A bisserl was geht immer: München ist auch Oktoberfest immer eine Reise wert. Man kann sich zum Beispiel das Biermuseum ansehen. Foto: Hamann

Die Wiesn ist abgesagt. Doch auch ohne Oktoberfest kann man in München in Feststimmung kommen.

München - Ob sich die Bavaria einsam fühlt? Die 18 Meter hohe Bronzefigur ist die Patronin Bayerns und überblickt um diese Jahreszeit normalerweise das bunte Treiben auf der Theresienwiese. Doch dieses Jahr schieben sich keine Menschenmassen über die Schwanthaler Höhe, Corona hat dem Bierfest den Hahn abgedreht. Es ist der 25. Ausfall in 210 Jahren. Bisher verhinderten Krieg, Cholera und Inflation die Sause – jetzt also ein Virus.

1810 wurde das berühmte Volksfest erstmals gefeiert, und der Maßkrug stand zunächst gar nicht im Zentrum des Geschehens. „Angefangen hat alles mit einem Pferderennen an dem Platz vor den Toren der Stadt. Anlass war die Vermählung von Kronprinz Ludwig mit Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen am 2. Oktober 1810.

Später kam eine landwirtschaftliche Ausstellung dazu, dann ein Wettschießen und erst viel später die Bierzelte“, sagt Lukas Bulka, der Direktor des Münchner Bier- und Oktoberfestmuseums. Die Ausstellungsräume befinden sich in einem der ältesten Häuser Münchens zwischen Marienplatz und Isartor, allein das Gebäude aus dem Jahr 1340 ist sehenswert.

Die Münchner vermissen ihre Wiesn

Die Schau ist klein, aber fein. Im angeschlossenen Gasthaus werden – einmalig in der Stadt – alle fünf Oktoberfestbiere ausgeschenkt. Verkostungen im kleinen Rahmen sind auch jetzt möglich. Ein Besuch kann Phantomschmerzen lindern. Denn die Münchner leiden furchtbar unter der Situation – die einen, weil sie nicht schimpfen können, die anderen, weil ihnen die Gaudi fehlt.

Spötter sagen, wer nicht im Zelt Krüge stemmt, spart Zeit und Geld. Optimisten investieren beides in die Anschaffung eines neuen Outfits für die nächste Saison. „Ein Dirndl sieht an jeder Frau gut aus, ganz gleich, welche Figur sie hat“, sagt Elisabeth Beer.

Die 21-Jährige studiert BWL und Informatik, nebenbei arbeitet sie als Stadtführerin. Ihr Spezialgebiet: Tracht. Sie weiß nicht nur viel über die Geschichte des Gewands, sie kennt auch besondere Bezugsquellen. Im Kaufhaus ein Polyesterdirndl kaufen? Das machen nur Preußen. Elisabeth Beer begleitet ihre Klienten stattdessen zu lokalen Designern und Manufakturen.

Umsätze sind eingebrochen

„Amsel ist der Spitzname meiner Frau Alexandra, deshalb heißt unser Label so“, sagt Philipp von Frankenberg (41). In einem Laden in Schwabing verkauft das Ehepaar klassische Tracht, die man dank üppiger Nahtzugaben ein Leben lang tragen kann, sofern man einen guten Schneider kennt. Die Absage des wichtigsten Termins im Münchner Kalender hat die Frankenbergs getroffen.

Die Umsätze gingen zurück. „Tracht ist Gesellschaftskleidung. Man setzt sich damit eher nicht daheim vor den Fernseher“, sagt Philipp von Frankenberg. In der Not hat der Unternehmer die Initiative „München trägt Tracht“ gegründet, viele Kollegen schlossen sich an. Der Gedanke: Tracht geht immer, auch bei privaten Feiern, zum Stadtbummel, im Biergarten.

Bajuwarisches Schuhwerk bei Schuh-Bertl

Passendes Schuhwerk gibt es bei Albert Kreca, den man in München nur den Schuh-Bertl nennt. In seiner Werkstatt in einem Hinterhof im Gärtnerplatzviertel hängt die Decke voller Leisten. Der 59-Jährige macht Schuhe auf Maß, meist fertigt er Haferlschuhe. „Der Name kommt daher, weil der Schuh wie ein Gefäß, ein Haferl, geformt ist. Man macht ihn aus einem Stück Leder, ohne Naht“, sagt Albert Kreca.

Dann hebt er zu einem langen Plädoyer an – für echte Traditionshandarbeit, gegen Bayern-Kitsch. Das Thema liegt ihm am Herzen, er hat sogar ein Buch über die besondere Schuhform geschrieben. „Fast alle Wiesnwirte kaufen bei mir“, sagt Albert Kreca stolz. Ein Paar kostet ab 250 Euro, 25 bis 30 Stunden Arbeit stecken darin.

