Kein deutsches Museum ist so fortschrittlich wie das Städel Frankfurt. Für den Direktor Philipp Demandt gehört es dazu, kritische Fragen zu stellen.
Stuttgart/Frankfurt am Main - Der gebürtige Konstanzer Philipp Demandt (Jahrgang 1971) leitet seit Ende 2016 gleich drei große Frankfurter Museen: das Städel-Museum, das Liebieghaus und die Schirn- Kunsthalle. Bereits sein Vorgänger Max Hollein konnte die Popularität der Museen enorm steigern durch spannende Themen und innovative Ausstellungskonzepte. Zurzeit zeigt das Städel zeigt mit „Making van Gogh“ eine umfangreiche Schau über den niederländischen Maler.
Herr Demandt, das Frankfurter Städel scheint das Kunstmuseum neu erfinden zu wollen. Haben Sie dabei Vorbilder?
Wir in Frankfurt bauen auf einer langen Tradition auf, die besonders vom Vermittlungsgedanken getragen ist. Johann Friedrich Städel, unser Museumsgründer, ein Bankier und Mäzen, war den Ideen von Aufklärung und Humanismus sehr verbunden. Kunst sollte die Menschen besser machen. Heute versuchen wir am Städel-Museum, in der Schirn-Kunsthalle wie auch in der Liebieghaus- Skulpturensammlung den Blick, wo immer möglich, zu öffnen, den klassischen Kanon also immer auch zu hinterfragen. Was ist mit den Künstlerinnen? Warum sind bestimmte Künstler heute vergessen? Wer bestimmt eigentlich, welche Künstler wichtig und welche unwichtig sind? Was können wir heute aus der Kunst von gestern lernen?
Spüren Sie Vorbehalte von Kollegen?
Nein, im Gegenteil, zumal unsere Präsentationen ja eher zeitlos sind. Lebendig, wenn Sie so wollen, sind die Perspektiven. Und die Art der Aufbereitung, nicht zuletzt im Digitalen. Unsere Disziplin heißt ja nicht Kunst, sondern Kunstgeschichte. Ergo müssen wir Kunst in Sprache übersetzen, also Geschichten erzählen. Und zwar Geschichten, die für die heutige Zeit interessant und auch verständlich sind und die zugleich die Faszination und Komplexität des originalen Kunstwerks vermitteln und bewahren.
Braucht es Geld oder eher Ideen, um das Kunstmuseum zu erneuern?
Natürlich braucht es Ressourcen, viel, viel wichtiger aber sind Mut und gute Ideen – und mit diesen kommen auch die Förderer.
Wird die Kunst abgewertet, wenn das System kritisch hinterfragt wird oder man in Ausstellungen auch aktuelle Fragestellungen verhandelt?
Im Gegenteil: Aktuelle Perspektiven halten selbst die ältesten Meister frisch. Und es macht ja die ganz große Kunst aus, dass sie jeder Zeit Anknüpfungspunkte bietet, kurzum also immer noch „etwas zu sagen“ hat – wenn man denn die richtigen Fragen stellt! Gerade in Zeiten, in denen die Fähigkeit und vielleicht auch die Bereitschaft abnimmt, in historischen Bögen zu denken, wird der heutige Blick auf gestrige Prozesse immer wichtiger.
Ihre Prognose: Wird es in Zukunft genügen, einfach nur Bilder an die Wand zu hängen?
Ob man internationale Leihgeber davon überzeugen kann, Kunstwerke einen langen Weg in ein anderes Museum reisen zu lassen, hängt zunehmend von der Schlüssigkeit und der Überzeugungskraft der Ausstellungsthese ab. Und nicht zuletzt von der Ernsthaftigkeit der musealen Arbeit im Umgang mit der eigenen Sammlung und vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen. Und hier gehört die kritische Aufarbeitung unter Gesichtspunkten wie Transparenz und Teilhabe sowie Provenienz, Konservierung und Nachhaltigkeit immer mehr dazu.