „Es ist uns wichtig, dass die Kommunen, die unmittelbar betroffen sind, möglichst umfassend und frühzeitig informiert werden.“ Es sei noch nichts entschieden, betont Hepperle – „wir sind noch in einem sehr frühen Stadium der Prüfung“. Am besten geeignet für einen Deponiestandort erscheine aber derzeit jeweils eine Fläche in Hemmingen und in Großbottwar. In beiden Kommunen plant die AVL Informationsveranstaltungen.
Die erste Reaktion in Großbottwar
Man sei „schockiert“ von den Gedankenspielen bei der AVL, hat Großbottwars Bürgermeister Ralf Zimmermann (parteilos) in einer ersten Reaktion auf die Bekanntgabe der favorisierten Erddeponie-Standorte verkündet. „Der Gemeinderat lehnt den Standort und die geplante Größe einstimmig ab.“ Das Terrain sei völlig ungeeignet. Zudem gingen wertvolle landwirtschaftliche Böden und Streuobstwiesen verloren. Er wundere sich, wie man überhaupt zu dem Schluss kommen könne, ausgerechnet an dieser Stelle hinter dem Sauserhof an der Gemarkungsgrenze zu Oberstenfeld eine große Deponie einrichten zu wollen.
Eine spontane Ortsbegehung
Ganz spontan hat Landwirt Martin Föll vom Sauserhof zusammen mit seinen Kollegen Hans Gabler und Jürgen Fink am Freitagmorgen zur Ortsbegehung am potenziellen Deponiestandort zwischen Großbottwar und Oberstenfeld eingeladen. Und quasi wie bestellt tummeln sich morgens um 10 Uhr sieben Rehe mitten auf dem von einer Leitung der Landeswasserversorgung einerseits und an drei Seiten im Hintergrund von Weinbergen umrahmten 45-Hektar-Areal. Die drei Landwirte bauen auf den nach ihrer Aussage teils hochklassigen Ackerböden Braugerste, Mais, Wintergerste, Raps oder Soja an. Und sie versorgen über Biogasanlagen rund 3000 Haushalte mit Strom. Sie sehen ihre wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel oder zumindest massiv eingeschränkt. Denn Ersatzflächen für die teils in eigenem Besitz, teils in Pacht bewirtschafteten Flächen werde der Kreis wohl kaum zur Verfügung stellen können. Womit sich auch der nicht unerhebliche Beitrag zur Gewinnung grüner Energie im Fall der Deponierealisierung erledigt hätte.
Landwirte wollen mobilisieren
Völlig schleierhaft ist den drei Landwirten auch, wie man überhaupt auf die Idee kommen könne, ausgerechnet in dem Teil des Bottwartals die ökologisch wichtigen Flächen zu opfern – nachdem ja in der Vergangenheit bei jeder Gelegenheit betont worden sei, dass das Landschaftsbild – auch aus touristischen Erwägungen – nicht verändert werden dürfe, die Naturräume erhalten bleiben müssten. „Wir werden auf jeden Fall nach einem Rechtsbeistand schauen“, sagt Martin Föll, den das Vorhaben allein auf rund 20 Hektar Fläche träfe. „Es wird auf jeden Fall zu massivem Widerstand kommen“, kündigt auch Kollege Gabler an. „Das brennt uns auf den Nägeln“.Und die drei sind zuversichtlich, dass sich in Kürze auch wieder eine Bürgerinitiative bilden werde, wie einst, als jene Umgehungsstraße verhindert wurde, die jetzt womöglich als Erschließung für die Erddeponie wieder ins Spiel kommen könnte. Man werde alles tun zum Schutz der Landschaft im Bottwartal, sagen die Landwirte – „und wir werden alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen.“
Was sagt man in Hemmingen?
„Vor allem die zu befürchtende Verkehrssituation scheint uns ein nicht lösbares Problem zu sein“, heißt es aus Hemmingen. Die Gemeinde versucht seit Jahren, ein LKW-Durchfahrtsverbot zu erwirken. Mit der Erhöhung des Schwerlastverkehrs im Rahmen des Deponiebetriebs – wohl rund 70 Lastwagen am Tag – würde dieses Vorgehen ad absurdum geführt. Wie gar eine Umgehungsstraße gebaut werden sollte, dafür fehlt hier allen die Fantasie. Die Hemminger bringen bereits zwei alternative Standorte in der Nachbarschaft in die Diskussion ein. An beide Alternativen seien die gleichen Kriterien anzulegen wie bei den jetzt diskutierten, fordert Bürgermeister Thomas Schäfer.
Was sagt der Hemminger Nachbar? Der verkehrlichen Bewertung aus Hemmingen ist aus Sicht der Stadt Ditzingen nichts hinzuzufügen. „Wir teilen diese Bedenken ausdrücklich. Eine potenzielle Betroffenheit von gleich drei Ortsdurchfahrten durch den Schwerverkehr zum und vom Deponiestandort und die geografisch doch sehr periphere Lage mit langen Transportwegen aus dem ganzen Landkreis sprechen zusätzlich gegen den angedachten Standort“, sagt der Oberbürgermeister Michael Makurath (parteilos). Vom Deponiebau- und betrieb betroffen wäre bei diesem Standort neben Hemmingen und Ditzingen-Heimerdingen auch Eberdingen.