Fußballspielende Frauen sind schon lange keine Attraktion mehr. Die Vereine befürchten jedoch eine rückläufige Entwicklung. Foto:  

Ein Rekord jagte in den vergangenen 20 Jahren den anderen. Heute spielen mehr als eine Million Frauen und Mädchen in Deutschland Fußball. Doch die Entwicklung stagniert. Die Vereine in Stuttgart befürchten sogar einen Rückgang.

Stuttgart - Die Nachricht ist nicht zu übersehen: Ohne Unterbrechung läuft der Aufruf über die Homepage der Fußballerinnen der Spvgg Stuttgart-Ost: „Wir suchen neue Spielerinnen!“ Der Verein möchte eine zweite Mannschaft melden. Das ist momentan eine der Voraussetzungen, um in der Oberliga spielen zu können. Und mittel- bis langfristig will die Mannschaft die Verbandsliga verlassen. Doch neue Spielerinnen zu finden ist gar nicht so einfach.

18 Mannschaften sind in dieser Saison im Bezirk Stuttgart gemeldet, in Württemberg gibt es 319 Teams. Das sind eineinhalbmal so viele wie vor zehn Jahren, „aber der Höhepunkt der Entwicklung ist erreicht“, sagt ­José Macias, beim Württembergischen Fußballverband (WFV) für den Frauen-Spiel­­betrieb zuständig. In den nächsten Jahren sei mit keinem Ansturm neuer Spielerinnen zu rechnen. „Wäre Stuttgart keine Studentenstadt, hätten wir schon jetzt richtig Probleme“, meint Michael Harnisch, Vorsitzender der Spvgg Stuttgart-Ost, und Martin Dietz, Abteilungsleiter beim VfB Obertürkheim, sagt: „An der Basis wird es jetzt schon ­dünner.“ Frauen fehlt der Kick am Kicken.

Dietz weiß, wovon er spricht: Jedes Wochenende müssen beim VfB für drei aktive Mannschaften Spielerinnen zur Verfügung stehen. „Sie zusammenzubekommen kann ganz schön anstrengend sein“, sagt der ­Abteilungsleiter. Die Obertürkheimerinnen sind derzeit das beste Team im Bezirk. In der Oberliga belegt die erste Mannschaft Platz neun. Die zweite spielt in der Landesliga, die dritte in der Bezirksliga. „Drei Teams, das ist in Württemberg einmalig“, sagt José Macias. Selbst zwei Teams gibt es nur einmal, bei der SG Heumaden-Sillenbuch. „Es zeigt, wie gut beim VfB gearbeitet wird“, meint der WFV-Mann. Das Ziel der Obertürkheimer ist es, dass jede ihren Platz im Verein findet, egal wie gut sie dribbelt, passt und schießt oder wie viel Zeit eine Spielerin investieren kann beziehungsweise möchte. Etwa 60 Frauen und Mädchen kicken beim VfB in ­allen Altersklassen. Noch. „Neue Spielerinnen zu gewinnen, das geht nur noch über ­erhöhten Einsatz“, sagt Dietz.

Für die Stagnation gibt es viele Gründe.

Der demografische Wandel, ein breites Konkurrenzangebot und durch die Einführung von Ganztagsschulen verringerte Freizeit bei den Juniorinnen nennt er als mögliche Ursachen. „Wir sind deshalb auch schon mit dem Verband in Gesprächen“, erzählt Dietz, „denn wenn es uns nicht gelingt, zum Beispiel durch Kooperationen mit Schulen funktionierende Konzepte zu entwickeln und umzusetzen, dann werden die Zahlen bald rückläufig sein.“ Beim Verband ist das Problem bekannt. „Deshalb soll es weitere Aktionen geben. Aber klar ist auch: Die Zahl von Fußballerinnen ist zwar nicht erschöpft, aber sie ist auch nicht erschöpflich“, sagt Macias. Der Verband ist deshalb zudem ­dabei, Spielklassen und Spielordnungen zu reformieren, was teilweise schon geschehen ist. Laut Macias könnte unter anderem die Pflicht gekippt werden, in der Oberliga eine zweite Mannschaft melden zu müssen.

Spielerinnen der Spvgg Stuttgart-Ost wollen Erfolg.

„Wir wollen uns trotzdem breiter aufstellen“, meint Harnisch. Denn ein paar Anfragen gäbe es, „und wir würden diesen Frauen gerne die Möglichkeit geben, bei uns zu spielen“. Deshalb verfolgt die Spvgg Stuttgart-Ost dieses Ziel weiter – trotz des Aufwands, der durch zusätzliche Trainingszeiten, weitere Betreuer entstehen wird. Genauso wie den langfristigen Aufstieg. Doch auch der würde nicht nur Vorteile bringen. „Die Fahrtwege wären dann noch weiter“, sagt Harnisch. Schon heute opfern die Spielerinnen fast den gesamten Sonntag, wenn es um 10 Uhr losgeht zu Auswärtsfahrten und vor 16.30 Uhr keine heimkommt. „Es ist aber der Anspruch der Mannschaft, Erfolg zu haben“, erzählt Harnisch. „Die Mädels sind noch sehr jung, und das Team hat eine große Qualität.“ Und zumindest die hohe Spielklasse ist noch ein gutes Mittel, um Spielerinnen anzulocken. Eines von wenigen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: