Vom unscheinbaren Dorf zum Industriezentrum: Vor 125 Jahren wurde Singen am Fuß des Hohentwiel zur Stadt erhoben.
Wer an den Bodensee reist, dürfte verschiedene Ziele im Sinn haben – vom Strandbad bis zur Insel Mainau. Singen am Hohentwiel lässt man eher links liegen, auch wenn die Autobahn direkt dran vorbeiführt. Dabei hat es die Stadt einen eigenen, auch spröden Charme.
Vor 125 Jahren wurde Singen zur Stadt erhoben. Großherzog Friedrich, damals Landesherr in Baden, sprach die Beförderung „gnädiglich“ aus, wie es in der Urkunde damals hieß. Im Juli 1899 war die Hochstufung des Dorfes beantragt worden, im September schrieb der Monarch den Singenern bereits die frohe Kunde übermitteln. „So schnell arbeitete damals die Verwaltung“, kommentierte Bernd Häusler (CDU), Oberbürgermeister von Singen, den wichtigen Vorgang mit leichtem Seitenhieb.
Hier treffen sich wichtige Bahnlinien
Der Aufstieg des Bauerndorfes hatte zwei Gründe: Die Schwarzwaldbahnbahn, die von Offenburg über das Kinzigtal kam, hielt in Singen, das mit einem mächtigen Bahnhof ausgestattet wurde. Wenig später schloss die Gäubahn Richtung Stuttgart an. Zugleich konnte man in Singen auch den Schienenweg nach Italien via Zürich nehmen. Im Gegensatz zum vornehmen, aber bahntechnisch gekappten Konstanz hatte sich Singen zum Bahnknoten gemausert. Dieses Pfund sollte sich auszahlen, als bereits im 19. Jahrhundert erste Gastarbeiter aus Italien kamen. Später wanderten Menschen aus dem damaligen Jugoslawien, der Türkei sowie von der iberischen Halbinsel ein. Bis heute ist die Stadt von Einwanderern geprägt.
Ein Zugereister war es auch, der die Industrialisierung vorantrieb. Der Italiener Julius Maggi gründete hier 1887 seine erste Fabrik. Bis heute ist Maggi nicht nur unverwechselbare Marke mit Standort Singen – auch die Produktpalette von der Suppenwürze bis zum Fertiggerichte hat sich kaum geändert. Die Firma beschäftigte damals hunderte von Landfrauen, die das Gemüse von Hand säuberten, schnitten und in riesigen Töpfen verarbeiteten. So wuchs das Dorf. Vor allem in der Gründerzeit machte die Gemeinde gewaltige Bevölkerungssprünge.
Heute wohnen knapp 50 000 Menschen zu Füßen des Hohentwiel. Obwohl sie sich von den bürgerlich geprägten Städtern aus Radolfzell oder Konstanz manchen Spott hören, sind die Singener stolz auf ihre Gemeinde. Der Historiker Simon Götz befragte zahlreiche Bürgerinnen, was ihnen ihre Stadt bedeutet. Die Antworten fielen deutlich aus. „Die Leute hier sind stolz auf ihre Stadt“, berichtet Götz zu seiner Befragung. Auch das Etikett der Industriestadt störe niemanden, der hier lebt. Industrie wird hier mit Fleiß in Verbindung gebracht und mit Arbeitsplätzen, über die Singen in reichem Maß verfügt. Nach Maggi sind die Firmen Constellium (Aluminiumgehäuse, 1600 Mitarbeiter) oder Takeda (Medikamente, 1000 Mitarbeiter) gut im Geschäft.
Das schnelle Wachstum sieht man dem Stadtbild bis heute an. Es bietet kein natürliches Zentrum, sondern Straßenachsen, die sich rechtwinklig kreuzen. Der Versuch, Singen als Festspielstadt zu etablieren, scheiterte bereits früh. Dafür hat sich eine andere Kultur etabliert: Im Gewerbegebiet verkauft ein Autohändler auch Ferrari oder Bentley. Die Kunden kommen vor allem aus dem Ausland – vermögende Schweizer können dort in den Schalensitzen eines Testa Rossa Platz nehmen.