Was macht eine Stadt lebenswert? Chirine Etezadzadeh, Gründerin und Leiterin des Smart City Institute in Stuttgart, spricht im Interview über die nachhaltige Stadt und Technologiepaten für Senioren.
Stuttgart - Chirine Etezadzadeh, Gründerin und Leiterin des Smart City Institute in Stuttgart, spricht im Interview über die nachhaltige Stadt, Technologiepaten für Senioren und die Erwartungen an die neue Bundesregierung bezüglich der digitalen Stadt.
Frau Etezadzadeh, ist Stuttgart smart – oder eher nicht?
Ich würde die Frage gerne umformulieren: Hat sich Stuttgart bereits auf den Weg gemacht, smart zu werden? Dazu lässt sich sagen, dass es viele sehr gute Grundlagen für ein smartes Stuttgart gibt. Mit einigen Plänen, Konzepten und Programmen, in Projekten, Beteiligungsverfahren und in Form des Bürgerhaushalts wurden bereits zukunftweisende Maßnahmen ergriffen, die in diese Richtung gehen. So ist zum Beispiel die Verwaltung der Landeshauptstadt im Begriff, sich digital zu transformieren. Was fehlt, ist eine gemeinschaftlich erarbeitete Smart-City-Strategie, die unter anderem diese Einzelmaßnahmen verbindet und zu einem Zukunftsprojekt macht. Die Entwicklung einer solchen Strategie hat die Stadt nun aber auf die Agenda gesetzt.
Sie forschen zum Thema Smart City. Was habe ich mir überhaupt unter einer Smart City vorzustellen?
Eine Smart City ist eine konsequent nachhaltig gestaltete Stadt oder Gemeinde. Sie nutzt smarte, also analoge, technische oder naturbasierte Lösungen sowie die Kraft der Gemeinschaft für die Erreichung zweier Kernziele. Erstens sollen für die Bewohner der Kommune, das sind Menschen, Tiere und Pflanzen, die Voraussetzungen für ein gutes Leben und Zusammenleben geschaffen werden. Zweitens sollen die negativen Auswirkungen des menschlichen Daseins minimiert werden, um unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten.
Können Sie das konkretisieren?
Gerne. Beispielsweise wird eine Smart City ein Höchstmaß an regenerativen Energien für die Energieversorgung verwenden. Mobilität wird den Bewohnern mit verschiedensten Verkehrsträgern bedarfsgerecht, integriert, günstig und nachhaltig angeboten. Das Rückgrat bildet dabei ein leistungsfähiger ÖPNV. Im Bereich Wasser sorgt ein smartes Wasser-Management-System unter Einbeziehung naturbasierter Lösungen für ein optimales Ressourcenmanagement. Eine Smart City hat ein Kreislaufwirtschaftssystem realisiert, das zahlreiche Stoffströme schließt und so zu signifikanten Ressourceneinsparungen führt. Multifunktionale blau-grüne Infrastruktur durchzieht die Stadt. Eine moderne und attraktive Gestaltung der Kommune sorgt für „kurze Wege“, und verschiedenste Maßnahmen, auch zur Stärkung der regionalen Wirtschaft, ermöglichen nachhaltigen Konsum. Dies wären einige wenige Aspekte, die eine Smart City charakterisieren. Sie sehen: Wir haben noch einiges zu tun.
Was ist lebenswert an einer Smart City?
Neben vielen anderen Faktoren ist es, denke ich, insbesondere ihr Erscheinungsbild. Dem Blisscity-Konzept folgend, kann man sich unter einer Smart City eine sichere, saubere, von blau-grüner Infrastruktur geprägte, lebendige Kommune vorstellen, die den vielfältigen Bedürfnissen ihrer Bewohner entspricht. Die Bewohner erhalten hervorragende Versorgungsleistungen durch moderne und komfortabel gestaltete soziale und technische Infrastrukturen. Es gibt ein starkes gesellschaftliches Miteinander durch gemeinsam getragene Ziele, Aufgaben und gemeinschaftlich genutzte Räume. So kann sich der Einzelne in jeder Hinsicht gut aufgehoben, exzellent versorgt und gewertschätzt fühlen.
Neue Technologien lösen bei vielen Menschen Ängste aus. Sie fürchten einen Missbrauch von Daten, Überwachungsmöglichkeiten oder den Verlust des Arbeitsplatzes. Wie begegnen Sie solchen Vorbehalten?
Bezogen auf die ersten beiden Punkte sind die Sorgen dieser Menschen begründet. Daher sollten wir in Deutschland und Europa Lösungen sowie gesetzliche und andere Rahmenbedingungen gestalten, die entsprechenden Entwicklungen verbindliche Grenzen setzen. Dem bevorstehenden Strukturwandel werden wir alle begegnen müssen. Berufe werden sich verändern oder verschwinden, neue Berufe werden entstehen. Jeder wird einen Beitrag zu einer positiven gesellschaftlichen Transformation leisten können. Entscheidend ist die Herausbildung einer Ökonomie, die dies zulässt und Leistungen in angemessener Weise würdigt. Eine Smart-City-Entwicklung ist auch aufgrund von Bedrohungen wie den genannten ein Gemeinschaftsprozess. Es gilt, kontinuierlich zu klären, wie wir in Zukunft leben wollen und wie nicht.
