Beim Automobilbauer Porsche herrscht ungewohnt schlechte Stimmung am Standort Zuffenhausen. Das Unternehmen lässt eine hohe dreistellige Zahl befristeter Arbeitsverträge auslaufen oder beendet sie vorzeitig. Zu den Gründen.
Die Betroffenen, die seit Jahren in der Porsche-Montage tätig sind und seither auf die Arbeitsplatzsicherheit bei dem Luxusautohersteller und auf dessen glänzende Geschäfte gesetzt haben, stehen unter Schock. Immer wieder müssen sich Beschäftigte von den Kollegen verabschieden, weil ihre befristeten Verträge gegen ihre ursprünglichen Erwartungen auslaufen.
Die Zuffenhausener bereiten sich auf Zeiten mit mehr Gegenwind vor. 2024 würden nur vereinzelt befristete Verträge verlängert, teilt Porsche mit. 400 Verträge, die ihre Maximallaufzeit von 48 Monaten bereits erreicht hätten, würden in diesem Jahr auslaufen. „Zusätzlich werden auch Arbeitsverträge auslaufen, die das Vertragslimit von 48 Monaten noch nicht erreicht haben“, heißt es vom Betriebsrat. Es handele sich „voraussichtlich um eine hohe dreistellige Anzahl an Verträgen“. Die betroffenen Kollegen würden persönlich vom Betriebsrat informiert.
Maximale Anstellungsphase auf 48 Monate erhöht
Die Porsche AG hat ihre Belegschaft in den vergangenen zehn Jahren auf aktuell 24 700 Mitarbeiter fast verdoppelt – darunter sind auch 2400 Mitarbeiter mit einem befristeten Arbeitsverhältnis in diversen Bereichen. Die gesetzliche Höchstdauer für sachgrundlose Befristungen von Arbeitsverträgen beträgt 24 Monate. Auf der Grundlage eines Ergänzungstarifvertrags wurde diese maximale Anstellungsphase für Mitarbeiter in der Produktion auf 48 Monate erhöht.
Ein befristetes Arbeitsverhältnis könne eine Chance sein, um bei Porsche zu einer Festanstellung zu kommen, heißt es. Demografische Entwicklungen hätten dazu geführt, dass zahlreiche Kollegen etwa über Altersteilzeit ausgeschieden seien. Zugleich seien aufgrund der ersten vollelektrischen Baureihe, des Taycan, überproportional viele Kollegen in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis gehievt worden. Von 2021 bis 2023 habe Porsche insgesamt 1344 befristete Mitarbeiter übernommen, davon seien 1145 in der Produktion tätig gewesen.
Buck: Produktionsplanung liegt in den Händen des Arbeitgebers
„Alle unsere Kolleginnen und Kollegen bei Porsche machen einen großartigen Job“, betont der Betriebsratsvorsitzende am Standort Zuffenhausen, Harald Buck, gegenüber unserer Zeitung. „Dabei spielt es keine Rolle, ob sie einen befristeten oder unbefristeten Arbeitsvertrag haben – wir beim Betriebsrat setzen uns für alle ein und kämpfen um jeden Arbeitsplatz.“ Die Verantwortung sieht er freilich beim Management, in dessen Händen die Produktionsplanung liege. „Immerhin konnten wir beim Arbeitgeber durchsetzen, dass einige Kollegen nochmals die Chance auf eine unbefristete Übernahme bekommen.“
Porsche-Personalvorstand Andreas Haffner verweist darauf, dass in den vergangenen zehn Jahren mehr als 5500 Mitarbeiter in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen worden seien. „Dies ist allerdings keine Garantie für die Zukunft“, fügte er hinzu. „Es ist unsere Aufgabe, die Kapazitätsplanungen permanent zu überprüfen und wenn nötig anzupassen.“ In Zeiten der Transformation setze Porsche auf das Prinzip „Umbau statt Aufbau“. „Dabei achten wir darauf, uns als Unternehmen möglichst flexibel aufzustellen“, so Haffner. Aufgrund der durch den Strukturwandel hervorgerufenen Veränderungen in den Job-Profilen wolle das Unternehmen zudem die frei werdenden Stellen mit „Transformationskandidaten“ besetzen.
Krise der Automobilindustrie lässt Alternativen rar erscheinen
Im Geschäftsjahr 2024 erwartet Porsche mehrere Modelleinführungen. Zudem müssen in Europa vom Sommer an die gesetzlichen Vorgaben für Cybersicherheit umgesetzt werden. Dadurch werde die Produktion einiger Modelle mit Verbrennungsmotor, die am Ende ihres Zyklus stehen, „schrittweise heruntergefahren“, argumentiert das Unternehmen. Entsprechend werde die Personalplanung für die Produktion angepasst. Zeitarbeiter gibt es dort nicht.
Folglich dürfte nächste Woche auf der Mitarbeiterversammlung einiges an Groll hochkommen. Die Unruhe baut sich bereits seit Beginn des Winters auf. Denn nun können sich die Betroffenen einen neuen Job mit sicherlich ungünstigeren Konditionen suchen. Einen gleichwertigen Arbeitgeber dürfte es für sie nicht geben: Porsche entlohnt generell gut, die Identifikation der Beschäftigten mit der Marke ist hoch. Doch die Krise der Automobilindustrie drückt auf die Beschäftigung – da sind Alternativen rar.