Normalerweise hat Schuh-Bertl eine Wartezeit von einem Dreivierteljahr. Doch während des corona-bedingten Lockdowns hat er genäht wie der Teufel und viele Aufträge schneller abgearbeitet als gedacht. Beim ihm läuft das Geschäft gut: „Aus Solidarität haben viele Kunden noch ein Paar Schuhe bestellt. Sie wollen, dass es uns auch nach Corona noch gibt.“

Masken aus Dirndlstoff

Auch Bea Bühler hat die Corona-Krise kreativ genutzt. „Seit Frühjahr haben wir Masken im Angebot, auch welche aus Dirndlstoff.“ Die 39-Jährige hat nicht nur Sinn für Ästhetik, sie denkt auch praktisch: Zur Mund-Nasen-Bedeckung gibt es eine Kordel, an der das Teil am Körper baumeln kann, wenn man es gerade nicht am Kopf trägt.

Hauptsächlich ist das kleine Ladengeschäft im Stadtteil Au aber auf Handtaschen spezialisiert. Bea Bühler studierte Produkt­design und entwickelte im Rahmen ihrer Diplomarbeit eine ballon­förmige Tasche, die perfekt zum Dirndl passt.

Doch bei aller Liebe zum zünftigen Gwand: Was wäre die Wiesn ohne Speis und Trank? Amadeus Danesitz, Experte für die Münchner Bar- und Gastroszene, empfiehlt das Lindwurmstüberl. „Nur einen Steinwurf entfernt liegt die Theresienwiese. Man trifft sich hier zum Vorglühen und geht später wieder her, wenn die Zelte schließen“, sagt der 59-Jährige.

Die Wiesn ist ein Lebensgefühl

Ohne Oktoberfest kommt man halt einfach so, genießt die frische Luft auf der Dachterrasse und isst Steckerlfisch. Das Lokal gehört nämlich der Familie Stadtmüller, den Betreibern des Wiesn-Zelts „Fischer-Vroni“. Spezialität: Makrele im Ganzen am Stab gegrillt.

Fans von gebratenem Ochsen, ebenfalls eine Wiesn-Spezialität, pilgern derweil zum Biergarten am Chinesischen Turm, wo es original Rind wie in der Ochsenbraterei gibt. Auch die anderen Wiesn­wirte betreiben Gaststätten in der Stadt und haben unter dem Titel „Wirtshaus-Wiesn“ eine Ersatzveranstaltungsreihe auf die Beine gestellt. Denn wie sagt man in München: Die Wiesn ist kein Ort, sie ist ein Lebensgefühl. Und das kann man transportieren. Zumindest ein bisschen.

Info: Anreise

Mit dem Zug ist man in knapp zwei Stunden in München, www.bahn.de. Innerhalb der Stadt bewegt man sich am besten mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Tageskarte: 7,80 Euro. Mit verschiedenen Gästekarten kann man das vielfältige Kunst-, Kultur- und Freizeitangebot erkunden: München Card (ab 11,90 Euro) und München City Pass (ab 39,90 Euro).

Unterkunft

Das Hotel Le Méridien liegt ideal für Zuganreisende gegenüber dem Hauptbahnhof. Hier gibt es elegante, moderne Zimmer, einen lauschigen begrünten Innenhof und sogar einen Pool. Doppelzimmer ab 150 Euro.

Ganz neu hat im trendigen Werksviertel das Hotel Moxy München Ostbahnhof eröffnet. Für das urban-lässig gestylte Haus stand der Motorradhersteller Zündapp Pate, der auf dem Gelände einst seine Fabrik hatte. In das Design wurden Fahrzeugteile und Bremsspuren integriert. DZ ab 60 Euro.

Essen und Trinken

Das Lindwurmstüberl liegt nahe der Theresienwiese. Hier kann man Steckerlfisch kosten wie auf der Wiesn. Im Biergarten am Chinesischen Turm gibt es gegrillten Ochsen aus dem original Festzeltgrill, sonntags spielt die Blasmusik.

Aktivitäten

Die Aktion „Sommer in der Stadt“ soll den an der Corona-Krise leidenden Schaustellern helfen. An verschiedenen Orten (zum Beispiel Königsplatz, Wittelsbacherplatz, Olympiapark) stehen Marktstandl, Fahrgeschäfte, Kulturbühnen und sogar ein Riesenrad. Die Aktion ist verlängert bis zum 4. Oktober. Die Wirtshaus-Wiesn findet vom 19. September bis zum 4. Oktober statt.

Touren durch das Münchner Nachtleben, z.B. zu den in der Corona-Krise neu entstandenen Freischankflächen namens „Schanigärten“ bietet Amadeus Danesitz –ab 59 Euro.

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