Dennoch gibt es Risiken. Etwa sammeln Firmen bei Sharing-Modellen wie E-Rollern oder Fahrrädern Daten, um diese zu verkaufen. Wie beugt man dem vor?
Durch Regulierung und nötigenfalls durch eine Nichtakzeptanz der Geschäftsbedingungen. Sprich: durch Verzicht.
Was sind die Vorteile der digitalen Stadt, und worin liegt ihr Mehrwert für die Bürger?
Wir werden negative Prozesse schneller erkennen sowie Maßnahmen früher und präziser einleiten können, um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. Insbesondere für den Umwelt-, Klima- und Ressourcenschutz, bezogen auf Nachhaltigkeitsbestrebungen oder mit Blick auf die zunehmenden Extremwetterereignisse sind diese Möglichkeiten von unschätzbarem Wert. Ermöglicht wird dies durch eine enorm hohe Informationsverfügbarkeit, durch die Möglichkeit, diese Informationen zu verarbeiten und teilweise sogar in autonomen Regelungsprozessen darauf reagieren zu können. Dies eröffnet zudem Raum für neue Dienstleistungen und stellenweise für mehr Komfort.
Laut Angaben des Bürgermeisters werden in Stuttgart derzeit rund 100 kommunale Dienstleistungen digital angeboten. Sind das viele – oder wenig?
Stuttgart liegt im deutschen Smart-City-Index 2021 im Themenfeld Verwaltung auf Platz eins. Hinsichtlich der Anzahl der digital angebotenen Verwaltungsleistungen nimmt die Landeshauptstadt im gleichen Index eine gute Position ein. Die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes bis Ende 2022 wird alle Kommunen in Deutschland vor große Herausforderungen stellen. Aber dank der Maßnahmen des Landes und des Serviceportals Baden-Württemberg sind wir diesbezüglich in einer sehr guten Position.
Wird die neue Bundesregierung Ihrer Meinung nach die digitale Stadt vorantreiben oder eher blockieren?
Ich denke, sie wird zentrale Elemente smarter Kommunen in Umsetzung bringen müssen, da unsere aktuelle Situation, insbesondere mit Blick auf den Klimawandel und bevorstehende Extremwetterereignisse, kein anderes Verhalten mehr erlaubt. Wir sollten alle geeigneten Instrumente nutzen, um möglichst vieles von dem zu bewahren, was wir schätzen und brauchen. Smart Solutions sind solche Instrumente.
Deutschland besteht nicht nur aus Großstädten und Ballungsräumen, sondern auch aus kleinen Gemeinden und ländlichen Regionen. Lässt man diese nicht zurück bei dieser Entwicklung?
Keineswegs. Unsere Smart-City-Definition betrifft Städte und Gemeinden in gleicher Weise. Kleine Kommunen sind in vielerlei Hinsicht sogar prädestiniert, um Lösungen zum Beispiel im Bereich von Remoteanwendungen – das sind Lösungen, mit denen man Distanzen überwinden kann – zu erproben. In mancher Hinsicht sind übrigens gerade kleinere Gemeinden in Baden-Württemberg größeren Städten voraus: Sozialer Zusammenhalt und eine Kultur der Resilienz müssen in ländlichen Regionen sicher weniger geübt werden.
Und wie sieht es mit den Senioren aus? Diese werden allein dadurch benachteiligt, dass sie meist weniger technikaffin sind. Wie kann man das verhindern?
Es ist von größter Wichtigkeit, Senioren aktiv in diese Entwicklungen einzubinden. Insbesondere auf kommunaler Ebene sollten Menschen in ihrem jeweiligen Umfeld an neue Lösungen herangeführt werden, etwa durch Technologiepaten oder entsprechende Lehrangebote und die Bereitstellung von technischen Geräten. Dennoch kann nicht davon ausgegangen werden, dass Prozesse des Lebensalltags durch digitale Angebote vollständig ersetzt werden können. Es gibt nach wie vor viele Menschen, die auf eine nicht technische Lösung angewiesen sind oder diese vorziehen.
Zur Person
Chirine Etezadzadeh
Geboren und aufgewachsen in Darmstadt, studierte sie Volkswirtschaftslehre an der Universität Heidelberg. Nach ihrer Tätigkeit für einen deutschen Premium-Automobilhersteller, einen führenden amerikanischen Automobilzulieferer sowie als Unternehmensberaterin in der Energiewirtschaft gründete sie das Smart City Institute in Stuttgart.
Seit über zehn Jahren gestaltet sie mit zahlreichen Projekten, Publikationen, Veranstaltungen und Vorträgen sowie beratend die Smart-City-Entwicklung mit. Von 2014 bis 2016 hielt sie Vorlesungen zum Thema „Produktentwicklung für Smart Cities“ an der Technischen Hochschule Köln. 2017 wurde ihr eine Honorarprofessur von der Beijing Information Science & Technology University verliehen. Im gleichen Jahr veranstaltete sie gemeinsam mit der Messe Frankfurt die erste Smart City Convention, „Blisscity“. Herausgeberin von „Smart City – Made in Germany“. Ihre Videoserie „Have a Tea with Dr. E. – Wie geht es Deutschland?“ ist zu finden auf www.smartcitynews.global.