Die Stadtbücherei wurde vom Architekten Arno Lederer gestaltet. Foto: Patricia Sigerist

Die Fellbacher Stadtbücherei feiert ihr 30-jähriges Bestehen am Berliner Platz. Bei der Eröffnung wurde die Lektüre noch mit Karteikarten samt Datumstempel ausgeliehen.

Fellbach - Bei manchen Neuerungen, die vor drei Jahrzehnten heiß diskutiert wurden, kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, dass dies einst tatsächlich ein Aufregerthema gewesen sein soll. So etwa, als Ende der 1980er-Jahre die Entscheidung anstand, ob die Fellbacher Stadtbücherei denn nun Videofilme in ihren Bestand aufnehmen soll – oder eben nicht. Heiße Dispute gab es im damaligen Bücherei-Team wie im Gemeinderat. Und heute? Heute wissen die jungen Nutzer der Bücherei ja nicht einmal mehr, was VHS-Kassetten eigentlich sind.

An jene Episode erinnern sich die damals Beteiligten aus einem besonderen Anlass: Im Frühsommer 1987 bezog die Stadtbücherei ihr Quartier in der Fellbacher Wohncity. Im Mai 1987 hieß es raus aus den beengten Verhältnissen im ersten Stock in der Frizstraße (im Feuerwehrhaus) – dort war die Bücherei 1948 eingerichtet worden – und rein ins neue Domizil am Berliner Platz.

Ex-OB Christoph Palm im Jahr 2002. Foto: Patricia Sigerist
Dafür war einige Vorlaufzeit notwendig gewesen. Der frühere Oberbürgermeister Friedrich-Wilhelm Kiel erinnerte in der damals erschienenen Sonderbeilage des Stadtanzeigers daran, dass der Gemeinderat bereits 1978 beschlossen hatte, „die dringend benötigte neue Bücherei im Rahmen der Schaffung einer Stadtmitte zu errichten“. Nun sei er stolz darauf, „das moderne Arkadien für Bücherfreunde eröffnen zu können – eine geistige Mitte in der somit glücklich vollendeten Stadtmitte.“ Der realisierte Entwurf des namhaften und preisgekrönten Architekten Arno Lederer ermöglichte „Platz, Platz und noch einmal Platz für die rund 40 000 vielseitigen Bücher, die nun, aus ihren beengten Verhältnissen befreit und übersichtlich geordnet, auf einen Blick zu finden sind“, schwärmte in der Broschüre die bereits damals im Kulturamt aktive, heutige Amtsleiterin Christa Linsenmaier-Wolf. Und sie glänzte mit ausgefeilten Formulierungen: „Die Fastenzeit für Leseratten und Bücherwürmer geht zu Ende. Bald werden sie wieder nach Herzenslust ihren Heißhunger nach jenen köstlichen vielblättrigen Früchten stillen können, die nicht auf dem Felde, nicht im Walde, weder im Garten noch im Weinberg wachsen, sondern in und aus den Köpfen sachkundiger und phantasiereicher Leute sprießen, die man früher Dichter und Denker hieß und heutzutage schlicht Autoren nennt.“

Zu Beginn gibt es nur Bücher, Spiele und Hörbücher

Anfangs gab’s nur Bücher, Spiele und Hörbücher. „Kassetten waren allenfalls gedacht für Sehbehinderte, die hießen ,Schumm sprechende Bücher’“, erinnert sich Linsenmaier-Wolf. Statt über elektronische Datenverarbeitung erfolgte die Ausleihe über Buchkarten. An der Theke wurde die Begleitkarte abgegeben, hinten im Buch wurde das Abgabedatum eingestempelt. Das war natürlich recht zeitraubend, „an Spitzentagen gab es eine Schlange die Treppe hoch bis in den ersten Stock“, sagt Heike Krockenberger-Mauel, die zusammen mit Sigrun Nökel die Stadtbücherei leitet.

Bei der CD-Ausleihe „musste man die Scheiben aus den Schränken holen und einlegen, das war sehr aufwendig“. Das hat sich geändert – auch weil Pop- und Rock-CDs, die vor 15 Jahren noch ein Renner waren, kaum mehr ausgeliehen werden. Die Jugendlichen laden sich die Songs aus dem Netz herunter. Später gab’s die Möglichkeit, die Medien von zuhause aus zu verlängern – per Telefon, sodass die Mitarbeiterinnen ständig am Hörer waren, um die Wünsche entgegenzunehmen.

30 Jahre nach der Eröffnung läuft alles dank Computertechnik reibungslos. Die Ausleihe erfolgt über Transponder, kleinen schmalen Clips hinten im Buch, auf denen die Daten gespeichert sind und ins Computersystem eingelesen werden. Es gibt einen Rückgabeautomaten und rund um die Uhr einen Online-Katalog mit Benutzerkonten zum Verlängern oder Vormerken.

Der Charakter der Bücherei hat sich verändert

Ohnehin hat sich auch der Charakter der Bücherei verändert. Früher war es ein reiner Ausleihbetrieb. Heute ist es ein Aufenthaltsort, ein Treffpunkt, ein Ort für stilles Arbeiten und Lernen von Schülergruppen, Studenten, Kindern und Erwachsenen. „Die Aufenthaltsqualität wurde durch zusätzliche Sitzmöglichkeiten sowie einen Kaffeeautomaten in der Lesehalle verbessert“, erläutert Linsenmaier-Wolf. Was aber zur Folge hat, dass hin und wieder „um Ruhe gebeten werden muss“. Zudem gibt es WLAN für die Internetnutzung, was eifrig in Anspruch genommen wird. Was sich nicht so gewaltig verändert hat: Zeitungen und Zeitschriften werden weiterhin gerne gelesen, das Erdgeschoss mit den Angeboten ist stets gut besucht.

Trotz aller modernen Medien – das Buch wird weiter ein Schwerpunkt bleiben. „Es gibt noch immer gute Literatur und viele Buchfans.“ Wird daraus mal eine „Stadtmedienzentrale“? Ein solcher Begriff kommt nicht in die Tüte: „Die Bücherei wird als Begriff erhalten bleiben, es gibt auf keinen Fall eine Umbenennung“, versichert Linsenmaier-Wolf. Und Negativmeldungen, wonach „das Lesen ausstirbt, können wir nicht bestätigen. Das Buch wird nicht aussterben.“

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